Gedenkfeier auf jüdischem Friedhofin Gangelt

Von: hama
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In jedem Jahr kommen mehr Mens
In jedem Jahr kommen mehr Menschen, um der jüdischen Mitbürger und ihres Schicksal zu gedenken. Foto: Karl-Heinz Hamacher

Gangelt. Es werden in jedem Jahr mehr Bürger, die sich am 9. November auf dem Gangelter Judenfriedhof zu der traditionellen Gedenkfeier treffen.

„Das Erinnern ist wichtig für unsere Zukunft”, so Diakon Stephan Lütgemeier, der wie immer zusammen mit dem evangelischen Pfarrer Mathias Schoenen und Bürgermeister Bernhard Tholen an der Gedenkveranstaltung teilnahmen. Regelmäßig dabei sind auch Realschullehrer Harry Seipold und eine Gruppe Schüler. „Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg?” Mit diesem Satz aus Christa Wolfs „Kassandra” begann er seine Einführung, die dann von den Jugendlichen weitergeführt wurde.

„Wir hören die Schreie, die längst verklungen sind”, war eine der Aussagen. „Ihre Sprache, ihre Natur und ihre Geschichte waren deutsch; sie wohnten nicht in versteckten Winkeln, sondern mitten unter uns”, ein weiterer Gedanke auf der Suche nach einer Antwort zum Beginn allen Übels. In Gangelt hatte die Synagoge in der Heinsberger Straße nicht gebrannt. Die Gefahr war wohl zu groß, dass das Feuer auf andere Häuser übergegriffen hätte. Aber die Geschichte erzählt, dass ein gutes Dutzend Gangelter dabei war, als Steine folgen und sakrale Gegenstände zerstört wurden.

Während die Sonne sich über Gangelt mit herrlichem Abendrot verabschiedete, ging über dem Wirtsberg der Vollmond auf, als Bernhard Tholen wie in jeden Jahr die noch bekannten Namen der ehemaligen Gangelter Juden vorlas.

Die menschenverachtenden Ereignisse der Reichspogromnacht liegen nun 73 Jahre zurück. Für viele Schüler wird gerade diese Phase des öffentlich beginnenden Naziterrors oft nur noch an „abstrakten” Beispielen vermittelt; der Bezug zur eigenen Umgebung, zum Dorf oder der damaligen Nachbarschaft fehlt da oft. Täter und direkte Opfer gibt es so gut wie keine mehr. Einen anderen Weg geht seit Jahren der Gangelter Realschullehrer Harry Seipold. Er hat in den 90er Jahren seine Recherchen über die Verfolgerung und Ermordung Behinderter aus Gangelt und Umgebung, aus dem Raum Heinsberg und darüber hinaus in einem Buch veröffentlicht.

Er benutzt sein umfangreiches Wissen über dieses spezielle Thema, aber auch über die Nazizeit im Allgemeinen, immer wieder im Unterricht. Es sei erstaunlich gewesen, so Seipold in einem kurzen Gespräch mit unserer Zeitung, dass die Schüler dann betroffen reagierten, „wenn ihnen offensichtlich klar wurde, dass Verfolgte des NS-Regimes einen Namen haben, einen Ort, an dem sie gelebt haben - wenn der Einzelne aus der unvorstellbaren Zahl von sechs Millionen ermordeter Juden herausgeholt wird.”

Die NS-Opfer, besonders Kinder und Jugendliche, aus ihrer Anonymität zu befreien, hier zum Beispiel mit den zahlreichen Namen der damals in Gangelt lebenden jüdischen Familien zu arbeiten, sei eine wichtige Aufgabe im Geschichts- oder Politikunterricht. „Wenn begriffen wird, dass es da Gesichter gibt, dass ich Geschäfte in Gangelt zeigen kann, die heute beliebte Anlaufstellen der Jugend sind und die damals eben von diesen Familien geführt wurden, deren ,Verbrechen es war, jüdischen Glaubens zu sein, ist das Interesse plötzlich groß.”

Seipold hat die Erfahrung gemacht, dass durch diese Betroffenheit Schüler sich auf den Weg gemacht haben, um mehr über die Zeit in Büchern, Dokumentationen, aber auch in Gesprächen mit Zeitzeugen zu erfahren. „Den Schülern wurde damit nachhaltig klar, dieses Thema hat viele wahrhaft menschliche, konkrete Züge: Kinder und Jugendliche, die mitten unter uns wohnten, mit ihren Gefühlen und Gedanken, aber vor allem auch mit ihren Hoffnungen auf ein schönes und glückliches Leben, wurden Opfer von Rassenwahn.”

Für Seipold sind die Forschungsergebnisse des aus dem Selfkant stammenden Horst Seferens zur Ortsgeschichte der Juden die wichtigsten Quellen im Unterricht. „Was hättest du getan”, fragte sich einer der Schüler am Ende der Gedenkfeier, „hättest du den Mund aufgemacht?” Das ist doch ein Stoff für das kommende Unterrichtsjahr.
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