Fünf-Dörfer-Gemeinschaft macht sich fit für die Zukunft

Von: Udo Stüßer
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Die Dörfer, wie auf unserem Bild Müllendorf, sollen nicht nur mit Freizeitangeboten locken. Auch die Nahversorgung, Mobilität und soziales Miteinander müssen stimmen. Foto: Udo Stüßer
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Sie wollen Müllendorf für die Zukunft rüsten: Hugo Classen (links)und Leonhard Kuhn.

Geilenkirchen. Die Probleme der Dörfer sind bekannt: Ortskerne veröden, während am Rande immer mehr Neubaugebiete entstehen. Die Nahversorgung ist gefährdet, wenn es sie überhaupt noch gibt. Dorfkneipen als Treffpunkte von Jung und Alt sterben aus. Vereine klagen über Mitgliederschwund, manche haben sich bereits aufgelöst.

Auch an dem kleinen 120-Seelen-Ort Müllendorf geht der demografische Wandel nicht spurlos vorüber. Die Schützenbruderschaft hat sich aufgelöst. Zum Schluss waren es nur noch 37 Mitglieder, die die Fahne hochhielten. Aber diese 37 Männer waren größtenteils zu alt, um noch marschieren zu können. Und im Vorstand Verantwortung übernehmen wollte auch niemand mehr.

„Jedes Ende ist auch ein Neuanfang“, hat sich Leonhard Kuhn, seit 20 Jahren Ortsvorsteher der Fünf-Dörfer-Gemeinschaft Flahstraß, Honsdorf, Leiffarth, Müllendorf und Würm, in dieser Situation gedacht. Er will allen zeigen: Müllendorf lebt! Dafür, dass ein frischer Wind durch die Gassen fegt, sorgt seit einigen Monaten ein neuer Verein: die Dorfgemeinschaft Müllendorf e.V. „Die Schwäche des Dorfes ist die Infrastruktur, die Stärke ist die Gemeinschaft“, weiß dessen Vorsitzender Hugo Classen.

Beide, Kuhn und Classen, hoffen darauf, dass die Stadt Geilenkirchen mit sieben anderen Kommunen aus dem Kreis Heinsberg und der Städteregion Aachen als Leader-Region gefördert wird. Die Auftaktveranstaltung zur Leader-Bewerbung findet am heutigen Mittwoch um 19 Uhr im Kulturzentrum Burg Baesweiler, Burgstraße 16 in Baesweiler, statt. Hier erhalten alle interessierten Bürger wichtige Infos zum Leader-Projekt. Hier können auch Ideen eingebracht werden, die in die endgültige Bewerbung einfließen können. Wenn es um lokale Entwicklungsstrategien geht, die mit dem Leader-Projekt durch die Europäische Union gefördert werden, kommt die Stadt Geilenkirchen sicherlich nicht mit leeren Händen, sondern mit guten Ideen, wie das Beispiel Müllendorf zeigt.

Kuhn und Classen erinnern sich an die Zeiten, in denen mehr als zehn Gaststätten mit Gesellschaftsräumen Treffpunkte für die Menschen der Fünf-Dörfer-Gemeinschaft waren. Das war eine Zeit, in der die Dorfbewohner im Ort oder in der Region gearbeitet, im Dorf eingekauft und gemeinsam gefeiert haben. Das war in einer Zeit, in der man dem Fußball-, Musik-, Karneval- oder Schützenverein angehörte oder sich in der Frauengemeinschaft sozial engagierte.

Kuhn denkt an die Zeit zurück, in der Handwerksbetriebe, zwei Lebensmittelgeschäfte, zwei Fahrradgeschäfte, eine Drogerie, ein Kurzwarengeschäft, zwei Gärtnereien und ein Sattler die Fünf-Dörfer-Gemeinschaft belebten. Übrig geblieben sind einzig und alleine ein Elektrogeschäft und ein Heizungsinstallauteur, dafür haben sich noch einige Heizungs- und Sanitärhandwerker hinzugesellt. Manche ältere Dorfbewohner sind auf den Lebensmittelwagen und den fahrenden Bäcker angewiesen, die regelmäßig in Müllendorf Station machen.

Leben im Dorf schöner machen

Der neue Dorfverein, dem mittlerweile bereits 80 der 120 Dorfbewohner angehören, will „die Kommunikation verbessern und das Leben im Dorf für Jung und Alt schöner macher“, umschreibt Hugo Classen die Ziele. Es geht dabei nicht nur um die optische Gestaltung des Ortes, sondern um echte Nachbarschaftshilfe. Es geht um soziales Miteinander und um Mobilität. Kann eine Mutter wegen Krankheit ihre Kinder nicht in die Kita bringen oder der Senior nicht mehr seine Hecke schneiden? Benötigt die alte Dame an der Ecke einen Kasten Limonade oder Hilfe beim Ausfüllen von Formularen?

„In jeder Straße wohnen jetzt zwei Ansprechpartner, die die Probleme lösen. Gegenseitige Hilfe soll eine Selbstverständlichkeit werden“, sagt Classen. Leonhard Kuhn denkt derweil schon einen Schritt weiter. Er möchte, so seine ehrgeizigen Pläne, mit Hilfe eines Elektroautos die betagten Dorfbewohner mobiler machen. „Ein ehrenamtlicher Fahrer könnte mit solch einem Fahrzeug morgens Senioren nach Geilenkirchen zum Arzt fahren. Wir wollen einen ehrenamtlich tätigen Sozial- und Fahrdienst installieren.“ Kuhn will die ältere Bevölkerung auch ohne ÖPNV mobil machen.

Dieses Modell der Nachbarschaftshilfe möchte der Ortsvorsteher in einem weiteren Schritt auf die Fünf-Dörfer-Gemeinschaft und später auf die ganze Stadt übertragen. „Die Kunst besteht darin, möglichst viele Menschen für soziales Engagement zu gewinnen“, erklärt Classen, und CDU-Mann Leonhard Kuhn fügt hinzu: „Die Politik kann sich nicht in wirtschaftliche Prozesse einbringen, sie kann nur die Rahmenbedingungen schaffen.“

Das sieht auch Bürgermeister Thomas Fiedler so. Bei der weiteren Entwicklung der Dörfer setzt er auf die „Selbstgestaltungskraft der ländlichen Bevölkerung“. Er sagt: „Die Dinge organisieren sich von unten nach oben, der Staat muss sich da zurückhalten. Die Eigenverantwortung der Dorfbewohner ist gefragt.“ Allerdings, so weiß auch er, kann die Politik die Rahmebedingungen dafür schaffen, dass die Dörfer nicht zur Schlafstätte verkommen. „Es muss wieder Leben in die Ortschaften kommen.“ Ein Ziel sieht er darin, jungen Menschen die Nutzung eines sanierungsbedürftigen Hauses im Dorfkern attraktiver wahrnehmen zu lassen, als ein Haus im Neubaugebiet. „Das geht mit guter Beratung und dem Ausschöpfen von Fördermitteln.“

Fiedler will auch Handwerksbetriebe wieder im Ort ansiedeln. „Unsere Flächennutzungspläne lassen keine Neuansiedlung von Handwerksbetrieben im Dorf zu. Bestehende Betriebe haben Bestandsschutz, neue werden in die Gewerbegebiete verwiesen. Die Politik kann die Flächennutzungspläne ändern.“ Ebenso wie Kuhn und Classen setzt auch Fiedler auf ein Netzwerk der Dorfbewohner und dabei auf Kommunikation mittels einer App. Ein gutes Werkzeug sieht Fiedler dafür im Glasfaserausbau. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass ab dem Jahr 2030 mehr als die Hälfte der in Geilenkirchen lebenden Menschen älter als 60 Jahre sein wird, ist für ihn auch die Telemedizin bald keine Zukunftsmusik mehr.

In nächster Zeit will Fiedler gemeinsam mit den Ortsvorstehern und den Bewohnern die Bedarfe in den Dörfern ermitteln. „Wir haben gute Strukturen. Wir haben viele Ehrenamtler in lebendigen Dörfern. Wir fragen aber jetzt: Wie können wir uns zukunftsfester machen?“ Für die Nahversorgung sucht Fiedler den Kontakt zu Lebensmittellieferanten. „Wenn der Bedarf da ist, könnte man einen Dorfladen als genossenschaftliche Vereinigung oder durch einen Verein führen“, lautet eine seiner Ideen.

Den Ortsvorstehern will er nun eine Prognose für den ländlichen Raum vorstellen, eine Expertenrunde soll das Thema vertiefen.

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