Fotograf an der Rennstrecke: Benzin im Blut, Zirkusduft in der Nase

Von: Daniela Martinak
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Eine ausgefallene Aufnahme von einem Autorennen.
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Mit Micheal Schumacher ist der Frelenberger per Du.
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Die Roncalli-Clowns sind immer ein lohnendes Motiv.
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Bei Roncalli gehört Kurt Sikora quasi zur Familie .
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Bernhard Paul, wie ihn selten jemand sieht: Beim Schminken.
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Kurt Sikora legt die Kamera nur ganz selten aus der Hand. Der 60-jährige Frelenberger fotografiert seit 46 Jahren alles, was im vor die Linse kommt. Foto: Daniela Martinak

Frelenberg. Gestern noch stand er in der Manege, musste sich nach der Pferdenummer den Manegenstaub von den Schultern wischen. Morgen umwehen ihn Abgase, schwarze Wolken, die kurz zurückbleiben, sobald die Rennautos die Boxen verlassen haben und über den Nürburgring fliegen. Er sorgt für das begleitende kontinuierliche „Klack, klack, klack“, wenn er abdrückt.

Kurt Sikora ist Hobbyfotograf. Insbesondere ist der 60-jährige Frelenberger ein Fan von Zirkusfotografien und Formel 1-Bildern. Zu sehen waren seine Bilder schon auf nationalen und internationalen Ausstellungen, wie etwa im Kölner Stadtmuseum oder in Gengenbach.

Wann haben Sie Ihre Leidenschaft entdeckt?

Sikora: Es begann in der Kindheit. Sobald ich ein Zirkuszelt gesehen habe, wollte ich in die Vorstellung. Ich habe sogar die Schule geschwänzt. Der Ärger mit meinen Eltern war vorprogrammiert. Ist er heute noch, wenn ein Zirkus in der Nähe gastiert und wir zum Essen eingeladen sind. Was die Formel 1 betrifft: Für Autos interessiert sich wohl jeder Junge. Mein Zimmer war tapeziert mit Rennwagenpostern. Als mir Herbert Arnolds, der Redakteur ihrer Zeitung war, im Jahr 1967 einen Martini-Rennsportkalender schenkte, war es um mich geschehen. 1969 düste ich das erste mal mit mein Moped zum Nürburgring. Seitdem habe ich Benzin im Blut.

Sind Sie dennoch hartnäckig geblieben?

Sikora: Und ob. Ich habe sogar in Bäckereien nach alten Brötchen gefragt und war unheimlich stolz, als ein Zirkusdirektor meine volle Tüte sah und mir erlaubte damit die Pferde und die Elefanten zu füttern. So habe ich auch die Artisten bei den Proben heimlich beobachten können und gelauscht, wenn das Programm besprochen wurde. Schließlich habe ich auch Plakate verteilt und somit geholfen, das Zelt vollzubekommen.

Haben Sie auch heimlich Fotos von den Artisten gemacht?

Sikora: Nein, da muss immer vorher gefragt werden. Als ich meine erste Kamera im Jahr 1963 von meinen Eltern zur Konfirmation bekam, fotografierte ich erst einmal alles, was mir vor die Linse kam. Beim Zirkus wollte ich am liebsten die Tiere ablichten. Die Fotos habe ich entwickeln lassen, wieder mitgebracht und sie den Dompteuren geschenkt.

Sind so Freundschaften entstanden?

Sikora: Richtige Freundschaften! Und die halten heute noch. Darauf bin ich sehr stolz. Nicht nur mit den Zeltarbeitern, den Artisten und den Clowns stehe ich das ganze Jahr über in Kontakt. Wenn Bernhard Paul, der Zirkusdirektor von Roncalli mich fragt, ob ich für ihn Fotos machen könnte, dann macht mich das richtig stolz.

Was fasziniert Sie so am Zirkus?

Sikora: Alles. Vor vielen Jahren habe ich meinen Jahresurlaub im Zirkus verbracht. Drei Wochen lang mit auf Reisen: Zeltaufbau, Tiere ausladen, füttern, misten, Zeltdach flicken... Immer neue Plätze: Regen, Matsch, Kälte, wenig Schlaf. Ich habe mit geholfen, zu verladen und die Manage gekehrt. Eine knochenharte Arbeit, die die Leute dort tagtäglich Jahr für Jahr haben. Ich habe großen Respekt vor allen. Seitdem noch mehr. Der Zirkus ist eine große Familie. Nur das Miteinander garantiert einen reibungslosen Ablauf.

Fühlen Sie sich wohl in der Roncalli-Familie?

Sikora: Ich fühle mich zumindest zugehörig und werde immer mit offenen Armen empfangen. Im Zirkus zählt der Mensch. Egal, welche Nationalität, Hautfarbe oder Religion er hat. In den 80er Jahren war ich vier Jahre lang mit dem Moskauer Staatscircus unterwegs. Da habe ich das Erfolgsrezept erkannt: Es liegt eindeutig in der 100-prozentigen Disziplin. In dieser Zeit war alles noch sehr streng geregelt. Da durfte ich nicht einfach zu den Artisten gehen. Geschweige denn Fotos von ihnen machen. Heute kennt mich beinahe jeder. Vor allem bei Roncalli. Schließlich steht mein Name auch in vielen Programmheften oder unter Plakatfotos.

Vom Zirkuszelt bis hin zum Nürburgring ist es ein ziemlich weiter Weg, zumindest symbolisch, oder nicht?

Sikora: Naja, was soll ich dazu sagen? Gegensätze ziehen sich an. Wobei man nicht wirklich von Gegensätzen sprechen kann. Schließlich ist beides spannend. Beim Zirkus halte ich genauso oft die Luft an, wie an der Rennestrecke.

Weil beides gefährlich ist oder wegen dem Staub und den Abgasen?

Sikora: Weil beides spannend ist. In der Manege ist höchste Konzentration gefragt. Egal bei welcher Nummer. Selbst die Clowneinlage muss bis ins kleinste Detail passen und mit den Gegebenheiten übereinstimmen. Nichts darf schiefgehen, sonst sind nicht nur die Artisten gefährdet, sondern auch das Publikum. Bei der Formel 1 ist das nicht anders. Es ist ein gefährlicher Sport, der aber geliebt und gelebt wird. Wer sich damit beschäftigt sieht hinter den schnellen Autos auch disziplinierte Fahrer und ebenfalls Leute, die zusammenhalten. Womit wir wieder beim Thema Familie sind.

Gehören Sie zur Rennfahrer-Familie?

Sikora: Mit Michael Schumacher, Niki Lauda und Mika Häkkinen bin ich per Du. Sogar ihre Anfänge habe ich live miterlebt. Reportagen und Jahrbücher, sowie Programmhefte zu ihren Spitzenzeiten – alles von mir. Mein Idol war und bleibt aber Stefan Bellof, der ja leider tödlich verunglückt ist. Für das danach jährlich stattfindende Gedächtnisrennen wollte sein Vater niemand anderen an der Seite haben, als mich. 20 Jahre lang bin ich der Funktion als Pressechef dieser Veranstaltung tätig gewesen.

Wie lange wollen sie ihrer Leidenschaft noch nachgehen?

Sikora: Ich werde meine Kamera wohl nie aus der Hand legen. Vielleicht gibt es auch unter der Erde Interessantes zu fotografieren. Ich habe tausende Dias zu Hause. Sortiert in Kisten und nach Jahren. Die verkaufe ich bald an ein Oldtimer-Magazin. Die Zirkus-Dias bekommt der Zirkus. Ob man es glaubt oder nicht, die alten Fotos sind die Besten. Wer die alten Roncalli-Wagen betritt, versteht, was ich meine. Fotografien erzählen mehr als tausend Filmaufnahmen. Es ist dieser klitzekleine Moment. Wer im richtigen Augenblick abdrückt, kann ihn einfangen.

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