Geilenkirchen - Flüchtlinge: Herr Kolaj kennt beide Seiten

Flüchtlinge: Herr Kolaj kennt beide Seiten

Von: Annika Wunsch
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Ein Flüchtling mit Kinderwagen an der griechisch-mazedonischen Grenze im März. Anton Kolaj glaubt, dass die deutsche Gesellschaft gerade von den Kindern der Zuwanderer langfristig profitieren kann. Seine eigenen fünf Kinder haben es vorgemacht. Foto: imago/Christian Mang
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Anton Kolaj in seinem Büro im Geilenkirchener Rathaus. Foto: Annika Wunsch

Geilenkirchen. Die Wände in Anton Kolajs Büro im Rathaus sind voller Zettel. Einer erklärt die Uhr – ein anderer übersetzt verschiedene Krankheitssymptome; wenn die deutschen, albanischen und arabischen Übersetzungen nicht reichen, kommen Zeichnungen ins Spiel. Der Sozialarbeiter betreut die ankommenden Flüchtlinge der Stadt Geilenkirchen. Doch er kennt auch die andere Seite.

1995 floh Kolaj mit seiner Familie aus dem Kosovo vor politischer Verfolgung.

Die Bezeichnung „Flüchtlinge“ wird oft kritisiert. Gegenvorschläge sind zum Beispiel: Geflohene, Vertriebene, Zwangsemigranten, Entheimatete. Was bevorzugen Sie?

Kolaj: Im Prinzip ist „Flüchtling“ für mich kein negativer Begriff. Das hat vielleicht mit politischer Einstellung zu tun, wie man es sieht; aber Flüchtlinge sind Leute, die ihre Heimat verlassen müssen, um einen ruhigeren Ort zu finden. Ich sage oft „Flüchtlinge“, aber ich meine es positiv: Menschen, die in Not sind und eine Unterkunft in Europa oder konkret in Deutschland suchen.

Wie sind Sie selbst Flüchtling geworden?

Kolaj: Ich komme aus dem Kosovo und bin 1995 mit meiner Familie nach Deutschland gekommen, mit Frau und vier Kindern, das fünfte wurde hier geboren. Ich bin politisch verfolgt worden. Von Beruf bin ich Diplom-Soziologe. Ich habe nach dem Studium dort 15 Jahre als Lehrer für Sozialwissenschaft, Philosophie und allgemeine Psychologie gearbeitet. Als Miloševi an die Macht gekommen ist, begann alles turbulenter zu werden, und er wollte aus den wenigen Rechten, die wir Albaner noch hatten, noch weniger machen. Dadurch sind viele, meist Intellektuelle, in den Widerstand gegangen. Ich bin politisch inhaftiert und wieder entlassen worden, durfte aber nicht mehr meinen Beruf ausüben. Da musste ich dann mein Land verlassen.

Wie ging es in Deutschland weiter?

Kolaj: Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich Asyl gesucht, mit der Hoffnung, dass die Situation im Kosovo besser wird. Ich habe als Flüchtling Glück gehabt, dass ich eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung erhalten habe, denn mein Fall war bekannt. So ist meine Perspektive besser geworden, so dass ich schneller in die deutsche Gesellschaft integriert wurde.

Und die Deutschen kamen ganz offen auf Sie zu? Oder gab es Anfangsschwierigkeiten?

Kolaj: Am Anfang gab es Schwierigkeiten, aber ich sehe es so: Ist man in einem fremden Land gelandet und wird mit einer fremden Kultur konfrontiert, so braucht es Zeit, wenn man erstmal die Sprache lernt. Ich habe damals vom Staat einen sechsmonatigen Sprachkurs in Anspruch genommen, das war nicht genug. So habe ich eigenständig versucht, jeden Tag Deutsch zu lernen. Mit den Kindern ging es etwas schneller, weil ich von Anfang an Wert darauf gelegt habe, dass sie an der deutschen Gesellschaft teilnehmen, etwa in Sportvereinen. Das ist der erste Schritt, den man als Migrant machen muss. Die deutsche Sprache zu lernen, ist das A und O.

Wie sind Sie dann Sozialarbeiter für Flüchtlinge geworden?

Kolaj: Ich gehe davon aus, dass der Staat gesehen hat, dass ein großer Bedarf an Unterstützung für die Flüchtlinge besteht. Ich hab die Anzeige gesehen und mich beworben. Ich sehe einen großen Bedarf von Sozialpädagogen und Sozialarbeitern bei Flüchtlingen, damit sie im sozialen Bereich allgemein unterstützt werden, gerade weil sie mit Sprachbarrieren konfrontiert werden. Auch gesellschaftlich gesehen ist es nicht so einfach, die Realität hier zu verstehen und zu akzeptieren. Auf jeden Fall ist die soziale Arbeit ein wichtiger Job. Es ist sehr anstrengend, weil hier in Geilenkirchen über 30 Länder vertreten sind. Und dann alle auf einen Nenner zu bringen, ist nicht immer einfach.

Was sind Ihre Aufgaben?

Kolaj: Tägliche Aufgaben sind die Unterstützung bei Behörden, Ärzten, Schulen oder Kindergärten, Asylverfahren, Kooperation oder Zusammenarbeit mit anderen Ämtern, Konfliktsituationen in Wohnungen oder Unterkünften, Menschenrechte, Frauenrechte. Wichtig ist mir, von Anfang an zu zeigen, wo die Grenzen sind, was man darf oder nicht darf, und das Gefühl zu geben, dass wir empathisch gegenüber Flüchtlingen sind. Ich habe zum Beispiel mal eine Situation gehabt, in der zwei Flüchtlinge einen Konflikt ausgetragen haben. Einer wollte keine demokratische Lösung finden, da habe ich es anders probiert und gesagt: „So, jetzt bin ich kein Sozialarbeiter, ich bin dein Bruder. Und dein Bruder sagt: Du musst das machen.“ Das hat er akzeptiert. Sie kommen aus einer anderen Familienstruktur, wo der Vater und der große Bruder etwas zu sagen hat.

Kommen so etwas öfter vor?

Kolaj: Solche taktischen Methoden sind Alltag eines Sozialarbeiters. Meistens hört man, da sind „die Muslime“. Aber Muslim ist ein allgemeiner Begriff. Unter ihnen sind auch Untergruppen; das birgt Konfliktpotenzial. Sie müssen manchmal unter einem Dach leben. Und da versuche ich dann zu sagen: „Hier sind wir alle gleich. Da gibt es keine Guten oder Schlechten. Gut ist der, der die Regeln respektiert. Und der, der nicht die Regeln respektiert, ist nicht schlecht als Mensch, aber er muss sein Verhalten ändern.“

Glauben Sie, dass Sie als ehemaliger Flüchtling einen besonderen Zugang zu den Flüchtlingen bei ihrer Arbeit haben?

Kolaj: Mir ist meine Ausbildung als Sozialarbeiter und Soziologe wichtiger. Kann gut sein, dass ich, weil ich selber ein Flüchtling und Asylbewerber war, auch ein Ohr für die Probleme habe. Aber allein Flüchtling zu sein ohne Qualifikation reicht nicht.

Wenn Sie Ihre Situation damals mit der Situation der Flüchtlinge heute vergleichen, gibt es da irgendwelche Unterschiede?

Kolaj: Ich habe den Eindruck, dass die Ehrenamtler engagierter sind. Ansonsten sind es im Prinzip die gleichen Schicksale: Asylsuche, fremd sein, orientierungslos sein, Schwierigkeiten im Umgang mit den Behörden, mit der Umgebung, mit Nachbarn, Konfliktsituationen mit der Außenwelt, aber auch mit sich selbst. Denn wir sind hier, der Krieg ist da und der Rest der Familie bleibt da. Dann steht man am nächsten Tag auf und hört die Nachrichten. Da fühlt sich ein Flüchtling oder Asylbewerber auch hier nicht wohl. Er lebt mit den Emotionen und den Gedanken in der Heimat, solange der Krieg weitergeht. Und so ist es auch mir ergangen, bis der Krieg zu Ende war.

Die Grundsituation ist wahrscheinlich für jeden Flüchtling auf der ganzen Welt ähnlich. Aber im Bezug auf Deutschland: Haben wir etwas gelernt im Umgang mit Flüchtlingen und Integration?

Kolaj: Erstmal ich sehe in dieser Situation eine sehr große Herausforderung für die deutsche Gesellschaft. Das, was Deutschland anbietet und realisiert, ist sehr positiv und lobenswert. Leider haben andere europäische Staaten nicht mitgespielt, und so ist die ganze Last in Deutschland geblieben. Die Ehrenamtler sind hier aber besonders engagiert. Ich sehe etwas negativ, dass die Asylverfahren sehr lange dauern. Das behindert die ersten Schritte zur Integration.

Inwiefern?

Kolaj: Wenn die Asylverfahren schneller bearbeitet werden, so dass entschieden wird, ob jemand bleibt, dann geht die Integration mit Sprachkursen und anderen Maßnahmen los. Wenn das Asylverfahren so lange dauert, dass man lange keine Antwort oder eine negative Antwort bekommt und dann Gerichtsprozesse kommen, dauert das Jahre und behindert die Integration der Flüchtlinge. Allerdings gibt es auch ein interessantes Phänomen, dass es auch Flüchtlinge gibt, die nicht hier bleiben wollen. In der jetzigen Situation, wo Krieg in Syrien, Irak und auch Afghanistan ist, ist das dann wieder ein großes Problem.

Also viele Flüchtlinge aus Syrien oder Irak wollen nach dem Krieg wieder zurückkehren?

Kolaj: Ja, viele wollen zurück, weil sie sagen, dass sie zu Hause relativ gut gelebt haben. Ich denke mir, dass die Mittelschicht der Gesellschaft von Syrien und Irak betroffen ist und sie da in ihren Verhältnissen relativ gut gelebt haben.

Ist es denn realistisch, dass sie tatsächlich zurückgehen?

Kolaj: Es ist schwer, diese Frage zu beantworten. Die Hauptfrage ist, wie lange dieser Krieg noch dauert. Und wenn es drei oder fünf Jahre sind, dann sind die Kinder schon in der Schule relativ stark integriert. Viele können dann besser Deutsch als ihre Muttersprache. Wenn man nach so vielen Jahren wieder zurück in die Heimat geht, dann fühlt man sich dort fremd. Und in diesem Land, wo alles durch den Krieg zerstört ist, gibt es keine Integrationschancen. Also ist es sehr schwer, diese Frage mit Ja oder Nein zu beantworten.

Wie werden die Flüchtlinge unsere Gesellschaft langfristig verändern?

Kolaj: Wenn ich jetzt dieses Phänomen abstrakt sehe, würde ich sagen, dass Deutschland von den Kindern der Flüchtlinge profitieren kann, wirtschaftlich, gesellschaftlich und kulturell.

Können Sie das erklären?

Kolaj: Wenn die Kinder von der Schule gehen und eine Ausbildung machen, benötigt die Wirtschaft Fachkräfte und generell Arbeitskräfte. Dann bringt auch jeder ein Segment einer anderen Kultur mit und begegnet der deutschen Kultur. Und so können auch die Deutschen etwas von einer anderen Kultur sehen und nehmen, bewusst oder unbewusst durch tägliche Kontakte und Austausch. Dieses Geben und Nehmen ist ein Prozess, der manchmal einfach so spontan läuft. In diesem Sinne denke ich mir, braucht man keine Angst zu haben, weil die Geschichte der Flüchtlinge, Migranten oder auch Gastarbeiter zeigt, dass viele, aus welcher Ecke sie auch gekommen sind, sehr stark im wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben integriert sind. Leider redet man darüber nicht so offen.

Was können deutsche Bürger, die nicht konkret mit Flüchtlingen zu tun haben, tun, um Migranten beim Einstieg in die deutsche Gesellschaft zu helfen?

Kolaj: Ein Bürger sollte sich nicht zum Opfer machen lassen von dieser nationalistischen oder extremistischen Politik. Der Bürger braucht keine Angst vor Flüchtlingen zu haben. Wollen Sie ein konkretes Beispiel? Ich habe fünf Kinder. Drei Jahre habe ich als Sozialhilfeempfänger von den Leistungen der Stadt gelebt, bis ich einen Job gefunden habe. Die Kinder sind hier in die Schule gegangen und haben Ausbildung oder Studium beendet. Und das, was meine Kinder schon jetzt an Steuern bezahlt haben, ist mehr als das, was sie von der deutschen Gesellschaft bekommen haben. So gesehen sind langfristig auch andere Flüchtlinge zu betrachten. Nicht sofort, aber in Zukunft, wenn die Integration gelingt, kommt das Geld wieder zurück. Das ist meine Hauptthese: Man braucht keine Angst vor Migranten zu haben.

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