Geilenkirchen - FDP: „Noch nicht Friede, Freude, Eierkuchen“

FDP: „Noch nicht Friede, Freude, Eierkuchen“

Von: Jan Mönch
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„Mein Eindruck ist, dass viele nun einfach erleichtert sind, dass es weitergeht“: Der neue FDP-Vorsitzende Björn Speuser. Foto: Jan Mönch

Geilenkirchen. Bislang war es ein katastrophales Jahr für die Geilenkirchener FDP. Bereits im Januar gelangten interne Querelen an die Öffentlichkeit. Es folgte ein niederschmetterndes Wahlergebnis, das drei Sitze im Stadtrat und den Verlust des Fraktionsstatus bedeutete.

Anschließend lieferten der Ehrenvorsitzende Fred Solenski und der Noch-Vorsitzende Markus Melchers sich eine öffentliche Schlammschlacht. Fragen warf auch die Wahl Björn Speusers zum neuen Vorsitzenden auf: Der Süggerather konnte nämlich nicht die laut eigener Landes-Geschäftsordnung eigentlich notwendige absolute Mehrheit auf sich vereinigen, verließ den Parteitag aber dennoch als Nachfolger von Melchers.

Herr Speuser, als neuer Vorsitzender der Geilenkirchener FDP übernehmen Sie einen Trümmerhaufen. Warum tun Sie sich das an?

Speuser: Von einem Trümmerhaufen würde ich nicht sprechen. Es gab allerdings einige Dispute, schon vor der Wahl. Warum ich mir das antue: Ich bin der Drittälteste in der Partei. Ich bin um die Jahrtausendwende eingetreten. Wenn man also die Entwicklung der Partei über einen so langen Zeitraum miterlebt hat, dann macht man sich Gedanken. So konnte es nicht weitergehen. Hätte Markus Melchers nicht von sich aus abgedankt, hätte ich wahrscheinlich intern Unterschriften gesammelt, die man bräuchte, um eine Abwahl zu erwirken. Ich habe zuerst mit meiner Frau, dann mit Nils Kasper (einziger verbliebener FDP-Ratsherr – Anm. d. Red.) darüber gesprochen, dass ich gerne Markus beerben würde. Da erst habe ich erfahren, dass er gar nicht weitermachen will.

Klingt, als stellten Sie Ihrem Vorgänger ein schlechtes Zeugnis aus.

Speuser: Für das Jahr 2014, ja. Bis dahin hatte Markus den Verband gut geführt, sich reingekniet, viel Zeit investiert.

Was war der entscheidende Fehler?

Speuser: Unsere Kandidatenliste für die Kommunalwahl. Da wurde so dermaßen viel hintenrum telefoniert und getrickst. Markus war leider ein Freund von Absprachen. Das war nicht mehr tragbar. Ich würde Markus also nicht generell ein schlechtes Zeugnis ausstellen. 2014 aber hat er versagt. Er hat die Truppe nicht beisammengehalten.

Nun der Neuanfang. Hätte dazu nicht gehört, dass der gesamte Vorstand zurücktritt?

Speuser: In meinen Augen nicht. Wenn ein Fußballverein vom Abstieg bedroht ist, wird der Trainer ausgetauscht, nicht Präsidium oder Mannschaft. Aus der Presse kennen die Menschen meist nur Toska Frohn, Fred Solenski, Markus Melchers und Nils Kasper. Dass wir mit Stefan Kassel außerdem einen super Schatzmeister im Vorstand haben, dem jeder Cent auffällt, oder mit Schriftführer Holger Koch einen Profi, der auch Verwaltungsangestellter ist, wird vergessen. Oder Florentine Steffens, unsere Beisitzerin, die viel überregionalen Weitblick hat. Da sehe ich also überhaupt keinen Handlungsbedarf. Es gibt keinen Grund, das Personalkarussell zu drehen. Wir sind bombe aufgestellt.

Sie standen als Einziger zum Vorsitz zur Wahl. Was sagt es aus, dass Sie trotzdem keine absolute Mehrheit erhalten haben?

Speuser: Es gibt noch Uneinigkeiten. Aber mein Eindruck ist, dass viele nun einfach erleichtert sind, dass wir einen neuen Vorsitzenden haben und es endlich weitergeht. Ich lege auch keinen Wert auf sozialistische Ergebnisse wie in China, wo der Kandidat sämtliche Stimmen bekommt.

Sie haben den Parteitag als Vorsitzender verlassen, obwohl hierfür eine absolute Mehrheit notwendig gewesen wäre. Sobald jemand an den Landesverband herantritt, besteht dort Handlungsbedarf.

Speuser: Da mache ich mir keine Sorgen. Man war, wie gesagt, erleichtert. Sonst wäre meine Wahl ja sofort moniert worden. In meinen Augen bin ich von der Mehrheit akzeptiert und gewollt. Damit gebe ich mich zufrieden. Wenn ich falsch liegen sollte, wäre ich natürlich enttäuscht, klar. Ich müsste aber auch sagen: Leute, ich habe es versucht, es hat nicht funktioniert. Ich werde mich nicht an meinem Stuhl festklammern.

Wie wollen Sie den Dampfer wieder auf Kurs bringen?

Speuser: Erst mal will ich mit den Personen, die noch nicht ganz konform sind, Einzelgespräche führen. Wir haben noch nicht Friede, Freude, Eierkuchen. In Vier-Augen-Gesprächen wird eher offen geredet als an einem großen Tisch. Da ist die Hemmschwelle zu groß. Ich will, dass wir bis Ende dieses Jahres wieder in dem ruhigen Fahrwasser sind, in dem wir Ende vergangenen Jahres waren.

So viel zum Internen. Was ist mit der Öffentlichkeitsarbeit?

Speuser: Ich habe Projekte im Hinterkopf, die wir in Angriff nehmen sollten. Aber erst mal muss Ruhe einkehren. Ich würde auch gern sehen, dass wir vorläufig aus der Presse verschwinden, vor allem dass es in diese Richtung keine Einzelaktionen mehr gibt. Die Leute schlagen doch die Zeitung auf, lesen nur die Buchstaben FDP und denken direkt: Oh Gott, was haben die jetzt schon wieder angestellt.

Es soll also Gras über die Sache wachsen?

Speuser: Das klingt mir zu negativ. Es soll Ruhe einkehren. Das heißt aber nicht, dass wir irgendetwas aussitzen wollen. Hinter den Kulissen arbeiten wir an uns und an unserem Wiederaufstieg.

Woher dieser Optimismus?

Speuser: Wegen des Wahlabends. Da hingen die Köpfe bis in den Keller. Ich selbst war von vier Sitzen im Stadtrat ausgegangen, wenn es schlecht läuft von dreien...

...bis zum Wahlabend? Wirklich?

Speuser: Ja. Vielleicht war das naiv, gebe ich zu. Jedenfalls saßen wir am Wahlabend bei Jabusch, und ich fand es faszinierend, wie wir uns gegenseitig aufgebaut haben. Keiner hat gesagt: Ich habe die Schnauze voll, ich wechsele die Partei oder Ähnliches. Einen solchen Optimismus habe ich nie erlebt, das hat mich stolz gemacht auf unseren Ortsverband.

Die FDP fliegt reihenweise aus den Landtagen, auch aus Berlin hat sie sich verabschiedet. Wofür braucht Geilenkirchen liberale Politik?

Speuser: Da zitiere ich gern den Slogan unseres Heinsberger Verbands: „Ihre kritische Stimme“. Das trifft es. Ich glaube auch, dass wir ein gutes Wahlprogramm hatten. Da möchte ich gern mal den sehen, der das schlecht fand. Die Punkte kann unser Ratsherr Nils Kasper immer noch einbringen.

Durch den Verlust des Fraktionsstatus aber nicht ohne fremde Hilfe.

Speuser: Nein, aber zusammen mit anderen Ratsmitgliedern.

Also: wofür liberale Politik?

Speuser: Für die Bürgernähe. Und uns zeichnet aus, dass wir den kritischsten Blick auf Finanzthemen haben. In der Ratsarbeit haben wir nie einen Vorschlag gemacht, bei dem die Finanzierung unklar ist. Das ist eine Sache, die ich bei anderen Parteien vermisse. Ausgaben und Einsparungen sind bei uns im Gleichgewicht. Unsere Anträge sind immer sehr klug ausgetüftelt – ein weiteres Verdienst unseres Schatzmeisters Stefan Kassel. Wenn wir in der FDP zusammensitzen, hat jede Stimme das gleiche Gewicht. Wir machen nicht diese Kirchturmpolitik wie zum Beispiel die CDU. Würde die FDP von der Bildfläche verschwinden, wäre das schlecht für die Stadtentwicklung und die konzeptionelle Arbeit im Rat und in den Ausschüssen. Da braucht man uns.

Unabhängig von Geilenkirchen ist die Marke FDP schwer beschädigt. Welche Rolle spielt bei der Kommunalpolitik dieser Bundestrend?

Speuser: Das ist mein persönliches Unwort des Jahres. In der FDP hat es als Generalausrede für alles hergehalten. Das sind verfälschte Indikatoren. Es mag aber sein, dass es Wähler gibt, die sagen: Die FDP in Berlin nervt, also wähle ich sie in Geilenkirchen auch nicht. Oder umgekehrt: Bei der Bundestagswahl entscheide ich mich für die FDP, also auch bei der Kommunalwahl. Wenn wir im Ortsverband zusammenkommen, reden wir aber kaum über Bundespolitik. Uns ist Geilenkirchen wichtig.

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