Fake News auf der Spur: Genossenschaft will Mythos der Bockreiter lüften

Von: Jan Mönch
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Auf dem Bock durch die Lüfte von Tatort zu Tatort: So stellte die Justiz die Bockreiter dar. Abzulesen ist das heute noch an Denkmälern wie diesem in Herzogenrath. Foto: Jan Mönch
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In der alten Brauerei in Pannesheide soll sich um 1741 eine Räuberbande ausgetobt haben. Die Tat wurde später den Bockreitern zugeschrieben. Foto: Jan Mönch

Übach-Palenberg/Herzogenrath. Das Geständnis ließ kaum Fragen offen. In einer Kapelle sei man zusammengekommen, auf dem Altar lagen Kleider mit Kreuzbild, eine steinerne Marienstatue und zwei Kerzenleuchter. Dann leisteten die Anwesenden den gottlosen Eid: „Alle zusammen sagten wir dann, Gott und die Mutter Gottes abzuschwören und dem Teufel zu dienen“, man werde nur noch „morden, stehlen und brandschatzen“.

Becx ist einer von über 600 Bürgern, die im Verlauf von 35 Jahren als Bockreiter hingerichtet werden. Die Recherchen der euregionalen Bockreitergenossenschaft fördern ihr Schicksal heute, rund zweieinhalb Jahrunderte später, wieder zu Tage. Die Genossenschaft hat elf Mitglieder, außerdem gibt es eine Bockreiterstiftung mit sieben Mitgliedern, der „Kreis der Interessierten“ wird auf rund 90 beziffert. Sie fragen: Was ist Mythos, was ist Wirklichkeit?

Robin Hoods der Neuzeit?

Die wahren Begebenheiten spielen sich im alten Herzogtum Limburg, der Grafschaft Loon und den damaligen Ländern von Overmaas ab. Heute erinnern Statuen an die Bockreiter, auch Cafés, Vereine und ein Altenheim haben sich nach ihnen benannt. Der landläufigen Überlieferung nach handelte es sich um eine Räuberbande, die Teile ihrer Beute an die Armen verschenkte. Waren die Bockreiter also Robin Hoods der Neuzeit?

Rainald Folz, als Vorstandsmitglied der Bockreitergenossenschaft zuständig für den deutschsprachigen Bereich, ist sicher, dass da nichts dran ist. Weder wurde Beute verschenkt noch gab es eine Räuberbande. Dennoch sei es zu durchaus brutalen Überfällen auf Gehöfte oder auch Pfarrämter gekommen. Auch in einer Brauerei, die Mitte des 18. Jahrhunderts in Pannesheide betrieben wurde, soll eine Bande gewütet haben: 1741 drang die Horde dort ein, misshandelte die dort Lebenden und feierte noch vor Ort mit einem zünftigen Besäufnis. So wird es erzählt im Text eines unbekannten Autors.

„Jetzt mußte der Sieg gebührend gefeiert werden! Ein großes Saufgelage hub an, das sich mehrere Stunden hinzog! Zum Schluß zerschlugen die Einbrecher die großen Lagerfässer, in denen das Bier lagerte, so daß das Bier in den Keller strömte und die dort gefesselt Liegenden ihre liebe Not hatten, nicht den Tod des Ertrinkens zu sterben. ‚Sauft doch, sauft doch! Es ist Euch vergönnt!‘ riefen die betrunkenen Bockreiter den entsetzten Hausbewohnern zu.“

In Wirklichkeit, ist Rainald Folz sicher, gingen die Überfälle auf völlig verschiedene Täter zurück, die nichts miteinander zu schaffen hatten. Der Mythos von auf Böcken durch die Lüfte reitenden Übeltätern, die mit dem Teufel im Bunde stehen, sei von der Justiz geschaffen worden, um ihr brutales Vorgehen gegen vermeintliche Täter zu rechtfertigen. „Heute würde man von Fake News sprechen“, sagt Folz.

Unter Folter kam es dann zu zweifelhaften Geständnissen wie denen des Hendrik Becx. Oft wurden noch weitere Mitbürger beschuldigt, denen es dann ähnlich erging. Das, was Folz und seine Mitstreiter recherchiert haben, erinnert an die Hexenjagden des Mittelalters. Viel später erst, beginnend im 19. Jahrhundert, sei der Mythos einer mildtätigen Räuberbande hinzugedichtet worden.

Interesse in Niederlanden größer

Bockreitergenossenschaft – das klingt ein wenig nach Folklore.Doch mit ihren Recherchen verfolgen die Mitglieder den wissenschaftlichen Anspruch, den sie bei vielen Publikationen zum Thema vermissen: Sie steigen in Archive, suchen Kontakt zur Politik, schließen sich mit professionellen Historikern kurz. Das funktioniere in den Niederlanden bislang deutlich besser als in Deutschland, was vor allen Dingen damit zu tun hat, dass der Name Bockreiter („Bokkenrijders“) dort viel stärker im kollektiven Gedächtnis verhaftet ist als diesseits der Grenze.

Dementsprechend weckt man dort auch sehr viel leichter Interesse an den wahren Hintergründen. Doch auch in Deutschland geht es voran. Zurzeit verleiht die Genossenschaft den Titel „Bockreitergemeinde“ an Kommunen, die mit der Geschichte der Bockreiter zu tun haben. Auf deutscher Seite haben Alsdorf, Herzogenrath und Übach-Palenberg eingewilligt. Die Stadt Übach-Palenberg nahm den Ball bereits auf, dort gibt es nun eine Bockreiterstraße. Auch mit Geilenkirchen steht man in Kontakt. Vielleicht gibt es ja auch dort bald eine Bockreiterstraße.

Wer Kontakt mit der Bockreitergenossenschaft aufnehmen will, kann das per Mail an r.folz@rpg-institut.de tun. Seite 21

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