Erinnerungen an die NS-Zeit niedergeschrieben

Von: Udo Stüßer
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Er schreibt seine Erinnerungen an die NS-Zeit nieder: der Geilenkirchener Friedrich Bach. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. „Wie konnte so etwas widerspruchslos geschehen? Wie konnte es geschehen, dass eine Synagoge brennt und keiner fragt, wer die Brandstifter sind?“ 70 Jahre nach der Evakuierung Geilenkirchens stellt der 83-jährige Friedrich Bach nicht nur Fragen.

Er will einen Beitrag leisten, damit die Ereignisse während der Herrschaft der Nationalsozialisten in Geilenkirchen „wachgehalten und vor dem ewigen Vergessen vielleicht bewahrt bleiben“, wie er erklärt. Seit einigen Jahrzehnten beschäftigt er sich mit der NS-Zeit. Dabei ist er kein Historiker, sondern war bis 1991 in der Finanzabteilung des Bistums Aachen tätig.

Derzeit schreibt er seine Kindheits-Erinnerungen an die NS-Zeit nieder, um „aus der Vergangenheit Lehren zu ziehen“. Zunächst sollte es sich nur um einen Beitrag für die Familienchronik handeln. Doch angesichts der Fülle des Stoffes drängte sich ihm die Frage auf, ob diese Erinnerungen nicht für einen größeren Leserkreis publiziert werden sollte.

„Im September 1944 ging hier schon alles drunter und drüber“, beschreibt er die Ereignisse vor 70 Jahren. Bach erinnert sich noch sehr gut an zersprengte deutsche Militäreinheiten, die unter den Pappelbäumen um Geilenkirchen Schutz vor den Angriffen aus der Luft suchten. Während die meisten Erwachsenen bangten und sich ängstlich fragten, wie es weitergehen würde, fand er selbst „alles spannend und abenteuerlich“. „Am 19. September wurden die Ortschaften Grotenrath und Teveren ohne nennenswerten deutschen Widerstand von amerikanischen Truppen besetzt“, hat Bach in seinen Erinnerungen festgehalten.

Am 13. September schon hatten die Menschen in Geilenkirchen den Räumungsbefehl erhalten. „Es hieß, dass wir in kurzer Zeit wieder zu Hause sein würden und deswegen auch nur Handgepäck mitzunehmen brauchten“, beschreibt Friedrich Bach den Auftakt Odyssee. Sein Vater hatte kurz zuvor im Garten einige Schätze vergraben. Er durfte allerdings nicht evakuiert werden, weil er dienstverpflichtet wurde. Er hatte die Kasse der Schanzarbeiter zu verwalten. „Am späten Nachmittag des 13. September stand im Bahnhof Geilenkirchen ein erster Sonderzug zum Abtransport für einen Teil der Zivilbevölkerung bereit. Der Zug setzte sich in Bewegung. Wir fuhren in die Nacht hinein und wussten nicht wohin. Alles kam anders, als man uns gesagt hatte.“

Friedrich Bach, der am 13. April 1937 in die fünfstufige katholische Volksschule Geilenkirchen aufgenommen wurde, erinnert sich auch an seine ersten Schuljahre und an die Ereignisse in Geilenkirchen. Zu seinen frühen Erinnerungen gehört der Brand der Synagoge in Geilenkirchen in der Pogromnacht 1938. „Die am Tatort anwesende Feuerwehr hatte dafür zu sorgen, dass der Brand nicht auf Nachbargebäude übergriff. Sie machten sich auf dem Dach der Synagoge zu schaffen. SA-Männer, die von uns als Braunhemden bezeichnet wurden, habe ich auch dabei gesehen. Gekannt habe ich keinen. Angeblich sollen die Brandstifter auswärtige SA-Männer gewesen sein“, schildert Bach die Ereignisse. Deutlich in Erinnerung hat er, dass Betstühle, Bücher und liturgische Geräte vor dem Synagogen-Portal auf einem großen Haufen lagen. „Ob die brennende Synagoge beziehungsweise die Pogromnacht im anschließenden oder späteren Schulunterricht ein Thema waren und ob in der Öffentlichkeit gegen die Brandstiftung der Nazis protestiert worden ist: Nichts davon ist in meinem Gedächtnis registriert.“

In seinem Elternhaus hat der junge Bach mitbekommen, „dass von den armen Juden die Rede war, denen nicht einmal Zeit gelassen wurde, sich ihre Schuhe anzuziehen, als sie aus ihren Häusern verjagt wurden“. Von Protesten aus Kirchengemeinden gegen die Schikanen an den Juden hat er nichts bekommen. „Man hatte das unbestimmte Gefühl, dass die Schikanen und Leiden, die die jüdischen Bürger erdulden mussten, von einem Teil der Bevölkerung als unabwendbar, schicksalhaft und bei einfachen frommen Menschen vielleicht sogar als Strafe Gottes an den Juden als gerecht angesehen wurden.“ Bach erinnert sich an die Tatsache, „dass enteignetes jüdisches Grundeigentum auf ordnungsmäßigem Wege über die Gemeindeverwaltung in den Besitz deutscher Bürger gelangen konnte“.

Niedergeschrieben hat Bach auch seine Erinnerungen an die Kriegsjahre, an die vielen Ernteeinsätze auf den Bauernhöfen in der Umgebung. „Natürlich wurde die Hilfe von uns Schulkindern bei der Kartoffelernte gebraucht. Unendlich viel Unterrichtszeit ging uns verloren durch die Belegung der Schulen vor Ausbruch des Westfeldzugs im Frühjahr 1940 mit deutschem Militär.“ Fliegeralarme häuften sich tagsüber und nachts. „Anfangs hatten wir vor Freude getanzt, wenn wir beobachten konnten, wie deutsche Jagdflugzeuge feindliche Flugzeuge aus den Bomberverbänden herausschossen. Von Mitgefühl für die dabei oft zu Tode gekommene Flugzeugbesatzung keine Spur.“

So erlebte Bach aus nächster Nähe den Absturz eines feindlichen, viermotorigen amerikanischen Bombers vor dem Rittergut Muthagen. „Später erhielten die Gegner mehr und mehr die Lufthoheit. Wir Deutsche wurden selbst immer mehr die Gejagten. Feindliche Jagdflugzeuge beschossen im Tiefflug alles, was sich am Boden bewegte. Unvergessen bleibt der Angriff auf einen Kleinbahnzug im Selfkant, bei dem viele Tote zu beklagen waren.“

Friedrich Bach wird noch weitere seiner Erinnerungen aufschreiben. Denn: „Der sicherste Schutz gegen den Einfluss nazistischen Gedankengutes ist die Kenntnis der Geschichte der NSDAP. von den Wurzeln bis zum Suizid Hitlers.“

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