Else Burghardt wird 100 Jahre alt: Sie blickt auf ein bewegtes Leben zurück

Von: Renate Kolodzey
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Freut sich auf die Feier gemeinsam mit ihren Urenkelkindern Arne und Jana: Else Burghardt feiert heute ihren 100. Geburtstag. Sie blickt zurück auf ein sehr bewegtes Leben. Foto: Renate Kolodzey

Übach-Palenberg. „Es gefällt mir gut hier – es ist so, als wäre ich im Urlaub!“, lobt Else Burghardt das Übacher Awo-Seniorenheim, in dem sie seit letztem Jahr wohnt. Bis zu ihrem 98. Lebensjahr lebte sie noch alleine in Heesen bei Hamm. Am Donnerstag, 27. April, vollendet sie ihr 100. Lebensjahr.

In Berlin wurde sie am 27. April 1917 als Else Sinasohn geboren. Sie hatte einen Bruder und eine Schwester. Ihr Vater fiel im Ersten Weltkrieg, so dass ihre Mutter, eine Jüdin, die Kinder alleine durchbringen musste und als Wäscherin arbeitete.

Nach der Schule absolvierte Else eine Schneiderlehre in Berlin. Mit ihrem ersten Ehemann, Otto Maiwald, bekam sie zwei Mädchen und einen Jungen, die allesamt bei Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen. Auch Else Burghardts Geschwister starben in den mörderischen Auseinandersetzungen.

Als die Jubilarin Mitte 20 war, wurde sie auf dem Weg zur Arbeit von der Gestapo aufgegriffen und in das Konzentrationslager Auschwitz gebracht. Hier überlebte sie nur deshalb, weil sie für die Wachoffiziere nähte, wenn Uniformen zerrissen waren oder Knöpfe fehlten.

Die Knöpfe, die man ihr dafür gab, stammten von der Kleidung der getöteten Juden. Einmal wollte sie einer der Aufseher vergewaltigen, doch Else wehrte sich, so dass er von ihr abließ. Zur Strafe wurde sie in die medizinische Abteilung gebracht, wo Experimente mit vielen Spritzen, wie sie noch genau weiß, mit ihr gemacht wurden.

Fünf Jahre musste sie das Martyrium Auschwitz erdulden, bis sie 1945 von den Amerikanern befreit wurde. „Das Tor wurde aufgemacht und wir durften hinauslaufen, jedenfalls wer noch laufen konnte!“, erinnert sie sich schaudernd. Eine Blechdose mit Knöpfen nahm sie mit, um sie achtungsvoll aufzubewahren. Wieder in Freiheit, erfuhr die Jubilarin, dass auch ihre Mutter den Krieg nicht überlebt hatte.

Nach einiger Zeit gelang es Else Burghardt, in einer Aalener Gastwirtschaft eine Stelle in der Küche zu ergattern. Hier fühlte sie sich nach fünf Jahren Hunger und Durst „wie im Himmel“.

Ihr zweiter Mann, Alfons Burghardt, ein Bergmann aus Heesen bei Hamm, war hier Gast, und sie verliebten sich, heirateten 1946 und wohnten in Heesen. Nachfolgend hatte die Jubilarin mehrere Fehlgeburten, was sie auf die Experimente in Auschwitz zurückführt.

Schließlich erblickte doch noch Sohn Klaus bei bester Gesundheit das Licht der Welt, er lebt heute mit seiner Frau Claudia in Übach-Palenberg. Mittlerweile freut sich die Jubilarin nicht nur über ihre Enkel Yvonne und Sebastian, die in Oberhausen und Aachen wohnen, sondern vor allem über ihre Urenkel Arne (7) und Jana (4).

Neben ihren Hobbys Stricken, Nähen und Häkeln hat sich Else Burghardt seit langem sozial engagiert: So ist sie seit 71 Jahren Awo-Mitglied und organisierte Gruppenreisen mit Kindern, Bingo- und Kaffee-Nachmittage. Ihr Antrieb, so verrät sie, war immer: „Ich wollte immer anderen helfen, weil ich damals selbst einmal Hilfe brauchte.“

Ebenfalls 71 Jahre ist sie SPD-Mitglied, war lange im Heesener Stadtrat und Schöffin am Dortmunder Landgericht. Sogar das Bundesverdienstkreuz erhielt sie 1985, eine Auszeichnung, die sie locker sieht und meint: „Die hätten mir lieber zehn Mark geben sollen!“

Was das Essen betrifft, ist die Jubilarin nicht wählerisch: „Ich esse, was auf den Tisch kommt“, konstatiert sie, „am liebsten Sauerkraut mit Klößen und Pferde-Roulladen – aber die bekomme ich hier nicht!“ Auch einen großen Eisbecher verspeist sie mit Genuss. An Getränken bevorzugt sie Kaffee: „Die Kanne voll – und die wird ausgetrunken!“, lacht sie.

Nichtsdestotrotz schläft sie gut und schätzt am Awo-Heim, dass sie so lange schlafen darf, wie sie will – oft bis 9.30 Uhr. Zu ihrem Ehrentag meint sie: „Wenn ich an meinem 100. Geburtstag noch lebe, feiere ich ihn in einer Gaststätte, ich will dann nicht auch noch arbeiten!“ Ihre Familie möchte ihr hingegen in ihrem Heim, Carlstraße 2, ein schönes Fest bereiten mit Besuch von Nachbarn, Awo- und SPD-Mitgliedern sowie dem Bürgermeister. Eines haben sie ihr aber versprochen: Sie muss ganz gewiss nicht arbeiten!

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