Geilenkirchen - Eine Zeit, an kleine Wunder zu glauben

Eine Zeit, an kleine Wunder zu glauben

Von: Naima Wolfsperger
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Es ist sein Weihnachtsgeschenk: Hamza darf endlich seinen Bruder in Lüneburg besuchen.
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Abdoullie träumt von einer Profifußballkarriere.
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Amir Massoud will Architekt werden.

Geilenkirchen. Der 16-Jährige wünscht sich kein Fahrrad. Zumindest ist ihm dieser Wunsch nicht so wichtig, dass er ihn ausspricht. Es geht um Weihnachten und darum, was es für ihn bedeutet. Lieber als alles andere hätte er gerne ein Stückchen Plastik: „Ich würde mich freuen, wenn es den Weihnachtsmann gäbe und ich einen deutschen Ausweis bekäme.“

Im Laufe des vergangenen Jahres wurden ihm so einige Namen gegeben: Gambianer, unbegleiteter minderjähriger Ausländer (UMA), Flüchtling. Eigentlich heißt er Abdoullie. Und auch Abdoullie wünscht sich ein Gefühl von Weihnachten. Denn selbst wenn man nicht mit dieser Tradition aufgewachsen ist, so sind die besinnlichen Tage eine Zeit für Träume, in der die Hoffnung auf kleine Wunder erlaubt ist.

Obwohl es mit einiger Wahrscheinlichkeit zumindest zeitnah nichts wird mit der deutschen Staatsbürgerschaft, so ist für den Jungen das vergangene Jahr eines der besten in seinem Leben gewesen, „ich kann hier zur Schule gehen. Und ich bin den Mitarbeitern von Krach dankbar, dass sie sich um uns kümmern.“ Krach, „kurz für Krise als Chance“, ist eine ambulante Kinder- und Jugendhilfe, die seit 2015 auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufnimmt.

Einen Weg zurück gibt es für Abdoullie nicht. Losgezogen ist er mit seiner Mutter und seiner Schwester. Als er vor etwa einem Jahr in Deutschland ankam, war er allein. Drei Jahre war er unterwegs. Viel mehr will er von seiner Reise nicht erzählen. „Die Geschichte ist zu lang.“ Anfangs sei es schon komisch gewesen in Deutschland. Abdoullie lächelt etwas nervös und blickt auf seine im Schoß gefalteten Hände. „Wo ich herkomme, sind alle Jungs schwarz.“ Seine Mitbewohner lachen. Nicht nur, weil auch ihre Haut eine andere Farbe hat als seine – es ging ihnen ähnlich. Inzwischen hat er sich eingelebt, geht in die zehnte Klasse der Realschule und spielt Fußball im Verein. Sein zweiter großer Traum: „Fußballer beim FCB werden!“ Aber falls nichts aus der Profifußballerkarriere bei Bayern München wird, geht er gerne in die Schule und möchte etwas Greifbares lernen.

17 Routen, das haben die Krach-Mitarbeiter recherchiert, Kennzeichnen die Fluchtwege der Schützlinge, die von der Jugendhilfe betreut werden. Zählt man die Fluchtstrecken zusammen, dann sind sie 120.661 Kilometer gereist. Zu Fuß, im Schlauchboot, mit dem Zug.

Einige tausend dieser Kilometer hat auch Amir Massoud zurückgelegt. Der junge Mann aus dem Iran träumt davon, Architekt zu sein. Als in seiner Schule eine Klassenfahrt nach Kroatien anstand, wollte er nicht mit. Vier Tage war er dort während seiner Flucht. „Es war sehr kalt. Ich habe so gefroren, dass ich nicht schlafen konnte.“ Es gab kaum Essen oder Wasser.

2,5 Monate hat Amir Massoud gebraucht. Auf der Wanderung aus dem Iran in die Türkei ist er mit einer Gruppe von Flüchtlingen durch ein Gebirge gewandert. Als die iranische Religionspolizei auftaucht und das Feuer eröffnet, laufen alle los. Eines der Kinder ist aber zu langsam und fällt zurück. Es wird getroffen und stirbt. Diese Erinnerung ist ihm geblieben von den Wochen seiner Flucht. Und auch jene, als er an der griechischen Insel Lesbos aus einem überfüllten Schlauchboot steigt: Das Boot hinter seinem sinkt, die Menschen ertrinken. In Rosenheim, Bayern, wird Amir von der Polizei aufgegriffen und in ein Lager nach Geilenkirchen geschickt. Dort wird er von einer Krach-Mitarbeiterin in Empfang genommen. „Hier ist Deutschland“, sagt sie. „Ich weiß das“, sagt er.

Amir fühlt sich hier wohl und blickt voller Hoffnung in seine Zukunft. Um sich seinem Architekten-Traum näher zu fühlen, muss es aber nicht Weihnachten sein, denn er hat einen Plan: Nach der Schule will er eine Ausbildung zum Bauzeichner machen, dann studieren. Dass dieser Berufsweg mehrere Jahre dauern wird, schreckt ihn nicht ab: „Bereits in der Ausbildung kann ich einiges lernen.“

Im Iran habe er Filme über Weihnachten in Deutschland gesehen. „Da gab es immer Schnee. Und jetzt ist hier gar keiner.“

Hamza vermisst den Schnee

Hamza (16) aus Syrien kennt das kalte Weiß aus seiner Heimat – und vermisst es. Nach etwa zwei Monaten Flucht ist er in München angekommen, vergangenes Jahr. Dann wurde er nach Köln gebracht und schließlich nach Geilenkirchen. Sein großer Bruder ist drei Monate vor ihm angekommen und lebt in Lüneburg. Bisher haben die Behörden den beiden aber noch nicht ermöglicht, in derselben Stadt zu leben. Hamzas Weihnachtsgeschenk: „Über die Feiertage darf ich meinen Bruder besuchen!“

Die Hoffnungen, die die Jugendlichen zur Weihnachtszeit in Deutschland haben, waren ihnen zuvor fremd. Im vergangenen Jahr haben sie neben der Sprache auch etwas anderes gelernt: endlich mal Kind, endlich mal Jugendlicher sein – und Träume haben.

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