Gangelt - Eine umstrittene Mauer vor den Toren Birdgens

Eine umstrittene Mauer vor den Toren Birdgens

Von: Jan Mönch
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Diese Straße leitet den Besucher nach Birgden hinein. Rechts entsteht ein Neubaugebiet, aber das können von diesem Standort aus nur extrem große Menschen sehen. Foto: Jan Mönch
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„Mr. Aretz, Tear down this wall!“: Beim Karnevalsverein Berder Perringe wurde der Betonzaun schon durch den Kakao gezogen. Foto: Markus Bienwald

Gangelt. Es ist ein wenig in Vergessenheit geraten, aber ursprünglich war der Karneval auch dazu da, sich über die Obrigkeit lustig zu machen, über die Preußen zum Beispiel. Heute braucht man den Karneval dazu nicht mehr unbedingt, die Meinungsfreiheit hat unabhängig von katholischer Folklore Bestand.

Umso schöner ist es, wenn ein Karnevalsverein die Feierei mit dem Hinweis auf Ärgernisse zu kombinieren weiß, so wie die Berder Perringe mit ihrem Bühnenbild bei der Perring-Party kurz nach Neujahr: „Mr. Aretz, Tear down this wall!“, stand dort in blauen Lettern auf grauem Grund – Herr Aretz, reißen Sie diese Mauer nieder.

Der Satz stammt aus der Epoche des Kalten Krieges, im Original richtete Reagan ihn an Gorbatschow, die Rede war von der Berliner Mauer. Und eine Frage stand bei der Karnevalsparty auch noch im Bühnenbild: „Watt nu?“ Hierbei handelt es sich nicht um ein Reagan-Zitat, beantwortet hätten viele Birgdener die Frage aber trotzdem ganz gerne.

Die Mauer, um die es im Birgdener Dorfgeflüster seit einiger Zeit geht, ist eigentlich ein Betonzaun, und der Betonzaun säumt die Straße ins Neubaugebiet Jankerfeld III, grau und undurchdringlich, der Produktdesigner verrichtete sein Werk unter dem Primat der Zweckdienlichkeit. Der Zweck war der Lärmschutz, doch zugleich ist der Betonzaun nun auch ein Sichtschutz.

Wer von Gillrath aus über die Kreisstraße 3 in Richtung Birgden fährt, aber kurz vor dem bisherigen Ortseingang links abbiegt, den geleitet er rechter Hand gut und gerne 200 Meter nach Birgden hinein. Hein Aretz, Bürgermeister a.D. und Ur-Birgdener, hat mit der Sache natürlich nichts zu tun. Aber immerhin trägt die Straße, deren zukünftige Bewohner nun von ihren Gärten aus freien Blick auf das Betonpanorama haben werden, ausgerechnet seinen Namen, dies nur als Pointe am Rande.

Markus Clemens, der Vorsitzende des Karnevalsvereins, will die Sache mit dem Bühnenbild gar nicht zu hoch gehängt wissen. Man nehme sich auch keinesfalls heraus, „für das Gros der Birgdener zu sprechen“. Andererseits sei die Mauer in Birgden aber ganz sicher Dorfgespräch genug, um sie zu verulken, fand man im Verein. Schließlich lebt man als Birgdener in einem allgemein sehr schönen Ort, und da passen 200 Meter nackter Beton eben nicht so gut rein. Die Mauer war reif fürs Bühnenbild. Also: Watt nu?

Wer sich vor Ort genauer umsieht, der erblickt auch eine Werbetafel des Herstellers: „Zäune für die Ewigkeit“, steht da. Eine selbstbewusste Ansage, der selbst die Bauherren der Berliner Mauer nicht gerecht werden konnten, wie man heute weiß. Allerdings muss eine Mauer ja nicht sichtbar sein, bloß weil sie vorhanden ist. Dies ergibt ein Anruf bei Bernhard Tholen, Hein Aretz‘ Nachfolger im Amt des Bürgermeisters. Er habe bislang nicht gewusst, dass die Mauer auf ein solches Missfallen stößt, sagt er. Die Frage „Watt nu?“ kann er aber trotzdem aus dem Stegreif beantworten: „Ich sehe da kein Problem. So eine Mauer lässt sich doch wunderbar bepflanzen.“ Ein Radweg sei übrigens auch noch geplant.

Natürlich ist es gewagt, die Berliner Mauer in die Nähe des Birgdener Betonzauns zu rücken, aber die Idee stammt ja auch aus dem Karneval. Dennoch ist es nicht mal der einzige Vergleich, der sich zwischen dem kleinen Birgden und dem großen Berlin ziehen lässt. Wer Ende der 90er Jahre auf der Kuppel des Reichtags stand, der sah Baukräne, so weit das Auge reicht: Berlin war wieder Hauptstadt geworden, es gab viel zu tun. Die Birgdener Skyline bietet dieser Tage ein ähnliches Bild, nur eben kleiner. Jankerfeld III ist bei Weitem nicht das einzige Neubaugebiet, Birgden steht für das Gangelter Wachstum: Kräne allenthalben. Der Ortsteil hat jetzt schon mehr als 3000 Einwohner, ist damit größer als Gangelt selbst und wird weiter wachsen.

Die Projekte bringen es mit sich, dass die Gemeinde ein sehr guter Auftraggeber für Gutachten aller Art ist, ein solches führte auch zum Birgdener Betonzaun. Eine „schalltechnische Untersuchung“ kam zu dem Ergebnis, dass entlang der Tempo-50-Zone (momentan gilt hier noch Tempo 70) eine zwei Meter hohe Lärmschutzmaßnahme hin müsse, der Betonzaun, und dort, wo weiter Tempo 70 gelten soll, sogar eine drei Meter hohe Maßnahme. Auch sie ist schon vorhanden, es handelt sich um einen Erdwall mit einigem grünen bis – jahreszeitlich bedingt – bräunlichen Gestrüpp drauf. Über den Wall hat sich bislang anscheinend niemand geärgert. Das lässt auch für das künftige Ansehen der „Birgdener Mauer“ hoffen.

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