Eine Kaiserlinde erinnert nun an einen Gerechten

Von: Markus Bienwald
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Sie wollen die Erinnerung aufrecht erhalten: Helmut Landscheidt (links) hat sich intensiv mit dem Schicksal von Theo Kranz beschäftigt. Rechts: Udo Langendorf vom Technischen Betrieb der Stadt. Foto: Markus Bienwald

Übach-Palenberg. Ungemütlich ist das Wetter, als Helmut Landscheidt einen Tag vor der heutigen Baumpflanzaktion im Naherholungsgebiet Marienberg zum ersten Mal die ausgewählten Bäume betrachtet. Nicht für sich oder die Mitglieder des von ihm mitvertretenen Vereins für Denkmalpflege und Landschaftsschutz sind die vom Verein für den Bürgerwald der Stadt gestifteten Bäume gedacht. Vielmehr sind sie wachsende Erinnerungen an einen Gerechten unter den Völkern.

„Denn der Übach-Palenberger Bürger Theo Kranz erfuhr nun eine späte Ehrung“, wie Landscheidt erzählt. So wurde Kranz posthum am 21. Oktober bei Feierstunden in Jerusalem und in der israelischen Botschaft in Berlin der Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen.

„Nun gehört er zu den 510 deutschen Bürgern und 24.000 Menschen weltweit, die vom Staate Israel die höchste Auszeichnung an Nichtjuden erhalten haben“, berichtet Landscheidt, der aus vielen Quellen die Geschichte von Theo Kranz aufgearbeitet hat.

Vor allem stützt sich der Heimatgeschichtler aus Marienberg dabei auf die Dokumentationen des Historikers Dr. Andreas Kossert, einem Mitarbeiter der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin. Kossert hat auch über Kranz, der am 31. September 1980 im Alter von 83 Jahren in Übach verstarb, viele Daten recherchiert.

Bevor Kranz zwischen 1964 und 1980 seinen Lebensabend in Übach-Palenberg verbrachte, war er in Leipzig Zuhause. „1914 meldete er sich freiwillig als Soldat“, so Helmut Landscheidt weiter, „und im Ersten Weltkrieg lernte er, den Krieg zu hassen, und desertierte.“

Mehrmals die Arbeit verloren

Als evangelischer Christ war es für ihn kein Problem, 1934 in Leipzig die geschiedene Jüdin Beate Adler zu heiraten. Natürlich galt gemäß dem während des Dritten Reiches herrschenden Rassenwahns das Zusammenleben als „privilegierte Mischehe“, dennoch konnte ihnen ein Jahr später das Ja-Wort vor dem Altar nicht verwehrt werden. „Mehrmals verlor Theo Kranz seine Arbeitsstelle, weil er mit einer Jüdin verheiratet war“, weiß Landscheidt.

Die Zeiten wurden nicht einfacher, dennoch stand er zu seiner Frau und schützte sie, so gut es ging. So ist auch ein Vorfall dokumentiert, als er am 1. Mai 1936 bei einem Betriebsfest wegen seiner Verbindung zur Jüdin Beate Adler beschimpft wurde. „Die Massenmorde in den Konzentrationslagern sind der Familie Kranz bekannt“, macht Landscheidt deutlich.

So hörte er von seinem Bekannten Konrad Opitz, der von einer Baustelle in Tschenstochau kam, dass die dortigen Bauhilfsarbeiter alle aus den KZs kamen. „Bei uns sind nur Juden aus den KZs beschäftigt“, sagte der Bekannte ihm, und ergänzte: „Aber bloß etwa sechs Wochen, dann gehen sie durch den Kamin.“

Nie erfahren, wie seine Frau starb

Belegt ist, dass Theo Kranz bei diesen Worte einen eiskalten Schauer verspürte. Aber auch die Familie Kranz konnte sich nicht dauerhaft gegen die unmenschliche Hetze verwahren. So wurde Beate denunziert, weil in ihrem Postsparbuch der zwingend vorgeschriebene Vorname „Sara“ fehlte, prompt wurde sie wegen so genannter „versuchter Tarnung der jüdischen Rasse“ verhaftet.

„Ohne Gerichtsurteil kommt sie zwei Monate später in ein Leipziger Gefängnis und wird am 6. November 1943 nach Auschwitz deportiert“, berichtet Helmut Landscheidt weiter. Ein Abschied für immer, wie sich schnell zeigen sollte, denn bereits am 3. Januar 1944 erhielt Kranz die Nachricht, dass seine Frau in einem Krankenhaus in Auschwitz verstorben sei. „Er hat nie erfahren, wie seine Frau wirklich starb“, sagt Landscheidt mit versteinertem Gesicht, „die Leiche sei im staatlichen Krematorium eingeäschert worden, hieß es.“

Diese Ungewissheit, gemischt mit unendlicher Trauer über den Tod seiner geliebten Frau und dem Unverständnis darüber, dass ihm keinerlei Nachricht über die Todesumstände zuteil wurden, ließen Theo Kranz zu einer einmaligen Provokation der Staatsorgane greifen. Er gab in den Leipziger Neuesten Nachrichten eine Todesanzeige auf, bei der er verschlüsselt von tragischen Todesumständen sprach und allen, die über seine Lebensverhältnisse bescheid wussten, damit signalisierte, dass hier großes Unrecht geschehen sei.

„Dass die gemeinsame Wohnung der Familie bei einem Bombenangriff am 3. Dezember 1943 zerstört wurde, machte ihm schließlich nichts mehr aus, da seine Familie ja bereits zerstört war“, schließt Landscheidt. Das Erlebte machte ihn zu einem Menschen, der allen denen, die seine Hilfe brauchten, immer half.

So erfuhr auch die Familie seiner Stieftochter Leonie seine volle Unterstützung, er half ihnen bei ihrer Flucht, sorgte für Unterkunft und Versorgung, ohne sich über mögliche Folgen Gedanken zu machen. „Ohne ihn hätten wir nicht überlebt“, berichtet der heute 90-jährige Enkel Walter Frankenstein.

Helmut Landscheidt freut sich, dass mit den beiden Bäumen, die als stete Erinnerung nun für Theo Kranz und seine im KZ ermordete Frau gepflanzt werden, auch ein Stück langfristige Erinnerung ins Stadtbild mit einzieht. Die Bäume werden auch an die letzten Momente von Theo Kranz und seiner Frau erinnern. „Als sie die Stufen des Waggons hochgegangen war, drehte sie sich oben noch einmal um, lächelte und winkte mir ein letztes Mal zu. Diese Geste soll mich begleiten bis ans Ende meines Lebens“, schrieb Theo Kranz einmal.

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