Geilenkirchen - Ein Straßenschild, das in die Zukunft weist

Ein Straßenschild, das in die Zukunft weist

Von: Johannes Gottwald
Letzte Aktualisierung:
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Im Jahr 4013 stimmt der Straßenname – bis dahin hat sich in der Teverener Heide ein stattliches Hochmoor entwickelt. Foto: Johannes Gottwald

Geilenkirchen. Ein wenig vollmundig klingt es schon, wenn man in Grotenrath das Straßenschild liest. „Zum Hochmoor“ scheint Außergewöhnliches zu versprechen. Zwar leitet diese Straße zu einem Feldweg, der tatsächlich auf die Kiefernwälder der Teverener Heide zuführt. Aber dort gibt es kein Hochmoor, und ob es jemals früher eines dort gab, erscheint eher zweifelhaft. Bezieht man den Straßennamen jedoch auf die Vergangenheit unserer Region, so ist er wahrlich keine Übertreibung.

Denn Sümpfe und Moore waren noch im Hochmittelalter im Geilenkirchener und Heinsberger Land weit verbreitet. Sie begleiteten der Lauf der Wurm, kamen aber auch im Selfkant vor, wo Ortsnamen wie Langbroich, Schalbruch und Isenbruch noch heute daran erinnern. In der Nähe von Isenbruch wurde sogar noch vor 60 Jahren Torf abgestochen und bis etwa 1900 bestand noch das Gangelter Bruch, das ebenfalls auf diese Weise genutzt wurde. Auf die Menschen üben Sumpf- und Moorlandschaften stets die Faszination des Unheimlichen aus. Das ist nur allzu verständlich, denn es kann Lebensgefahr bedeuten, wenn man sich bei Dunkelheit oder Nebel in diesen unwegsamen Gebieten verläuft.

In vorchristlicher Zeit dienten die Moore auch als Hinrichtungs- und Opferstätte. Noch heute stößt man gelegentlich auf Moorleichen. Sie sind für die Archäologie von außerordentlicher Bedeutung, da menschliche Körper in Mooren besonders gut konserviert werden – sogar die Gesichtszüge lassen sich noch nach Jahrtausenden rekonstruieren.

„Der Knabe im Moor“

Kein Wunder also, dass Moore auch als Aufenthaltsort von bösen Geistern und Hexen galten und die Phantasie der Dichter anregten. Bekannte Beispiele sind „Der Knabe im Moor“ von Annette von Droste-Hülshoff oder „Der Erlkönig“ von Goethe. Im Laufe der Zeit wurden fast alle Moore in unserer Gegend urbar gemacht und in fruchtbares Ackerland verwandelt. Nur in der Teverener Heide blieben einige kleine Moore bestehen, da sich der Sandboden ohnehin nicht für die Landwirtschaft eignete. Zwar handelt es sich fast durchweg um Flachmoore, aber sie stehen dennoch unter strengem Naturschutz. Sie stellen wertvolle Öko-Nischen für seltene Pflanzen, Reptilien und Amphibien dar, sind daher meist eingezäunt und dürfen von den Spaziergängern nicht betreten werden.

Wie kommt es zur Bildung eines Moores? Eine Grundvoraussetzung ist das Vorhandensein von viel Wasser. In der Teverener Heide herrschen dafür optimale Bedingungen, denn unterhalb des Sandbodens befindet sich eine undurchlässige Tonschicht. Da nun in unserer Gegend ziemlich reichlich Niederschlag fällt, konnten sich an allen niedrig gelegenen Stellen Tümpel und kleine Seen bilden. Jedes stehende Gewässer hat jedoch eine Tendenz zur Verlandung: Von der Uferregion aus wachsen Schilfrohr, Binsen, Seggen und andere Pflanzen immer weiter in den See hinein.

Ihre abgestorbenen Teile bilden zusammen mit den Überresten von Kleintieren am Boden eine Schicht von Faulschlamm, die allmählich immer höher wird. Schließlich wird der ganze See davon ausgefüllt und die Wasserfläche verschwindet bis auf einen kleinen Rest – ein Flachmoor ist entstanden. Solche Flachmoore finden sich in der Teverener Heide an mehreren Stellen. Dazu gehören die „Flachslöcher“, die „Kuhute“ und das „Einsame Moor“. Sie sind flächenmäßig nur klein und liegen zum Teil recht verborgen. Viel größer und bedeutender ist das Moor „Wiggelewak“, das bereits zum Typ des „Zwischenmoores“ gehört. Denn selbstverständlich bleibt die Entwicklung nicht bei einem Flachmoor stehen.

Schütterer Bruchwald

Die abgestorbenen Pflanzenteile werden im feuchten Boden nur unvollständig zersetzt, so dass zunehmend Torf entsteht. Nun können sich Pflanzen ansiedeln, für die es vorher zu nass war, allmählich entsteht ein schütterer Bruchwald aus Kiefern, Birken, Weiden und Erlen. Die wachsende Torfschicht bewirkt jedoch eine zunehmende Isolation vom Grundwasser. Damit werden die Nährstoffe immer knapper, da sie von den Bäumen verbraucht werden und durch das Regenwasser nicht ersetzt werden können. Der Boden versauert zunehmend und begünstigt das Wachstum von Torfmoosen. Sie verdrängen bald jede andere Vegetation und der Bruchwald stirbt langsam ab.

Diese Entwicklungsstadien lassen sich im Zwischenmoor Wiggelewak gut beobachten. Hier ist die Torfschicht schon auf über 50 Zentimeter angewachsen, und man findet bereits einige typische Hochmoorpflanzen wie das Wollgras und den seltenen gewordenen Sonnentau, der mit seinen Blättern Fliegen einfängt und daher auch in manchen Gärtnereien zum Kauf angeboten wird. Nach dem Verschwinden des Bruchwaldes ist die Entwicklung zum Hochmoor nicht mehr aufzuhalten: Die Torfmoose wachsen ständig weiter in die Höhe, die unteren Teile sterben ab und bilden immer neuen Torf. In der Mitte wächst das Hochmoor stärker als am Rand, deshalb ist seine Oberfläche wie ein Uhrglas gewölbt.

Hochmoore können mehr als zehn Meter mächtig werden; da sie keinen Kontakt mehr zum Grundwasser mehr haben, saugen sie sich wie ein Schwamm voll mit Regenwasser. Daher sind Hochmoore wichtige Wasserspeicher, sie speisen auch die Eifelflüsse Rur, Inde, Weser und Urft, die im niederschlagsreichen Hohen Venn entspringen. Das Wasser wird in zahlreichen Talsperren gesammelt, die für die meisten Haushalte unserer Region das Trinkwasser liefern.

Das Zwischenmoor Wiggelewak in der Teverener Heide wird sich ebenfalls zu einem Hochmoor entwickeln. Dieser Prozess geht allerdings nicht plötzlich vor sich, sondern zieht sich über viele Jahrhunderte hin. Denn der Zuwachs an Torf beträgt durchschnittlich nur einen Millimeter pro Jahr. Aber eines Tages in ferner Zukunft wird das Straßenschild in Grotenrath nicht mehr an längst vergangenen Zeiten erinnern, sondern für lebendige Gegenwart stehen.

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