Ein Schülerleben als Teil der Generation G8

Von: Annika Wunsch
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G8 Turbo-Abitur
Über G8 und G9 wurde und wird in der nordrhein-westfälischen Landespolitik leidenschaftlich gestritten. Die kommende schwarz-gelbe Landesregierung will nun zum Abitur nach 9 Jahren zurückkehren. Foto: dpa

Übach-Palenberg. Als ich in der achten Klasse war, entdeckte mein 16 Jahre älterer Cousin an der Kühlschranktür meinen Stundenplan und merkte entsetzt an, dass er noch nicht mal in der Oberstufe so viele Stunden gehabt habe. Zwischen seiner und meiner Schulzeit liegt ein großer Unterschied, und wie groß er ist, wurde mir damals zum ersten Mal bewusst.

Mein Cousin ist neun Jahre lang auf das Gymnasium gegangen, ich gehöre zu den Abiturjahrgängen seit 2013, die für die gleiche Entwicklung nur acht Jahre (G8) hatten. Dieses achte Jahr geht bei mir zu Ende, ich mache gerade Abitur. Und just dieser Tage wird bekannt, dass in Nordrhein-Westfalen wieder G9, also das Gymnasium in neun Jahren, eingeführt wird.

Bei der Einführung des sogenannten „Turbo-Abis“ in NRW wurden immer wieder die vielen Vorteile hervorgehoben: Die Länge der Schulzeit würde anderen europäischen Ländern angepasst, die Abiturienten könnten durch den früheren Einstieg ins Berufsleben die Wirtschaft stärken und den Staat als jüngere Steuerzahler entlasten. Soweit die Theorie. Am Carolus-Magnus-Gymnasium in Übach-Palenberg habe ich in den vergangenen acht Jahren die Praxis erlebt.

Ab der Sekundarstufe I merkten wir, dass von Jahr zu Jahr die wöchentliche Stundenzahl zu- und die Zeit für Freizeitaktivitäten abnahm. Viele von uns gaben Hobbys auf. Die Trainingsstunden im Fußballverein mussten aufs Mindeste beschränkt werden, für Klavierstunden oder Tennis blieb keine Zeit mehr.

Nicht nur an meiner Schule, sondern im ganzen Land bemängelten Eltern, dass G8 ihren Kindern nicht mehr genug Freizeit lasse. Das Schulministerium reagierte 2015 mit einem Erlass: Fünft- bis Siebtklässer sollen pro Tag maximal 60 Minuten für Hausaufgaben aufwenden, ältere Schüler bis zur zehnten Klasse 15 Minuten pro Tag mehr. An Tagen mit Nachmittagsunterricht, vor Wochenenden und vor Feiertagen dürfen eigentlich gar keine Hausaufgaben aufgegeben werden.

Diese Regelung ist nicht umsetzbar. Denn jeder Schüler braucht unterschiedlich lang für die Hausaufgaben und erst recht, um Vokabeln zu lernen. Vor allem aber wird kein Problem dadurch gelöst, dass der gleiche Stoff in kürzerer Zeit durchgenommen werden muss. Die Schüler schienen jetzt mehr Freizeit zu haben. In Wirklichkeit erhöhte der Erlass den Druck auf Schüler und Lehrer aber noch zusätzlich.

Hauptursache für die meisten Probleme von G8 ist meiner Meinung nach der Lehrplan. Was früher in neun Jahren gelehrt wurde, musste nun auf acht zusammengestaucht werden. Vor allem Ende der Mittelstufe und Anfang der Oberstufe liegen große Sprünge im Niveau der Themen und der methodischen Anforderungen. Mal hatte man das Gefühl, auf der Stelle zu treten, dann wieder schienen die Lehrer kaum zu wissen, wie sie den Unterrichtsstoff in der vorgeschriebenen Zeit durchnehmen sollten.

So kam es zum Beispiel, dass in Mathematik jedes Schuljahr ein Thema aus Zeitmangel kurzerhand weggelassen wurde, was natürlich nicht lange gutgehen konnte. In der Oberstufe fiel meine neue Mathelehrerin aus allen Wolken, als sie merkte, dass wir noch nie mit Stochastik in Berührung gekommen waren. Bis in die Vorbereitung auf das Zentralabitur dieses Jahr habe ich diese Lücken nicht schließen können. Alle Schüler in NRW legen ja dieselbe Abiturprüfung ab, und natürlich kann da nicht berücksichtigt werden, an welcher Schule welche Defizite herrschen.

Vor allem meine letzten beiden Jahre der Oberstufe, die Qualifikationsphase für die Abiturprüfung, glichen einem Dauersprint. Alles schien nur darauf ausgerichtet zu sein, so viele Punkte wie möglich zu sammeln und so viel Faktenwissen für die zentralen Prüfungen wie möglich aufzusaugen. Für mögliche Vertiefungen der Unterrichtsthemen oder Projektarbeiten, die in unseren Schulbüchern immer wieder vorgeschlagen wurden, war so gut wie keine Zeit.

Während der Prüfungsphasen, bei denen die eine oft direkt in die andere überging, blieb uns oft nichts anderes übrig, als den Unterrichtsstoff in letzter Sekunde irgendwie auswendig zu lernen, egal ob man ihn verstanden hatte oder nicht. „Bulimie-Lernen“, nannte das mein Mathelehrer und warnte: Der gelernte Stoff würde sich so niemals im Langzeitgedächtnis festsetzen. Und er behielt recht. Bis zur Vorbereitung auf die Abiturprüfung hatte ich einen großen Teil wieder vergessen.

Auf Elternabenden war das G8 oft Gesprächsthema. Meine Lehrer klagten mehr oder weniger offen über die Mängel des Lehrplans und die Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Unser Schulleiter bezeichnete G8 gar als „Unfug“.

Und auch mit Mitschülern habe ich über die Jahre immer öfter über die verkürzte Zeit auf dem Gymnasium geredet – die meisten sind ebenfalls G8-Gegner. Wobei es Ausnahmen gibt: Mein Mitschüler Nils zum Beispiel sagt, dass er sich gut vorbereitet fühlt und sich freut, schon jetzt ein Studium beginnen zu können. Warum den längeren Weg wählen?, fragt er. Wobei auch Nils an der Umsetzung von G8 einiges auszusetzen hat, was aber seiner Meinung nach durch Reformen überwindbar gewesen wäre.

Fakt ist jedenfalls: Seit der Einführung fallen nicht mehr Schüler durchs Abitur als früher. Die Noten werden tendenziell immer besser. Und auch wir haben es ja überstanden. Spricht das alles nicht doch für G8?

Meiner Meinung nach nicht. Ich denke, dass die Art, auf die unsere Schulzeit verlaufen ist, langfristig Folgen für unser Leben haben wird. Schulzeit und Jugend sollen dafür da sein, eine solide Allgemeinbildung zu erlangen, eigene Interessen zu entwickeln und Erfahrungen zu sammeln, die einen so gut wie möglich auf das Leben als Erwachsener vorbereiten. Kurz: Eine Reife zu erlangen, die nicht zwangsläufig etwas mit der Abi-Note am Ende der Schulzeit zu tun hat. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass G8 darauf ausgerichtet war. Die Entwicklung von Persönlichkeit und Interessen stand über Jahre im Hintergrund.

Kein Wunder, dass viele meiner Mitschüler jetzt etwas orientierungslos vor ihrer Zukunft stehen. Sie hatten in den vergangenen Jahren kaum Zeit, sich mit ihren Stärken und passenden Berufen auseinanderzusetzen. Manche von ihnen nehmen sich daher erstmal eine Auszeit, um einen Freiwilligendienst oder ein Auslandsjahr zu machen.

Eigentlich keine schlechte Sache, allerdings widerspricht dies dem Ziel der G8-Reform: Viele Abiturienten holen sich so das Jahr, das ihnen genommen wurde, wieder zurück und steigen eben nicht früher als Fachkräfte und Steuerzahler ins Berufsleben ein. Und die, die doch schon wissen, wohin sie wollen, sind noch so jung, dass sie an der Universität oder im Unternehmen als Minderjährige erstmal alles über die Eltern regeln müssen. Sie dürfen sich noch nicht einmal selbstständig für einen Studiengang einschreiben oder einen Mietvertrag unterschreiben. Die landesweite Petition gegen G8 übrigens auch nicht. Aber die hat sich ja jetzt sowieso erledigt.

Vielleicht hat Nils Recht und man hätte G8 durch geschickte Reformen retten können. Vielleicht handelte es sich bei allen Problemen doch nur um Kinderkrankheiten, die man hätte heilen können. Ich bezweifle das aber. Deshalb bin ich froh, dass das Projekt in NRW bald Geschichte sein wird. Vielleicht ist unser Schulsystem sogar irgendwann dafür bereit. Doch der erste Versuch ist in der Praxis gescheitert.

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