Ein Känguru, das „Prapsschralinen“ liebt

Von: Christina Kolodzey
Letzte Aktualisierung:
9635529.jpg
Boten dem Publikum ein äußerst abwechslungsreiches Programm: Während Jürgen Wagner aus den „Känguru-Chroniken“ vorlas... Foto: Christina Kolodzey
9635527.jpg
...improvisierte Sebastian Schade am Klavier. Foto: Christina Kolodzey

Geilenkirchen. Ein sprechendes, trotziges Känguru, schallendes Gelächter aus vielen Kehlen, vorwitzige Noten, die sich aus einem Klavier an die Luft stehlen und eine vor Lachen losprustende Pfarrerin – all dies konnte man kürzlich in einem Geilenkirchener Gotteshaus beobachten. Schuld daran waren zwei Herren.

Der eine strapazierte die Lachmuskeln des Publikums mit Vorlesen  und der andere versuchte, sie mit fantasievollen Melodien auf dem Klavier wieder zu entspannen. Die Rede ist von Jürgen Wagner, Autor aus Geilenkirchen, und Sebastian Schade, Religionslehrer am Berufskolleg Erkelenz, Pastor und Musiker aus Köln.

Und das sprechende Känguru? Es war zwar nur auf dem Papier vor Ort, wurde jedoch von Jürgen Wagner durch seine lustigen Rezitationen in den Köpfen der Zuhörer so gekonnt zum Leben erweckt, dass viele glaubten, es säße direkt neben ihnen. Vorlesen in kirchlichem Umfeld hat eine lange Tradition – früher war es in Klöstern zu jeder Hauptmahlzeit üblich. Zu Essen gab es allerdings in der evangelischen Kirche an jenem Abend nichts.

Die Idee zu dieser höchst vergnüglichen Veranstaltung hatte Pfarrerin Tanja Bodewig. Sie initiierte sie als Unterstützung für die sogenannte Familienfreizeit der evangelischen Kirchengemeinde in den Osterferien für Familien mit Kindern. Klaudia Wichmann-Plesch begrüßte die Gäste herzlich und bat bei freiem Eintritt um eine Spende für das Projekt.

Mit einer beschwingten, fröhlichen Melodie, die er, wie alle folgenden an diesem Abend, höchst kreativ im Augenblick des Spielens komponierte, leitete Sebastian Schade die Lesung ein. Jürgen Wagner erzählte, dass er auf das Buch „Die Känguru-Chroniken“ von Marc-Uwe Kling bei einem Fußballspiel seines Enkels aufmerksam geworden war: Ein Vater habe am Spielfeldrand daraus vorgelesen, und er habe es so vergnüglich gefunden, dass er es sich gleich am nächsten Tag kaufen musste.

In der ersten Geschichte „Das Känguru von gegenüber“ lässt uns der Vorleser mit witziger, punktgenauer Betonung der meist wörtlichen Rede daran teilhaben, wie das gewitzte Beuteltier bei Marc-Uwe klingelt und sich als neuer Nachbar vorstellt. Anfangs zweifelt der Autor an seinem Verstand, hinterfragt aber nicht weiter, warum er mit einem Känguru redet.

Das Beuteltier erklärt, dass es Eierkuchen backen wolle, aber keine Eier im Haus habe. Es leiht sich sämtliche Zutaten und Küchengeräte aus. Schließlich meint es resigniert: „Kein Herd!“ und übernimmt auch die Küche des Autors und lässt ihn das Backen übernehmen. Kurze Zeit später zieht es, mehr den Erzähler überrumpelnd, als ihn nach seiner Zustimmung fragend, bei ihm ein, und die beiden bilden eine Wohngemeinschaft.

Immer wieder Schmunzeln und helles Auflachen bei den Zuhörern zeigte, dass der Geilenkirchener genau den richtigen Ton traf. Sebastian Schade ließ die Gäste wieder zu Atem kommen, indem er mit wohlklingenden, virtuosen Klavierimprovisationen, intoniert mit großer Hingabe und Inbrunst, zum nächsten Kapitel überleitete.

Die Gäste erfuhren im Laufe des Abends vieles über den Alltag des ungewöhnlichen Mensch-Tier-Duos – mal bissig, mal verschroben, dann wieder liebevoll ironisch. Das Känguru argumentiert radikal und konsequent, benimmt sich aber gleichzeitig oft trotzig und bockig. Beispielsweise hat es die geniale Idee, Bücher in Stoppersocken zu stecken, damit sie nicht mehr von schiefen Regalen rutschen, und liebt Wortverdrehungen wie „Prapsschralinen“ für „Schnapspralinen“ und „Schankedön“ für „Dankeschön“.

Auch mag es nicht verstehen, warum es im Straßenverkehr „rechts vor links“ heißt und nicht umgekehrt. Es fände es auch viel origineller, wenn es nicht „recht haben“, sondern „links haben“ und nicht „Recht sprechen“, sondern „Links sprechen“ hieß.

Virtuos, mit teils ungemein zarten, fast meditativen Klängen, dann wieder so kraftvoll und raumfüllend, dass es die Zuschauer zum Füßewippen animierte, verstand es Sebastian Schade, die Konzentration vom Wort immer wieder auf die Musik zu lenken und so dem Publikum gemeinsam mit Jürgen Wagner ein äußerst abwechslungsreiches Programm darzubieten.

Mit viel Applaus honorierten die Zuhörer diese ungemein gelungene Symbiose und entließen die Akteure nicht ohne eine Zugabe dieses völlig absurden, großen Lesespaßes.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert