Ein Hof zwischen den Stühlen zweier Gemeinden

Von: Johannes Gottwald
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Die Thomashofstraße beginnt direkt hinter den Gleisen des Linderner Bahnhofes und führt Richtung Randerath. Früher verlief hier die Ortsgrenze zwischen Lindern und Würm. Foto: Gottwald
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Ein Objekt der Begierde: Das Gelände des Thomashofes, von der Leiffarther Straße aus gesehen. Um seinen Besitz lieferten sich die Gemeinden Würm und Lindern einen jahrzehntelangen Kleinkrieg.

Geilenkirchen. Wer aus Würm und Leiffarth der Landesstraße 364 folgt, passiert kurz vor dem Linderner Bahnhof den Thomashof, ein altes bäuerliches Landgut. Die dahinter liegende Straße trägt seinen Namen, sie führt unmittelbar hinter dem Bahnübergang in Richtung Randerath.

Über die Geschichte des Thomashofes ist nur wenig bekannt, namentlich erwähnt wird er nicht vor dem Jahr 1857. Ob er vielleicht mit dem seit 1354 nachweisbaren Bollmarshof identisch ist, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen.

Bekannt ist nur, dass sich um das Anwesen im 19. Jahrhundert eine kleine, weilerähnliche Siedlung bildete und später dort auch eine große Ziegelei errichtet wurde. Sie existiert jedoch nicht mehr, nur noch die Ziegelbäckerstraße, auf der anderen Seite der Bahnstrecke Aachen-Düsseldorf gelegen, erinnert daran. Heute stehen am Thomashof die mächtigen Silos der Heinsberger Agrarbetriebe.

Wer mit dem Zug daran vorbeifährt, geht wohl selbstverständlich davon aus, dass diese Gebäude ebenso wie die Straße zu Lindern gehören. Das ist aber nicht der Fall – der Thomashof war schon seit alters her Besitztum der Gemeinde von Würm. Die Ortsgrenze verlief direkt an der Thomashofstraße.

Dieser Umstand sollte nach 1945 zwischen den Gemeinden Würm und Lindern einen heftigen Streit auslösen, der sich über Jahrzehnte hinzog und zu einer handfesten Provinzposse ausartete.

Den Stein fast buchstäblich ins Rollen gebracht hatte eine Eingabe des Unternehmers Oswald Stein, der damals die große Ziegelei an der Thomashofstraße und ein Industriebaugeschäft besaß. In seinem Schreiben vom 29. Januar 1946 an den Bürgermeister von Brachelen beklagte er sich über den Missstand, dass die Tongrube der Ziegelei auf Linderner Gebiet läge, jedoch die Häuser und Bürogebäude zu Würm gehörten.

Deshalb müsse er häufig bei Baumaßnahmen in der Fabrik Doppelgenehmigungen beantragen, was lästige Gänge zu beiden Ortsbehörden verursache. Außerdem habe ihn das Amt Immendorf-Würm bei den Wiederaufbaumaßnahmen nach dem Krieg wenig unterstützt.

Er bat darum den Bürgermeister, beim Kreis Geilenkirchen eine Umgemeindung seines ganzen Fabrikgeländes nach Lindern zu beantragen. Der Bürgermeister entsprach dem Wunsch des Unternehmers, erhielt aber schon am 2. Februar die Antwort des Landrates in Wassenberg, dass der Antrag zurückgestellt werden müsse.

Auch in den beiden nächsten Jahren lag die Angelegenheit auf Eis, zumal das Amt Immendorf-Würm an einer Änderung der bestehenden Besitzverhältnisse keineswegs interessiert war.

Offenbar konnte Oswald Stein jedoch seine Nachbarn ebenfalls für sein Anliegen aktivieren, denn am 29. Oktober 1949 erhielt der Linderner Gemeinderat ein Schreiben folgenden Inhalts: „Wir Einwohner von Thomashof stellen einmütig den Antrag, aus der Gemeinde Würm ausgegliedert und in die Gemeinde Lindern eingegliedert zu werden“.

Der Brief war nicht nur von den Anwohnern der Thomashofstraße unterschrieben worden, auch die Ziegelbäckerstraße und ein Teil der Straße „Am Ringofen“ hatten sich angeschlossen. Hervorgehoben wurde in dem Schreiben, dass man sich mit Lindern politisch und wirtschaftlich verbunden fühle und auch die Kinder aus der Thomashofstraße in Lindern zur Schule gingen.

Am 16. Dezember wurde das Thema auf der turnusmäßigen Sitzung des Gemeinderates von Lindern behandelt und dem Wunsch der Bürger aus der Thomashofstraße einhellig zugestimmt. Aber der Antrag bei der Kreisverwaltung in Geilenkirchen wurde erneut zurückgestellt.

Ergebnislos blieben eine Bittschrift an den Innenminister von Nordrhein-Westfalen und eine Dienstaufsichtsbeschwerde der Gemeinde Lindern gegen die Kreisverwaltung. „Ein salomonisches Urteil wäre nötig“ titelten die Rur-Wurm-Nachrichten am 10. August 1955. Aber ein solches blieb in der Folgezeit aus. Eine Abstimmung unter den Bürgern der Thomashofstraße ergab im März 1956, dass nur 14 Bürger für den Anschluss an Lindern waren, 19 jedoch für den Verbleib bei Würm.

Als im April 1956 zwei Kinder aus der Thomashofstraße in Lindern eingeschult wurden, schickte sie der Bürgermeister persönlich nach Hause – sie sollten gefälligst in Würm zur Grundschule gehen. Sogar die Kirche mischte sich ein: Kindtaufen aus dem Thomashof wurden abgelehnt und nach Würm delegiert, selbst Verstorbene durften nicht mehr in Lindern beerdigt werden.

Der Konflikt war jetzt landesweit in die Schlagzeilen geraten. Der Regierungspräsident in Köln sprach am 2. März 1960 ein Machtwort: „Die von der Gemeinde Lindern erstrebte Eingliederung des Ortsteiles Thomashof (…) kann nicht erfolgen!“

Mit der Gemeindereform von 1972 verloren die Gemeinden Würm und Lindern beide ihre Selbstständigkeit und wurden nach Geilenkirchen eingemeindet, wo sie unter einem Dach vereinigt sind. Heute ist der Thomashof ein blühendes Gewerbegebiet – das „Grüne Kaufhaus“ und die Tankstelle werden von den Bewohnern aller umliegenden Dörfer aufgesucht.

Auch wenn das Ortsschild von Lindern an der Leiffarther Straße schon vor dem Thomashofgelände steht, obwohl Lindern streng genommen erst am Bahnübergang an der Thomashofstraße beginnt.

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