„Ein Geist der Toleranz kann nicht verschwinden“

Von: Udo Stüßer
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Sie hofft nun auf das Leader-Programm: Birgit Gerhards. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Mehr Gemeinschaftsleben in Geilenkirchen aktivieren und ein tolerantes und demokratisches Miteinander auf den Weg zu bringen waren die Ziele des Bundesprogramms „Toleranz fördern – Kompetenz stärken“. Birgit Gerhards aus dem städtischen Jugendamt, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Markus Kaumanns die Aktivitäten koordiniert, bezeichnet das Programm als „Glücksfall für Geilenkirchen“.

Fast 350.000 Euro sind in den vergangenen vier Jahren in 80 Projekte geflossen. Am 31. Dezember endet der Förderzeitraum. Unsere Zeitung sprach mit Birgit Gerhards über das Erreichte.

Frau Gerhards, sind die Geilenkirchener toleranter geworden?

Gerhards: Ja, auf jeden Fall. Bei den Bürgern dieser Stadt herrscht ein größeres Gemeinschaftsgefühl. Das stellt man in vielen Begegnungssituationen fest. Das Interesse der Menschen aneinander ist gewachsen. Das betrifft aber nicht nur die Akteure der einzelnen Projekte. Es werden auch die Menschen sensibilisiert, die nicht teilgenommen haben.

Wie viele Akteure haben teilgenommen?

Gerhards: In den 80 Projekten haben sich fast 1000 Menschen engagiert, dazu muss man aber noch mehrere tausend Besucher rechnen, die wir durch das Programm erreicht haben.

War es anfangs nicht schwierig, das Interesse der Menschen für dieses Bundesprogramm zu wecken?

Gerhards: Der Anfang war schwierig. Die Begrifflichkeit hat viele Menschen irritiert. Das Vorgängerprogramm hieß „Vielfalt tut gut“, das ist aussagekräftiger. Aber bereits mit den ersten Projekten wuchsen das Interesse und die Begeisterung. Von Monat zu Monat wurden mehr Akteure und Besucher mitgerissen. Manche Projekte hatten Multiplikatoreneffekte.

Sind Sie stolz auf die Ergebnisse?

Gerhards: Absolut! Wir haben uns hohe Ziele gesteckt: Geilenkirchen sollte eine Stadt werden, die von Vielfalt und Toleranz geprägt wird. Die Menschen sollten ein größeres Gemeinschaftsgefühl entwickeln und sich mit der Stadt identifizieren. Diese Ziele haben wir mehr als erreicht.

Dann können Sie sich nun zufrieden zurücklehnen . . .

Gerhards: Niemand lehnt sich zurück. Die Menschen sind verzaubert vom Geist des Bundesprogramms und wollen mehr aus dem machen, was sie bereits erfahren haben. Ein Geist der Toleranz kann nicht verschwinden. Wenn man Ideale für sich entwickelt hat, die man wertschätzt, vergisst man sie nicht, weil eine finanzielle Förderung nicht fortgeführt wird.

Das heißt, dass manche Akteure auch nach Projekt-Ende weiter am Ball sind?

Gerhards: Manche Teilnehmer haben einen Förderverein gegründet. Sie bleiben zusammen und sind auch in der Lage, nachhaltig wirtschaftlich für ihr Bestehen zu sorgen. Man denke nur an den Förderverein der Ortsvereine Bauchem. Die Bauchemer Vereine sind auf einem guten Weg, das nächste Fest wirtschaftlich zu sichern. Auch der Bürgertreff ist aus dem Programm gewachsen.

Und jetzt setzen Sie ganz auf die Leader-Bewerbung der Region „Aachener Revier“?

Gerhards: Ja, mit der Unterstützung dieses Programms könnten wir die bisher geleistete Arbeit fortführen. Beim Leader-Projekt geht es um vier Handlungsfelder: Ortsentwicklung und Infrastruktur, um Kinder, Jugend, Familie, Integration und bürgerschaftliches Engagement, um Natur, Klima, Kultur und Tourismus und um Wirtschaft, Ausbildung, Forschung und Energie. Um die neue Leader-Region bewerbungsfähig zu machen, finden zunächst mehrere Workshops und Strategiewerkstätten statt. Im Februar kann das Aachener Revier dann eine Bewerbung abgeben, und vor den Sommerferien gibt es eine Zu- oder Absage. Startschuss für eine siebenjährige Teilnahme wäre dann Ende des Jahres 2015.

Kinder, Jugend, Familie, Integration und bürgerschaftliches Engagement sind genau Ihre Themen.

Gerhards: Zur Leader-Bewerbung „Aachener Revier“ findet am Freitag, 16. Januar, ein Jugendworkshop in Geilenkirchen statt. Wir haben bereits Gespräche mit den Projektpartnern im Haus der Städteregion geführt und Themen diskutiert. Themen für eine Bewerbung sind natürlich Aspekte des demografischen Wandels. So kam zum Beispiel die Idee auf, einen ehrenamtlichen Fahrdienst für ältere Menschen einzurichten. Es geht aber auch um eine Annäherung der Generationen und unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Man könnte von ständigem Leerstand bedrohte Gebäude in den Dörfern in multifunktionale Dorfhäuser umbauen, die von Freiwilligen aus den Vereinen betrieben werden. So würden Dorfkerne nicht veröden, das Dorfbild bliebe attraktiver, und die Menschen hätten einen Treffpunkt.

Muss man nicht gerade nach den Krawallen von Hooligans und Rechtsextremisten weitere klare Zeichen gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit setzen?

Gerhards: Selbstverständlich! Die derzeitige Zuwanderungssituation sorgt bei manchen Menschen für viel Unruhe. Man hört in den Medienübertragungen viele Parolen, die von großer Verunsicherung und von zumeist unnötigen Ängsten zeugen. Es fehlt das Wissen gegenüber dem Fremden. In der Bevölkerung allgemein gibt es noch zu viele Berührungsängste, was fremde Menschen betrifft. Wenn man Berührungsängste abbaut, indem man sich begegnet und sich miteinander austauscht, ist der erste Schritt zu einem harmonischen Miteinander getan.

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