Ein Drama, bei dem das Böse Regie führt

Von: Jan Mönch
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Yusuf Mohammed Ali zeigt ein Foto seines Sohnes, der zusammen mit seiner Mutter in Afrika zurückgeblieben ist. Foto: Jan Mönch

Geilenkirchen. Seinen Eltern verrät er nichts, vor allem nicht der Mutter. In Eritrea hört man auf die Mutter, auch als Erwachsener. Und wüsste die Mutter, dass ihr Sohn vorhat, durch die Sahara zu gehen, dann würde sie dies nicht erlauben.

Also verschwindet Yusuf Mohammed Ali eines Tages, einfach so, mit Handschuhen und einer dicken Jacke für die Nächte in der Wüste. Er weiß, dass die Hölle vor ihm liegt und dass viele sie nie wieder verlassen, lebendig nicht und auch nicht tot. Also hämmert er sich in den Kopf, dass er es schaffen wird, immer wieder. Und er betet zu Allah, vor allem das. Das war im März.

In zwei Etappen durch die Sahara

Yusuf Mohammed Ali ist ein zierlicher Mann von 28 Jahren. Die Sahara ist eine Erinnerung. Ebenso der Weg übers Meer, von dem hier so viel in den Zeitungen zu lesen ist, doch Yusuf Mohammed Ali erzählt immer wieder von der Wüste. Er spricht gutes Englisch, trotzdem ist er manchmal etwas schwer zu verstehen.

Das liegt an seiner leisen Stimme und daran, dass im Raum nebenan Handwerker hämmern. Das Gespräch findet in einem Aufenthaltsraum der Flüchtlingsunterkunft statt, in der Yusuf Mohammed Ali nun lebt, es stehen einige abgewetzte Sofas darin und in der Mitte ein kleiner runder Tisch, den er mit einem Tuch von Krümeln und Zigarettenasche befreit. Dann erzählt er.

Der Weg durch die Wüste besteht aus zwei Etappen. Die erste, kürzere führte durch den sudanesischen Teil der Sahara. Die zweite, längere durch den libyschen. In seiner Heimat Eritrea ist Yusuf Mohammed Ali Soldat, genau wie seine sechs Brüder, von denen zwei im Krieg gegen Äthiopien getötet worden sind.

Er selbst ist der siebte Sohn seiner Eltern, und als er eingezogen wird, ist der Krieg schon vorbei. Kämpfen und töten musste er nie. Trotzdem ist er in einer durchmilitarisierten Gesellschaft groß geworden, in der es das Recht auf freie Meinung nicht gibt, dafür Willkürjustiz und staatliche Repression. Seine Frau und seinen dreijährigen Sohn will Yusuf Mohammed Ali nachholen, irgendwann. Sie warten im Sudan, bis heute.

Zwei Männer sind es, die Yusuf Mohammed Ali und 27 weitere Flüchtlinge ab der sudanesisch-libyschen Grenze durch die Wüste bringen, neun von ihnen werden es nicht schaffen. „No fear, no mercy“, sagt Yusuf Mohammed Ali über die beiden Schleuser, keine Angst und kein Erbarmen hätten sie gekannt. Er vermutet, dass es sich um ehemalige libysche Soldaten handelt. Doch eigentlich seien sie Tiere gewesen.

Wer fällt, der ist verloren

Die Szenen, die Yusuf Mohammed Ali beschreibt, sind so absurd und so grausam, als stammten sie aus einem grotesken Drama, bei dem das Böse Regie geführt hat. Ein Truck mit 28 gefesselten Flüchtlingen auf der Ladefläche. Vorne in der Fahrerkabine die beiden Libyer, ständig besoffen, ständig auf Kokain. Der Truck schaukelt die Dünen hinauf und hinunter und zwischen ihnen hindurch, wenn ein Passagier hinunterfällt, fällt er in den Tod.

Die Verbliebenen treten gegen die Fahrerkabine, doch angehalten wird nicht. Der Unglückliche verreckt gefesselt im Sand und im Geröll. Einmal kippt der ganze Truck um, die Flüchtlinge müssen ihn wieder aufrichten. Wer sich etwas gebrochen hat, der hat sich eben etwas gebrochen. Es gibt 250-Milliliter-Dosen mit Mineralwasser. Als Tagesration.

Die Libyer schleudern den Flüchtlingen die Dosen in die Gesichter. Sie wissen, dass niemand ihnen etwas tun wird, denn dann wäre allen das Verderben sicher. Feste Nahrung gibt es nicht, mehr als anderthalb Wochen lang. Nachts führen die beiden Libyer die Mädchen und die Frauen fort. Nachdem sie vergewaltigt worden sind, dürfen sie zur Gruppe zurück. Jede von ihnen ist ja 1600 Dollar wert, so viel hat die Reise durch die Wüste gekostet, und dass überhaupt jemand überlebt, liegt vermutlich daran, dass es keine Vorkasse gab.

Wie kann man so etwas überstehen, Herr Mohammed Ali? „Prepare your mind and pray“, sagt er – bereite deinen Geist vor und bete.

Yusuf Mohammed Ali ist jetzt ein Bewohner des Limitenwegs in Süggerath und wartet darauf, als Asylbewerber anerkannt zu werden. Weil ihm die sechs Sprachen, die er schon spricht (vier afrikanische sowie Arabisch und Englisch) hier nicht weiterhelfen, will er Deutsch lernen. Manchmal telefoniert er mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn, doch es ist schwer, eine Verbindung herzustellen. Und er hat auch einen kleinen Job bekommen, Yusuf Mohammed Ali leistet gemeinnützige Arbeit beim Bauhof. Zusätzlich zu seinen Regelleistungen erhält er dafür 1,05 Euro pro Stunde.

Die Kollegen seien sehr freundlich zu ihm. Und er spielt Fußball, im Mittelfeld des SV Süggerath-Tripsrath. „I’m so happy here“, den Satz sagt Yusuf Mohammed Ali im Verlauf des Gesprächs immer wieder, ich bin hier so glücklich. Er erzählt davon, wie die Süggerather Vereine sich ihm und den anderen Bewohnern vom Limitenweg vorstellten, die Karnevalisten und die Schützen, die Feuerwehr und eben die Kicker. Man merkt, wie sehr ihn das beeindruckt hat. Er spricht auch von „Mrs. Wolf“ aus dem Jugend- und Sozialamt und von „Mr. Lars“ — damit meint er den Ortsvorsteher Lars Speuser. Die Geilenkirchener seien so gute Menschen. Das Böse kannte er ja schon.

Die Reise durch die Wüste endet bei Tripolis, der libyschen Hauptstadt. Natürlich ist keiner, der sich von den Schleusern durch die Sahara bringen lässt, so dumm, im Voraus zu bezahlen, sagt Yusuf Mohammed Ali. Das Geschäftsmodell funktioniert so, dass die Flüchtlinge erst durch die Wüste gebracht und dann eingesperrt werden – in diesem Falle in ein Gefängnis außerhalb der Hauptstadt. Von dort rufen die sie Freunde und Verwandte an, die in der Heimat sind oder sonstwo auf der Welt. Und die überweisen dann Geld, wenn sie das denn können. Man begibt sich sozusagen freiwillig in die Hände von Lösegelderpressern.

Wenn einer von Yusufs Mitgefangenen nichts auftreiben kann, helfen die Schleuser mit Stromschlägen nach, am anderen Ende der Telefonverbindung müssen die Verwandten mithören. Manche der Gefangenen sterben, andere verlieren den Verstand. Yusuf Mohammed Ali nicht. „Allah was with me“, Allah war bei mir, sagt er. Das reicht ihm als Erklärung. Schließlich wird er freigelassen. Zwischen ihm und Europa liegt nur noch das Meer. Hinter ihm die Hölle.

Yusuf Mohammed Ali sagt, dass es ihm gut tut, wenn er auf dem Sportplatz ist. Dann muss er für ein paar Stunden über nichts anderes als den Ball nachdenken und darüber, wie man ihn am schnellsten ins Tor befördert.

Keine Gewaltenteilung, keine freie Presse

Eritrea, gelegen im Nordosten Afrikas, ist ein Einparteienstaat, in dem alle Entscheidungen vom Präsidenten getroffen werden. Das Parlament ist zuletzt 2001 zusammengetreten. Eine Gewaltenteilung findet nicht statt. Eine organisierte Opposition gibt es nicht. Regimekritiker werden verfolgt.

Zwischen Eritrea und Äthiopien herrscht seit 2000 Waffenstillstand, der Grenzkonflikt ist dennoch bis heute ungelöst. Die Beziehungen sind stark angespannt. Als Folge ist die Gesellschaft weitgehend militarisiert und die Privatwirtschaft stark zurückgedrängt. Eine Friedensmission der Vereinten Nationen wurde aufgrund von Behinderungen durch beide Seiten 2008 beendet.

Die Ausübung von Grundrechten ist nicht beziehungsweise stark eingeschränkt möglich. Eine freie Presse existiert nicht; Rundfunk und Fernsehen unterliegen staatlicher Kontrolle. (Quelle: Auswärtiges Amt)

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