Geilenkirchen - Ein Aushängeschild der Barrierefreiheit

Ein Aushängeschild der Barrierefreiheit

Von: Ines Kubat
Letzte Aktualisierung:
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Das Leitliniensystem im Geilenkirchener Innenstadtbereich bewertet Heinz Wolf, Vorsitzender des Blindenvereins des Kreises Heinsberg, als sehr gut. Dennoch gebe es in Sachen Barrierefreiheit noch ein paar Baustellen in der Stadt, die es in Zukunft anzupacken gelte: zum Beispiel die Bushaltestellen, wo es für Blinde und Sehbehinderte noch keine Ansagen gibt. Foto: Ines Kubat
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Heinz Wolf ist Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins des Kreises Heinsberg.

Geilenkirchen. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Kreis Heinsberg nimmt die Belange der Mitglieder ernst. Geilenkirchen ist schon auf gutem Weg.

Wenn Heinz Wolf an einer Haltestelle in Geilenkirchen auf seinen Bus wartet, muss er hoffen, dass andere Wartende ihm sagen, welcher Bus gerade einfährt oder ob seiner Verspätung haben wird. Denn Wolf ist sehbehindert, kann nur schemenhaft Dinge erkennen und Schrift nur stark vergrößert lesen. Und an Geilenkirchener Bushaltestellen gibt es keine Ansagen. Das ist ein Problem im Alltag von Menschen, die nicht die volle Sehkraft haben. Und es ist ein Problem, das Menschen mit gesunden Augen häufig gar nicht erkennen.

Solche Ansagen wären ein Beispiel dafür, was man in Geilenkirchen noch in Sachen Barrierefreiheit für Blinde und Sehbehinderte verbessern könnte, findet Wolf. Und das sagt er, obwohl er der Stadt bereits ein sehr gutes Zeugnis ausstellt: „Geilenkirchen ist eigentlich ein Aushängeschild in Sachen Barrierefreiheit für Sehbehinderte und Blinde.“

Wolf ist Vorsitzender des Blinden- und Sehbehindertenvereins des Kreises Heinsberg, der am vergangenen Samstag seinen 60. Geburtstag feierte (Bericht auf Seite 16). Seit drei Jahren leitet er die Geschicke des Vereins. Als dieser im Jahr 1956 gegründet wurde, war er ausschließlich Blinden zugänglich. Erst in den 1990er Jahren öffnete man sich auch für Sehbehinderte: Denn man erkannte, wie Wolf erklärt, dass die Interessen schließlich dieselben seien.

Mit Rat und Tat zur Seite stehen

Zu den Anfängen traf man sich vor allem, um Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Wünsche zu formulieren. An diesem Grundgedanken habe sich bis heute eigentlich nichts geändert, wie Wolf erklärt: „Zweck des Vereins ist es, Blinden und Sehbehinderten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.“ Und zwar stehe der Verein nicht nur denjenigen offen, die von Geburt an blind sind, sondern er fängt auch diejenigen auf, die im Laufe ihres Lebens die schockierende Diagnose vom Arzt bekommen, dass sie ihr Augenlicht verlieren werden: „Viele fallen dann in ein tiefes Loch und sind verzweifelt“. Ihnen bietet der Blindenverein eine Anlaufstelle: „Wir verstehen uns ein bisschen als verlängerter Arm der Augenärzte.“

Denn die Mitglieder bündeln Wissen und Erfahrung: Sie wissen, wie man den Alltag ohne oder mit eingeschränkter Sehkraft bestreitet – zum Beispiel mit kleinen Hilfsmitteln wie Geräten, die beim Einschütten von Getränken helfen oder aus der Zeitung vorlesen. Gleichzeitig wissen sie auch in bürokratischen Fragen Rat und helfen beispielsweise bei Krankenkassenanträgen, der Wohnungs- oder Jobsuche.

Einen weiteren Vorteil, dem Verein beizutreten, sieht Wolf darin, dass die Mitglieder damit auch Teil des deutschlandweiten Verbandes seien und auch in Rechtsfragen Unterstützung bekämen.

Außerdem böten die Treffen eine Möglichkeit, gemeinsam mit den psychischen Folgen des Blindseins umzugehen. „Einige Menschen verlieren durch das Erblinden ihren Lebensmut. Manche trauen sich gar nicht mehr, allein vor die Tür zu gehen.“ Und zwar aus Angst, auf Hindernisse zu stoßen, die Orientierung zu verlieren und sich nicht mehr auf sich selbst verlassen zu können. Durch den regelmäßigen Erfahrungsaustausch finden manche den Mut, ihre Mobilität zurückzuerobern.

Wolf selbst sei sehr mobil, berichtet er: Als seine Ehefrau kürzlich im Krankenhaus gelegen habe, sei er sie mit dem Zug besuchen gefahren. Für Sehende ist das kein Problem. Für Blinde kann häufiges Umsteigen auf unbekannten Bahnhöfen eine Herausforderung sein. „Viele haben mir vorher gesagt, dass ich das doch gar nicht allein könne. Und ob!“, sagt Wolf. Unter anderem sei es aber auch möglich, weil viele Menschen von sich aus Hilfe anböten.

Das Leben des kleinen Vereins mit derzeit 66 Mitgliedern besteht aus gemeinsamen Treffen und Ausflügen. Jedoch stellt Wolf ganz selbstkritisch fest: „Es ist ein Seniorenprogramm“, und das reize Jüngere nicht gerade, dem Verein beizutreten. Und das will der Vorsitzende ändern: Deshalb gibt es nun für jüngere Leute einen regelmäßigen Stammtisch, ihre Ausflüge sollen eher in den Zoo als in die Eifel führen.

Ein anderes Vorhaben, das Heinz Wolf in den kommenden Monaten anpacken möchte, ist, die Belange von Blinden und Sehbehinderten aus dem gesamten Kreis kennenzulernen: Deshalb will er in den kommenden Monaten Kontakt zu den Behindertenbeauftragten der einzelnen Städte aufnehmen, Ortsbegehungen machen und vor allem mit Blinden vor Ort in Kontakt treten, um sich über ihre Probleme und Wünsche zu informieren. „Es geht darum, dass wir einen Überblick bekommen, wie die Situation im Kreisgebiet für Blinde ist“, sagt Wolf.

Einen solchen Überblick in Geilenkirchen habe er schon. Auch der Kontakt zum ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten Heinz Pütz bestehe seit Längerem. Beide setzen sich bei der Stadt für die Verbesserung der Barrierefreiheit für Blinde ein. Und die Stadt? Die reagiere eigentlich sehr positiv und offen auf Anregungen, sagt Wolf. Vieles sei auch schon sehr gut umgesetzt worden, lobt er und weist unter anderem auf das Straßenleitsystem hin: Das sind kurze, besonders gepflasterte Bereiche an Fußgängerüberwegen, die Rillen und Noppen haben. Sie erleichtern Blinden und Sehbeeinträchtigten, die mit einem Stock unterwegs sind, die Orientierung. Im Gegensatz zu früher gebe es in Bussen mittlerweile auch Ansagen. Und dennoch: Einige Punkte gebe es aus Wolfs Sicht noch zu verbessern: Bei vielen Fußgänger-Ampeln fehle ihm beispielsweise ein eindeutig spürbares Zeichen wie ein Vibrationsalarm, wenn sie auf Grün schalten. Und auch am Bahnhof sei nur eines von zwei Gleisen mit dem hilfreichen Leitsystem für Blinde ausgestattet. Es ist ein Problem, das auch Pütz bekannt ist: „Im Zuge einer Gleiserneuerung für den RRX, der ab dem Jahr 2020 auch in Geilenkirchen hält, mahne ich immer wieder eine barrierefreie Umgestaltung an.“

Und selbst an den Haltestellen in Geilenkirchen könnte sich bald etwas tun, wie Udo Winkens, Geschäftsführer von West Verkehr, berichtet: „Die Fördergelder für die dynamische Fahrgastinformation sind bereits beantragt“. Wenn diese bewilligt werden, können sich Blinde und Sehbehinderte bald mit Hilfe eines Knopfs die Fahrpläne an den Haltestellen ansagen lassen und sind nicht mehr auf andere Wartende angewiesen. 

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