Geilenkirchen - Ehrlichkeit, das Mittel gegen Spielsucht

Ehrlichkeit, das Mittel gegen Spielsucht

Von: Carsten Rose
Letzte Aktualisierung:
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Eigentlich verboten: In Therapien sind auch Brettspiele für Süchtige tabu. Mitglieder der Selbsthilfegruppe in Geilenkirchen fühlen sich in kleiner Runde stark genug, so dass sie „Mensch, ärgere DIch nicht“ nicht aus der Bahn wirft. Der Ring am Finger zeigt, was sonst noch Halt gibt. Foto: C. Rose

Geilenkirchen. Das Zwitschern der Vögel wieder wahrzunehmen, ist ein Gefühl, an das sich Marta Nol erst wieder gewöhnen musste. Jahrelang sei sie ein Wrack gewesen, habe sich wie ein Mensch zweiter Klasse gefühlt, erzählt die 54-Jährige. Ihre Umwelt habe sie ignoriert, weder Kontakte, noch den Körper gepflegt. Marta Nol ist spielsüchtig.

Seit mehr als sieben Jahren habe sie sich jetzt aber schon nicht mehr an einen Automaten gesetzt, sagt sie. Die drei Männer, die ihr bei Kaffee und Wasser am Tisch zuhören, helfen ihr dabei, dass das so bleibt. Ihnen geht es ähnlich. Im Laufe des Abends erzählen sie von den düsteren Folgen ihrer Sucht.

An jenem Freitag übernimmt Nol die Moderation der vierköpfigen Selbsthilfegruppe, in der auch mal 16 Leute gesessen haben – viele kamen nach einem Rückfall nicht wieder. „Außenstehende können das Verhalten von Spielsüchtigen schwer einschätzen. Der Freitag tut mir gut, die Gruppe hilft. Ich werde schließlich immer spielsüchtig bleiben“, sagt Nol. „Wir sitzen hier zu viert oder fünft, aber die Spielhallen sind voll.“

Regelmäßig mit Gleichgesinnten zu reden ist für Spielsüchtige wichtig, um nicht rückfällig zu werden. Selbst wenn alle am Tisch auch in professioneller Therapie sind: Keiner will diese Runde aufgeben. Hier hört jeder zu, fragt nach und redet einem Mitglied bei, wenn es wieder Suchtdruck spürt oder die Depressionen stärker werden. Spielsucht und Depressionen hängen oft zusammen. In welchem kausalen Zusammenhang, ist nicht immer eindeutig. Klar ist indes: Gegen Spielsucht gibt es keine Pillen.

Mit Nol am Tisch sitzen Jens Klahr, 44, Martin Skatsch, 56, und Paul Pawczyk, 60. Sie sind durch die Gruppe Freunde geworden. Alle sind sie spielfrei und haben keine Schulden wegen ihrer Sucht. Pawczyk will nicht lange bleiben. Kurz reden, das reicht. Er ist gut gelaunt, generell sieht man keinem direkt an, in welcher Runde man sich trifft. „Man kann sich in der Gruppe mehr öffnen als zu Hause, ich muss mich nicht schämen“, erzählt er.

Und jeder am Tisch ist erleichtert, als sie hören, dass Pawczyks Diebstahl-Prozess, den er sich während seiner aktiven Spielzeit eingehandelt hat, nur mit einer Geldstrafe in Höhe von 1800 Euro ausgegangen ist. „Mein schlimmster Fehler“, sagt er, nickt dabei mit dem Kopf, wischt sich symbolisch den Schweiß vom Kopf – „Puh.“ Und lächelt einsichtig.

Die vier der Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige möchten ihre richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen, deswegen sind sie geändert. Sie kommen aus dem Kreis Heinsberg und verschiedenen Berufen: öffentlicher Dienst, Projektleitung, Altenpflege, Lkw-Fahrer. Ihre Familien, Freunde und teilweise die Arbeitgeber wüssten zwar über ihre Sucht Bescheid, aber es müsste eben nicht jeder wissen. Es hätte manchmal auch Nachteile.

Treffpunkt ist ein gemütlicher Raum im Erdgeschoss des AHG Therapiezentrums Loherhof in Geilenkirchen, den die Gruppe kostenlos bekommt. Schmucker Sofabereich, Küchenzeile, langer Tisch – es könnte ein Single-Apartment sein. Geredet wird am Tisch, die Regeln sind eindeutig: „Ehrlichkeit ist das A und O“, sagt Marta Nol, „wir merken auch direkt, wenn jemand lügt.“ Klahr fügt an, dass es dann auch mal lauter werden könne. Jeder Körper spricht eine selbstbewusste Sprache, die Stimmen sind klar. Das war mal ganz anders.

Denn die Sache mit der Ehrlichkeit ist auch der Grund, warum jeder Einzelne sehr düstere Kapitel aus seiner Lebensgeschichte aufschlagen kann.

Nol, Klahr, Skatsch und Pawczyk haben, um jahrelang zu spielen, systematisch gelogen. Jeder Ausflug in die Spielhalle, jede Bitte nach Geld musste vertuscht oder logisch begründet werden. Diesen Druck nicht mehr zu spüren, sei das Schönste, wenn man spielfrei ist, sagt Noll. Gelogen haben die vier nicht ausschließlich gegenüber Familie und Freunden, sondern vor allem gegenüber sich selbst. Heute wissen sie: Letzteres war das schlimmere Vergehen. Hätten sie sich ihre Spielsucht früher eingestanden, hätten ihre Lügenkonstrukte nie die Dimensionen erreicht, von denen sie offen erzählen.

Martin Skatsch, groß gewachsen und von kräftiger Statur, ist seit 30 Jahren spielsüchtig, und wegen seiner Lügen wollte er sich umbringen. Monatelang hat er 300 bis 500 Euro vom Konto seines Schwiegervaters und dessen Lebensgefährtin abgehoben und verzockt. Eines Morgens räumte er das Konto leer: 2500 Euro. Er wusste, dass sein Schwager es merken wird. Also schrieb er einen Abschiedsbrief und fuhr mit Klebeband und Schlauch in den Wald, um sich mit den Abgasen seines Autos zu ersticken. Er wurde mehrfach gestört. Gegen 5 Uhr morgens ging er nach Hause. Der Tank war leer.

„Meine Frau hat mir eine geklatscht und gesagt: ,Geh‘ duschen, ich bring dich jetzt weg“, erzählt Skatsch. „Weg“ bedeutete fünf Wochen in psychiatrische Behandlung. Danach folgten weitere Therapien. Skatsch ließ sich helfen, und seine Frau blieb bei ihm. Das ist sie immer noch. Sie und andere aus dem Familien- und Freundeskreis hätten nach den Jahren „feine Antennen bekommen“, um zu spüren, wenn es ihm nicht gut geht, erzählt Skatsch. Ihm ging es in letzter Zeit auch nicht gut. Aber: Sein Arbeitgeber hat ihm eine Arbeitsplatzgarantie für die nächsten zwei Jahre ausgesprochen. Er solle sich richtig auskurieren. Als er das sagt, verschränkt er die Arme vor dem Bauch, lehnt sich zurück, genießt. „Das tue ich jetzt auch.“

Jens Klahr ist seit 20 Jahren spielsüchtig. Der schlanke, höfliche Mann ist gerne in dieser Runde, weil er dort ohne Probleme seine Gefühle zeigen kann. Er beklagt, dass es in der Gesellschaft für Männer fast schon ein „No go“ sei, dies zu tun.

Das Geld, das er damals in die Automaten steckte, kam nicht selten aus den Spardosen seiner Töchter, die heute sechs und 16 Jahre alt sind. „Vor vier Jahren habe ich mir die Sucht aber erst eingestanden“, sagt er, „und das leider nicht aus eigener Kraft.“ Klahr trägt seit 13 Jahren ein und denselben Ehering. Seine Frau habe ihm das Leben gerettet, sagt er. Nicht indem sie einen Suizidversuch verhindert, sondern weil sie ihren Mann mit seinen Problemen nicht alleine gelassen hat. „Das macht nicht jeder Partner. Ohne meine Frau wüsste ich nicht, was heute wäre.“ Das Wort Selbstmord spricht er nicht aus, das übernehmen seine plötzlich glasigen Augen, das kurze Stottern und der Halt suchende Blick auf den Tisch.

Mit den engen Angehörigen ist es wie mit der Ehrlichkeit: Ohne sie wären die vier einem Rückfall (oder Schlimmerem) sehr nahe. Deshalb kommen die Partner alle vier Wochen mit zum Treffen. „Die Angehörigen sind so arm dran“, sagt Noll – es ist das einzige Mal an diesem Abend, dass Mitleid in einem Satz mitschwingt.

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