Übach-Palenberg/Geilenkirchen - Drogenabhängige auf Raubzug: Der Monat, in dem K. die Kontrolle verlor

Drogenabhängige auf Raubzug: Der Monat, in dem K. die Kontrolle verlor

Von: Jan Mönch
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Die Geilenkirchener Straße in Frelenberg: Irgendwo hier befand sich das ominöse „Drogenhaus“. Foto: Jan Mönch

Übach-Palenberg/Geilenkirchen. Die Polizei meldet fast täglich Einbrüche, die Sätze in den Polizeiberichten ähneln sich ebenso wie sich wohl zuvor die Taten geähnelt haben: Fenster aufgehebelt, eingestiegen, ausgeräumt, Ermittlungen laufen, Deckel drauf. Man gewöhnt sich an diese Geschichten, so wie man sich wohl an fast alles gewöhnen kann. Ganz anders ist es, wenn das Opfer eines Einbruchs plötzlich ein Gesicht erhält.

Das war diese Woche vor dem Geilenkirchener Schöffengericht der Fall, wo P. aussagte. P. ist ein Herr von vielleicht 60 Jahren aus Geilenkirchen, und er schilderte Richterin Corinna Waßmuth und den Schöffen auch die Tage nach der Tat. „14 Tage Psychoterror übers Internet“ hätten er und seine Frau erdulden müssen.

Zugang zu Konten und Accounts

Die Einbrecher hatten durch ihre Beute Zugang zu Konten und Accounts erhalten und versuchten nun, dies irgendwie in Wertsachen umzusetzen. „Da haben die wirklich für 15.000 Euro Online-Tickets bestellt“, berichtete der Mann. Auch wurden Tausende Euro mit seiner Kreditkarte abgehoben. Zudem war auf dem E-Book-Reader seiner Frau ein Mail-Programm geöffnet gewesen, was ebenfalls intime und empfindliche Daten preisgab. „Wir waren tagelang nur damit beschäftigt, alles wieder rückgängig zu machen“, sagte der Zeuge. Er war den Tränen nahe.

Wie die Ermittler herausfanden, steckten hinter dem Einbruch Drogenabhängige, die wohl lange Zeit von Frelenberg aus ihr Unwesen getrieben haben. Sie agierten in mehr oder weniger lockerem Verbund, von einer Bande wird vor Gericht jedenfalls nicht gesprochen. Einer von ihnen war K., ein 27 Jahre alter Deutscher, der diese Woche auf der Anklagebank Platz nahm. Ihm allein wurden rund drei Dutzend Straftaten vorgeworfen, darunter weitere Einbrüche und Diebstähle. Einen Teil der Taten gab K. zu, mit anderen wollte er nichts zu tun gehabt haben. „Ich bin jetzt etwas durcheinander“, sagte er einmal, und so ging es nicht nur ihm.

Zwei Jahre und sechs Monate

K. kündigte zu Beginn der Verhandlung an, seine kaufmännische Ausbildung abschließen zu wollen, auch wolle er das „zerrüttete“ Verhältnis zu seiner Familie kitten. Das muss er allerdings vom Gefängnis aus in Angriff nehmen: K. wurde von Richterin Waßmuth zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Falls K. sein Leben irgendwann in den Griff kriegen sollte, dürfte ihm vor allem der Zeitraum vom 22. August bis zum 22. September vergangenen Jahres wie ein irrer Traum vorkommen.

In diese Zeit fielen die drei Dutzend Straftaten. Damals war K. gerade aus der JVA freigekommen und eigentlich clean. Doch als er erfuhr, dass sein bester Freund zwischenzeitlich „abgestochen“ worden war, sei er rückfällig geworden. „Ich habe mich in so ’ner Spirale befunden“, berichtete er Richterin Waßmuth und den Schöffen.

Diese Spirale drehte sich offenbar um ein ominöses „Drogenhaus“ in Frelenberg, den Schilderungen von K. folgend handelte es sich dabei um eine Art Treffpunkt und Umschlagplatz in einem. Ständig hätten sich fünf bis zehn Leute dort aufgehalten, „vielleicht mehr“, Diebesgut und Drogen seien angeschleppt worden. In einer Garage sei „viel aufgeflext“ worden, zum Beispiel Zigarettenautomaten, berichtete K. weiter. Da habe er sich aber rausgehalten. Ob mal ein Tresor dabei gewesen sei? Wisse er nicht.

Das Platzangebot in dem Haus war jedenfalls passabel, dem nach seinem Knastaufenthalt obdachlosen K. standen gleich zwei Zimmer zur Verfügung, in denen er schlafen konnte. Wobei das seltener vorkam, oft hielten die konsumierten Amphetamine ihn vier oder fünf Tage am Stück wach. In diesem zugedröhnten Zustand wurden von Frelenberg aus neben Einbrüchen auch reihenweise weitere typische Straftaten begangen: Autos wurden aufgebrochen und ausgeräumt, Zigarettenautomaten gesprengt oder abgeflext, gestohlen, was nicht niet- und nagelfest war. Als die Polizei der Truppe schließlich auf die Schliche kam, stach sie in ein Wespennest.

Ermittlungen als Puzzlespiel

Die anschließende Arbeit glich einem Puzzlespiel. Als in Geilenkirchen ein VW T5 der Deutschen Post gestohlen wurde, befand sich darin auch die Jacke eines Post-Angestellten, leicht wiederzuerkennen an dessen aufgesticktem Namen. Später fand man die Jacke in einem Opel Corsa wieder, den K. fuhr. Darin befand sich auch das Ausweisdokument eines Australiers, das bei einem Diebstahl aus einem Hotel in Aachen verschwunden war. Die Identität des Australiers war wiederum in Kombination mit der Kreditkarte aus dem Einbruch beim Zeugen P. zum Einsatz gekommen. Auch K., mittlerweile clean, konnte sich ein Jahr später nicht mehr jedes von den Polizisten vorgetragene Detail erklären.

Die ein oder andere Sache fiel ihm aber auch im Verlauf der Verhandlung ein. So wollte er zunächst nichts mit dem Einbruch bei P. zu tun gehabt haben, entschuldigte sich aber in seinen Worten „aufrichtig“ für den Missbrauch der Kreditkarte. Später gab er dann doch noch die Beteiligung an dem Einbruch zu. Auch ein mit Hilfe einer gestohlenen Kreditkarte im Mediamarkt in Herzogenrath erworbenes Smartphone sagte dem Angeklagten zunächst nichts. Dass er dieses aber zumindest eine kurze Zeit lang besessen haben muss, belegten dann die Aufnahmen einer Überwachungskamera. Überhaupt waren Kameraaufnahmen wichtiges Beweismaterial für die Ermittler. So war K. mehrmals dabei gefilmt worden, wie er mit fremden Kreditkarten fremde Konten abräumte.

K. mag gewaltige kriminelle Energie aufgebracht haben. Vor Gericht machte er jedoch einen unscheinbaren, fast biederen Eindruck. Ein sonderlich aggressiver oder gefährlicher Mann scheint er nicht zu sein.

Dieses Bild bestätigte auch die Aussage einer weiteren Zeugin: R. aus Selfkant-Hillensberg. Auch sie wurde zum Opfer von K., als dieser eines Morgens durch ihre offen stehende Haustür eindrang und sich griff, was er greifen konnte. Zeugin R., eine kleine, aber beherzte Frau gesetzten Alters, verfolgte K. barfuß und im Morgenmantel durch die menschenleeren Straßen ihres Dorfes. Schließlich spürte sie K. hinter einem Auto auf, wo er kauerte wie ein Kind, und packte ihn am Kragen.

Losgerissen oder geschubst?

Bei dieser Aussage ging es vor allem um die Frage, ob K. sich daraufhin lediglich von R. losriss, wie er behauptete, oder aber ob er sie schubste. Was nach einer Marginalie klingt, kann vor Gericht aus einem Diebstahl einen räuberischen Diebstahl machen. K. habe sie zu Boden gedrückt, gab R. zu Protokoll. Er habe auf sie einen ängstlichen Eindruck gemacht.

Die Dame aus Hillensberg hat die Geschichte besser weggesteckt als Zeuge P. den Einbruch in sein Haus, vor Gericht scherzte sie gar über die absurd anmutende Verfolgungsjagd an jenem Morgen. Doch danach war ihr damals noch nicht zumute, auch R. belastete das Geschehene zunächst. „Ich habe nächtelang nicht schlafen können“, sagte sie.

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