Drogen-Selbsthilfe: Allein ganz unten, gemeinsam nach oben

Von: Ines Kubat
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Spritzbesteck eines Heroinabhängigen: Früher konsumierte Andreas Jendretzky fast jede erdenkliche Droge. Foto: dpa/Kubat
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„Wir wissen, wo unten ist“, sagt Andreas Jendretzky, Moderator der Selbsthilfegruppe. Elisabeth Gonstalla zählte einst zu den Gründerinnen.

Gangelt. „Warum tust du mir das an, Papa?“, fragte seine Tochter, als sie weinend vor ihrem Vater Andreas Jendretzky stand. Das war 2010. Jahrelang hatte Jendretzky mit seiner Drogenabhängigkeit nicht nur sich selbst, sondern auch seiner Familie geschadet.

Auf drogenfreie Phasen folgten immer wieder Rückfälle. Doch die Situation mit seiner Tochter, bei deren Erinnerung sein Blick noch heute etwas gequält wirkt, löste einen Wendepunkt in Jendretzkys Leben aus. Er machte eine Langzeittherapie, ist nun seit fünfeinhalb Jahren clean und mittlerweile Moderator der Selbsthilfegruppe „Clean Way“, in der sich ehemalige Drogensüchtige treffen.

Zwei regelmäßige Treffen gibt es in Hückelhoven und Heinsberg mit je zehn Teilnehmern, eine weitere Gruppe existiert in Gangelt, bei der sich „Clean Way“ allerdings nur vorstellt – und zwar den Drogenabhängigen der Gangelter Einrichtungen, die noch therapiert werden, aber nach ihrer Entlassung eine Anlaufstelle haben sollen.

Bei den gemeinsamen Treffen reden die Teilnehmer beispielsweise über ihre Erfahrungen mit Ämtern und Behörden, aber auch ganz allgemein über ihre Lebensbewältigung. „Bei uns gibt es keine Pädagogen, sondern einfach Menschen, die sich austauschen und von ihren Problemen und Erfolgen erzählen“, sagt Jendretzky. Jeder könne aus den Berichten der anderen eigene Lehren ziehen, denn „es gibt nicht den einen Weg, drogenfrei zu bleiben. Man kann nur erzählen, wie man es geschafft hat.“

Von seinem Weg erzählt Jendretzky mittlerweile ganz offen: „Bis auf Crystal Meth habe ich damals alles genommen“, sagt er. Mit 16 habe er angefangen zu kiffen, dann griff er irgendwann zu Amphetaminen, Kokain und LSD. Später verschaffte er sich auch mit Heroin seinen Rausch.

Danach folgte ein Auf und Ab in seinem Leben, das er 1999 endlich in den Griff kriegen wollte: Er heiratete, bald darauf kam seine Tochter zur Welt. Doch die Sucht war stärker: Obwohl er zunächst Abstand von den Drogen nahm, griff er dafür immer öfter zur Flasche, hatte nun ein Alkoholproblem. Ein klassischer Fall von Suchtverlagerung.

Erst 2011, nachdem seine Tochter so eindringlich mit ihm gesprochen hatte, veränderte der 46-Jährige wirklich etwas: Eine längere Therapie legte das Fundament für sein heutiges Leben, ein Leben ohne Drogen und ohne Alkohol, dafür mit einem Job und einem guten Verhältnis zu seiner Tochter. „Es geht mir gut“, kann Jendretzky heute sagen.

Angst, dass er rückfällig wird, habe er nicht. Er sei sehr gefestigt. Aber garantieren, dass es nicht doch einmal passiert, könne man andererseits nie: „Man muss immer aufpassen.“ Denn selbst jetzt, nach fünfeinhalb Jahren, bezeichnet Jendretzky sich als einen Drogenabhängigen. Und das werde er auch bleiben, sein Leben lang. Denn Abhängigkeit sei „wie eine Flamme im Kopf, die immer wieder neu entzündet werden kann“.

Dafür brauche es manchmal nicht mehr als eine gewisse Versuchung, das falsche Umfeld oder Probleme, erklärt Elisabeth Gonstalla, die die Selbsthilfegruppe „Clean Way“ vor 20 Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Hans gegründet hat.

Sie sei damals viele Jahre co-abhängig gewesen, wie Experten es nennen: Das bedeutet, dass man zu vertuschen versucht, dass ein Angehöriger unter einer Sucht leidet: „Decke drauf, damit keiner was merkt!“, so beschreibt Gonstalla ihr damaliges Verhalten. Seit dem Beginn der Selbsthilfegruppe hat sie viele Treffen miterlebt – „als gute Seele der Gruppe“, wie Andreas Jendretzky sie bezeichnet.

Auch ihm habe sie ab und an ordentlich den Kopf gewaschen, seitdem er 2006 in die Gruppe kam. Dort hat Gonstalla schon viele Menschen kommen und gehen sehen und weiß aus Erfahrung: „Vor allem der erste Besuch und der erste Redebeitrag kostet viele Menschen große Überwindung.“ Dabei ist es oberstes Gesetz, dass alles, was in der Gruppe besprochen wird, diese nicht verlässt.

Bei der ersten Teilnahme stellt man sich mit Namen vor, nennt seine Suchtmittel und berichtet, wie die eigene Woche war. Doch obwohl der Umgang locker ist, gibt es Regeln: „Man darf keine Drogen konsumieren und keinen Alkohol trinken“, sagt Gonstalla. Ob sich alle auch zu Hause an dieses Regeln halten? Das könne man nicht wissen, man müsse vertrauen. Ein absolutes Tabu allerdings sei, berauscht in der Gruppe zu erscheinen. Denn ein solcher Zustand könne für die anderen Teilnehmer fatale Folgen haben, weil es für sie einen Reiz darstelle: „Wenn jemand leicht angeheitert zu einer Sitzung käme, das wäre für viele ein furchtbarer Trigger.“ Damit riskiere man den Rausschmiss.

Wenn jemand allerdings einen Rückfall erleidet, aber ehrlich um Hilfe bittet, gehe man damit ganz offen um und blicke zusammen nach vorn. Die gemeinsamen Erfahrungen seien in der Selbsthilfegruppe sehr wichtig, denn Drogenabhängige würden von Außenstehenden noch immer als charakterschwach und nicht als krank bezeichnet, berichten Jendretzky und Gonstalla.

Viele dächten außerdem, dass Drogenabhängige obdachlos seien, unter der Brücke leben und AIDS oder Hepatitis hätten. Dieses Bild sei einseitig und habe mit der Realität oft wenig zu tun, sagen die beiden: „Drogen nehmen auch Kinder aus gutem Hause und viele Geschäftsleute. Viele funktionieren gerade gut, weil sie aufgeputscht sind.“ Zumindest eine Zeit lang.

Der Prozess zum Aufhören sei, wie bei Jendretzky, sehr langwierig. Denn eine Sucht loszuwerden, dazu gehöre nicht nur der Entzug, sondern auch eine Art der Verhaltenstherapie. Der Moderator der Selbsthilfegruppe fasst es folgendermaßen zusammen: „Wir sind alle Ex-Kriminelle.“ Denn anders als Alkoholikern kämen Drogenabhängige nur auf illegalem Wege an ihr Suchtmittel: Das hat zur Folge, dass „wir lange Zeit gelogen und betrogen haben“, sagt Jendretzky.

Deshalb sei der Weg aus der Sucht gleichzeitig der Weg aus der Kriminalität: Viele, die die Selbsthilfegruppen besuchen, waren bereits im Knast, sagt Jendretzky. „Wir wissen, wo unten ist.“

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