Kreis Heinsberg - Die Wurm: Lebensader und Öko-Nische

Die Wurm: Lebensader und Öko-Nische

Von: Johannes Gottwald
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Ein Paradies für Fische, Amphibien und Foto: Johannes Gottwald
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Die Loreley vom Wurmtal: Eine Bronzeplastik von Bonifatius Stirnberg in der Gerbergasse zeigt die Sagengestalt der Haihover Juffer, die verirrten Wanderern als Nachtgespenst erschien. Foto: Johannes Gottwald

Kreis Heinsberg. In der Geilenkirchener Innenstadt ist sie kaum noch wahrzunehmen, denn sie verschwindet schon an der Herzog-Wilhelm-Straße in einem Tunnel und kommt erst hinter der Kreissparkasse wieder zum Vorschein. Die Rede ist von der Wurm, dem kleinen Fluss, der von Süden nach Norden das Gebiet von Übach-Palenberg und Geilenkirchen durchquert.

Sie ist kein eindrucksvolles Gewässer, denn sie misst nur 57 Kilometer von der Quelle im Aachener Stadtwald bis zur Mündung in die Rur bei Heinsberg-Kempen. Dennoch hatte sie in früheren Zeiten durchaus politische Bedeutung, denn sie trennte nicht nur Dorfgemeinden, sondern auch kirchliche Diözesen und weltliche Herzogtümer voneinander. Und noch heute bildet sie zwischen Herzogenrath und Marienberg die natürliche Grenze zu den Niederlanden.

Ein reißender Fluss

Wenn sich die Wurm an einem sonnigen Tag gemütlich durch die Felder schlängelt oder lebhaft über Kiesgrund dahinrauscht, macht sie einen friedlichen, vielleicht sogar romantischen Eindruck. Dies kann sich aber sehr schnell ändern, sobald im Raum Aachen ein heftiges Gewitter niedergeht oder ein niederschlagsreiches Tief unsere Region überquert. Binnen weniger Stunden schwillt sie dann auf doppelte Breite an und wird zu einem reißenden, graubraunen Fluss, der ungeahnte Kräfte freisetzen kann. Noch in den 1960er Jahren kam es mehrfach zu verheerenden Hochwassern, Felder und Wiesen wurden weithin überflutet und in vielen Häusern entstand beträchtlicher Sachschaden.

Noch im 18. Jahrhundert gab es daher einige Sumpfgebiete, Kolke und Altarme, die den Lauf der Wurm begleiteten – aus dem lateinischen Wort „Palus“ für Sumpf ist sogar der Ortsname Palenberg abgeleitet. Wenn sich ein Ortsunkundiger in diesen Feuchtgebieten verlief, konnte das bei plötzlich auftretendem Nebel oder Hochwasser lebensgefährlich sein. Das wohl prominenteste Opfer war der Geilenkirchener Oberpfarrer Johann Andreas Stelkens, der sich am Abend des 22. Februar 1838 auf dem Rückweg von Würm im Dämmerlicht in den Flusswiesen bei Süggerath verirrte, unversehens in den Abflussgraben der Tripser Mühle stürzte und ertrank.

Diese und andere Schauergeschichten bildeten natürlich einen idealen Nährboden für allerhand Volksaberglauben. Am bekanntesten ist wohl die Sagengestalt der Haihover Juffer, die bei Nacht und Nebel den unvorsichtigen Wanderern als weiße Dame erschien und sie – ähnlich wie die Loreley am Rhein – in die Wurm und damit ins Verderben lockte.

In der Hauptsache aber war die Wurm für die heimische Bevölkerung nicht Fluch, sondern Segen.

Überall, wo wasserreiche Bäche und Flüsse vorhanden sind, können Mühlen errichtet werden. So entstanden auch entlang der Wurm zahllose Wassermühlen, deren Gebäude noch teilweise bestehen. Bei Rimburg und in Zweibrüggen kann man sogar noch die alten Wasserräder betrachten. Sie bewegten mächtige Mühlensteine, mit deren Hilfe das Getreide von den fruchtbaren Äckern des Selfkantes zu Mehl verarbeitet wurde. Bis in die Zeit um 1900 wurde auf diese traditionelle Weise an der Wurm gemahlen, dann hielt auch in dieser Branche das technische Zeitalter seinen Einzug.

Weiter flussabwärts diente die Wurm auch zur Bewässerung der Felder. So wurde schon um das Jahr 800 von fränkischen Landwirten bei Randerath ein Seitenarm gegraben, die „Junge Wurm“, die allerdings nach dem Zweiten Weltkrieg bis auf einen kleinen Rest wieder zugeschüttet wurde. Dagegen existiert noch die Verbindung zum Teichbach (oder Erlenbach), die nördlich von Himmerich abzweigt. Hier kann die Wurm bei starken Regenfällen oder Schneeschmelze einen Teil ihres Hochwassers abgeben, dass sich dann zwischen Porselen und Ratheim in die Rur ergießen kann.

„Burgenstraße“

Die Wurm diente aber nicht nur dem Handwerk und der Landwirtschaft, sondern wurde auch militärstrategisch genutzt. Mit ihrem Wasser konnte man die Verteidigungsgräben von Festungen füllen. Kein Wunder also, dass sich eine regelrechte „Burgenstraße“ entlang der Wurm zieht. Den Anfang macht Schloss Rimburg am Südrand von Palenberg, wo sich sogar der Wassergraben weitgehend erhalten hat. Auch am Rokokoschloss Zweibrüggen sind davon noch Relikte vorhanden und die eindrucksvolle Wasserburg Trips verdankt ebenfalls der dicht vorüber fließenden Wurm ihr Entstehen. Dagegen blieben von der Burg Geilenkirchen nur noch Ruinen und Schloss Leerodt wurde im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört.

Die Linie setzt sich aber weiter nördlich mit Haus Zumdahl und der Burg Randerath noch weiter fort. Und auch zwischen Geilenkirchen und Süggerath bestanden mit Haus Hondorf und Haus Horrig einst zwei mächtige Burganlagen, die aber heute bis auf geringe Reste verschwunden sind. Der Name der Wurm leitet sich keineswegs von dem gleichnamigen Lebewesen ab, auch wenn der häufig gewundene und mäanderartig verschlungene Lauf eine solche Deutung nahelegen könnte. „Wurm“ bedeutet vielmehr soviel wie „warmer Fluss“ – und in der Tat lag in römischer und fränkischer Zeit die Wassertemperatur deutlich höher als bei den anderen Bächen und Flüssen der Region.

Ursache dafür waren die heißen Schwefelquellen von Aachen, die zur damaligen Zeit noch nicht eingefasst waren, sondern sich allesamt in die Wurm ergossen und deren Wasser aufheizten. Daraus ergaben sich erhebliche Konsequenzen: Die Wurm war nicht nur für ihren Reichtum an Fischen bekannt, sondern das warme Wasser sorgte im teilweise sehr engen Wurmtal für starke und häufige Nebelbildung. Ähnlich wie in den Steiltälern von Mittelrhein und Mosel bewirkten diese Nebel ein besonders mildes Klima und nur wenig Frost im Winter. Da passte es gut zusammen, dass die Mönche der Abtei Rolduc sogar Wein an den Talhängen der Wurm anbauten – eine Tradition, die erst kürzlich von deutschen und holländischen Hobbywinzern erfolgreich wieder aufgenommen wurde.

Zur Wurm gehörte aber auch jahrhundertelang der Bergbau – und dieser bildete im Wortsinn ein düsteres Kapitel für den Fluss. Denn die Wurmtal-Zechen Laurweg, Voccart, Gouley und Carolus Magnus nutzten die Wurm in großem Stil als Abwasserkanal für ihre Kokereien. Mit schwerwiegenden Folgen: Jahrzehntelang verkam die Wurm zu einem ökologisch toten, extrem verschmutzten Gewässer, in dem kaum noch Lebewesen existieren konnten.

Das Wasser im Unterlauf war nicht nur trüb, sondern oftmals schwarz und verbreitete in trockenen Sommern bei niedrigem Wasserstand einen unangenehmen Geruch. Aus den ersten Nachkriegsjahren (1945-47) ist sogar überliefert, dass die notleidende Bevölkerung in Geilenkirchen und Randerath bei Überschwemmungen den zurückgebliebenen Schlamm der Wurm einsammelte, um ihn wegen seines hohen Kohlegehaltes als Brikett-Ersatz zu verfeuern. Erst mit dem Ende des Bergbaues im Jahre 1992 trat ein grundlegender Wandel ein. Moderne Kläranlagen – wie beispielsweise in Frelenberg – sorgten für biologische Reinigung und bewirkten eine ständig zunehmende Verbesserung der Wasserqualität.

Rückkehr seltener Arten

Heute ist das Wurmwasser zwar immer noch gering bis mäßig belastet, aber zumindest optisch wieder klar. Auch viele heimische Fische wie Rotfeder, Barsch, Döbel und Hecht haben sich wieder angesiedelt und können geangelt werden.

Zwischen Frelenberg und Geilenkirchen hat man die früher begradigte Wurm ab 2006 wieder künstlich renaturiert und damit günstige Voraussetzungen für die Rückkehr seltener Vogelarten geschaffen. Damit ist die Wurm auf dem besten Wege, wieder zu dem zu werden, was sie in früheren Jahrhunderten war: Lebensader und wichtige Öko-Nische für unsere Region.

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