Die Vogteistraße erinnert an die Herrschaft der Jülicher Herzöge

Von: Johannes Gottwald
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Das Straßenschild direkt am Gebäude, das den Namen liefert – ein Unikum in Geilenkirchen. Foto: Johannes Gottwald
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Johann Werner Krey (um 1680-1759), Spross einer alten Kölner Kaufmannsfamilie, amtierte über 30 Jahre als Vogt in Geilenkirchen.

Geilenkirchen. Dass man Straßen nach Gebäuden benennt, kommt sicher häufig vor. Aber es hat doch schon Seltenheitswert, wenn das entsprechende Namensschild an dem betreffenden Gebäude selbst zu lesen ist. In Geilenkirchen tritt dieser Fall wohl nur ein einziges Mal auf – in der Vogteistraße.

Sie zweigt sehr schmal von der Konrad-Adenauer-Straße ab, verbreitert sich dann und führt an dem Ambulanten Medizinischen Zentrum vorbei, in dem heute zahlreiche Ärzte und Therapeuten ihre gutgehenden Praxen und Kliniken führen. Der Straßenname rührt jedoch von dem rötlich gefärbten Eckhaus an der Konrad-Adenauer-Straße her, dass um 1750 im Rokokostil errichtet wurde. Zur damaligen Zeit befand sich hier tatsächlich die Vogtei – und an der Nordwestseite des Hauses findet man das erwähnte Namensschild, dass den Beginn der Vogteistraße markiert.

Das Amt des Vogtes lässt sich in Geilenkirchen seit dem Ende des 14. Jahrhunderts nachweisen. Zu dieser Zeit gelangte unsere Region unter die Herrschaft der Herzöge von Jülich. Sie setzten auch in Geilenkirchen Amtmänner ein, die als ihre Stellvertreter vor Ort fungierten. Der Vogt dagegen übte die Funktion eines Verwaltungsbeamten aus. Er war für die Erhebung der Steuern zuständig und sorgte dafür, dass sie von allen Bürgern entrichtet und an den Landesherrn abgeführt wurden. Im Kriegsfall organisierte er die örtliche Landesverteidigung und übte außerdem das Richteramt aus.

Nicht selten wurden Adelige aus der Region mit der Vogtei betraut, so war der 1522 erwähnte Theiß von deme Horrig der erste namentlich genannte Geilenkirchener Vogt. Später treten dann auch bürgerliche Namen auf: Johann Brewer (Breuer), Jakob Coppertz und Heinrich Roemer werden im späten 16. Jahrhundert als Vögte aufgeführt. Sie fungierten auch in Personalunion als „Kellner“.

Darunter verstand man damals noch keine Restaurant-Angestellten, sondern Rentmeister. Sie waren also für sämtliche Ein- und Ausgaben der Stadtkasse verantwortlich und mussten darüber Buch führen. Sogar religiöse Aus-einandersetzungen mussten die Vögte schlichten. So berichtet das Buch der „Neuen Evangelischen Religionsbeschwerden“ über einen wüsten Vorfall aus der Zeit um 1715: „...wie dann auch zu Geilenkirchen sich zugetragen, dass aus des Vogten Haus daselbsten zwischen 7 und 8 Uhr des Abends 7-8 Schüsse mit Kugeln durch des Predigers Haus geschehen, welches alles zur Remedierung zwar angebracht, aber darauf keine Reflexion gemachet worden.“ Offenbar war man auf protestantischer Seite mit der Aufklärungsarbeit des Vogtes Conrad Breitkopf wenig zufrieden.

Eine neue Ära begann 1723 mit dem Amtsantritt von Johann Werner Krey. Er entstammte einer alten Kölner Kaufmannsfamilie, aus der auch zahlreiche Juristen und Verwaltungsbeamte hervorgingen, die in Jülich-Bergische Dienste traten. Er wurde zum Begründer einer regelrechten Dynastie, denn auch seine beiden Söhne Johann Ludwig Krey und Goswin Arnold Krey folgten ihm nacheinander im Amt und schließlich wurde sein Enkel Ludwig Anton Nepomuk Krey zusätzlich noch Vogt und Rentmeister in Randerath. Die Familie Krey genoss hohes Ansehen, nahm regen Anteil am öffentlichen Leben in der Stadt, engagierte sich auch in der Pfarre und den örtlichen Vereinen, wobei sie mehrfach den Schützenkönig stellte.

Und sie verstand es, sich den wandelnden politischen Verhältnissen anzupassen: Als im Jahre 1794 die französischen Revolutionstruppen Geilenkirchen besetzten, flüchtete der letzte Vogt Anton Nepomuk Krey nicht über der Rhein, sondern arrangierte sich mit der Besatzungsmacht. Er legte sein Amt kurzerhand nieder und trat als Jurist in französische Staatsdienste.

Die männliche Linie erlosch

Während der Napoleonzeit übte er im Kanton Geilenkirchen das Amt des Friedensrichters aus und erlebte auch noch die Befreiungskriege und die Übernahme des Rheinlandes durch Preußen. 1828 verstarb er im Alter von 65 Jahren als wohlhabender Bürger; seine Nachkommen lebten weiterhin in unserer Stadt. Erst 1918 erlosch die direkte männlicher Linie, eine Urenkelin des letzten Geilenkirchener Vogtes heiratete später den Gutsbesitzer Hubert Baurs.

Auch einige örtliche Flurnamen wie „Kreys Büschchen“ gehen noch auf diese „Dynastie der Vögte“ zurück. Mit dem Ende der Feudalzeit hatte auch die Vogtei als Amtssitz ausgedient. Sie wurde im 19. Jahrhundert erweitert und diente zeitweise als Landwirtschaftsschule. 1928 wurde schließlich das Kreisheimatmuseum hier untergebracht. Im Herbst 1944 wurde die Vogtei schwer beschädigt, der Wiederaufbau zog sich bis 1953 hin. Heute ist sie leider nicht mehr öffentlich zugänglich, denn das Kreisheimatmuseum befindet sich jetzt in Heinsberg, die „Filiale“ in Geilenkirchen wurde mittlerweile geschlossen. In dem hinteren Anbau befindet sich heute ein Ballettstudio. Immer noch fließen aber in der Vogteistraße die Steuergelder der Bürger zusammen – allerdings nicht mehr in dem alten Eckhaus am Straßeneingang, sondern einige hundert Meter weiter am anderen Ende.

Eine Besichtigung lohnt

Dort wurde 1951 anstelle der im Krieg zerstörten Kreisverwaltung das Finanzamt errichtet. Man sollte es nicht nur wegen steuerlicher Angelegenheiten aufsuchen: In seinem Treppenhaus befinden sich zahlreiche kunstvolle Glasfenster, die eine Besichtigung lohnen.

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