Geilenkirchen - Die Grünen: Christa Nickels war von Anfang an dabei

Die Grünen: Christa Nickels war von Anfang an dabei

Von: Jan Mönch
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Der grüne Fraktionsvorstand im Bundestag war ab 1984 weiblich – dieses Bild ging damals durch die deutschen Medien, heute hängt es im Haus der Geschichte. Vorne links ist Christa Nickels zu sehen, neben ihr stehen Antje Vollmer und Heidemarie Dann. Hintere Reihe von links: Waltraud Schoppe, Annemarie Borgmann und Dr. Erika Hickel. Foto: dpa, Mönch, stock/Friedrich Stark
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Christa Nickels mit einem Plakat aus dem ersten Bundestagswahlkampf, der Grünen – es spielte auf die Flick-Affäre an.

Geilenkirchen. 35 Jahre alt sind die Grünen vergangene Woche geworden, und die große Frage, die sich in dem Zusammenhang ja fast schon aufdrängt, ist diese: Haben nun eigentlich die Grünen das Land verändert – oder das Land die Grünen?

Denn einerseits nimmt ja nicht mal mehr der rechte Rand des rechten CDU-Flügels die Partei als Provokation war. Um als Ärgernis wahrgenommen zu werden, andererseits, muss man sich heute aber eben auch etwas anderes überlegen als weiblich zu sein, sich Hosen anzuziehen und damit in den Bundestag zu spazieren. Die trägt ja selbst Angela Merkel. Wie so oft liegt die Antwort also wohl irgendwo in der Mitte. Stellen wir also eine andere Frage: Was ist damals, vor ziemlich genau 35 Jahren, eigentlich passiert?

Wer hierauf im Kreis Heinsberg eine Antwort haben will, der spricht am besten mit Christa Nickels. Sie war dabei, als sich im Dezember 1979 der Landesverband gründete. Und sie war dabei, als im Januar 1980 die Grünen im Kreis Heinsberg entstanden.

Drittens war sie dabei, und zwar mittendrin, als es im Bundestag ab 1984 einen komplett weiblichen Fraktionsvorstand gab. Ein unerhörter Vorgang. „Wir wussten: Wenn wir scheitern, dann ist dieser Posten für Frauen auf Jahre diskreditiert“, erinnert sich Nickels. Doch sie scheiterten nicht. „Ich behaupte: Ohne uns hätte es auch Rita Süssmuth nie gegeben.“

Aber wo kamen Sie eigentlich plötzlich her, Sie und all die anderen, Frau Nickels? „Vom Himmel gefallen sind wir jedenfalls nicht. Wenn die etablierten Parteien unsere Themen ernst genommen hätten, hätte es die Grünen nicht gebraucht.“ Wobei der Umweltschutz nur eines von vier großen Anliegen gewesen sei.

Die drei weiteren: Bürgerrechte, Frauenrechte und soziale Rechte. „Wir waren der parlamentarische Arm derer, die sich in diesen Bewegungen engagierten.“ Zu dieser Philosophie zählte auch und vor allem, dass nicht nur zahlende Mitglieder mitreden konnten und sollten, sondern alle Bürger.

Nicht nur linke Bewegungen

1980 ist die Welt ein übersichtlicher Ort. Es gibt den Osten und den Westen, man wählt Schwarz oder Rot, und alles ist fein säuberlich getrennt – wenn nicht durch einen Vorhang aus Eisen, dann doch zumindest durch das Wissen, wo man selbst steht. Christa Nickels geht in diesen Tagen immerhin schon auf die 30 zu, ist zweifache Mutter.

Immer schon hat sie sich für Politik interessiert, doch die CDU erscheint ihr nach jahrzehntelanger Alleinherrschaft im Kreis Heinsberg verkrustet, die SPD kommt wegen des Schmidt-Kurses in der Rüstungsdebatte für sie nicht in Frage. Dann schießen allerorten grüne Vereine und Verbände aus dem Boden, hier im Kreis Heinsberg etwa die „Grüne Aktion Zukunft“.

Es werden Umweltskandale aufgedeckt: Quecksilber in einem Birgdener Kellergeschoss, Kerosin im Erdreich am Teverener Flugplatz. Eines Abends stehen mehrere junge Burschen von der Grünen Aktion bei Christa Nickels vor der Haustür. „Tritt uns nicht bei“, sagen die. „Lass uns die NRW-Grünen gründen.“

Und so kam es dann auch. Nickels: „Es war ein bisschen wie die Besiedlung eines neuen Kontinents.“ Und die alte Welt wurde immer unübersichtlicher.

Zeigt das Fernsehen Archivbilder aus der Anfangszeit, entscheiden die Redakteure sich meist für langhaarige Kerle mit gewaltigen Bärten, die ungefähr aussehen wie Rubeus Hagrid aus Harry Potter und zwischen all den Schlipsträgern im Bundestag reichlich deplatziert wirken. Was die Bilder nicht erzählen ist, dass die Partei auch, aber keineswegs nur in den linken Bewegungen der ausgehenden 70er verwurzelt ist.

„Wir waren ein milieuübergreifender Schmelztiegel“, sagt Nickels. Sie selbst habe innerhalb der sich formierenden Partei zu den „Wertkonservativen“ gezählt, mit durchaus eigenartigen Folgen: Dem lokalen Establishment, diese Zeitung eingeschlossen, war sie zu links, zu grün, zu anders, den eigenen Reihen mitunter suspekt, weil sie der Kirche nahestand und Abtreibung zwar für ein Recht hielt, doch – auch durch den beruflichen Hintergrund als Krankenschwester – „für kein sehr positives Recht“.

Die Vorbehalte aber legten sich. „Du stehst noch, wenn lauter lauwarme Linke schon umgefallen sind“, habe ein Parteifreund mal zu ihr gesagt. 1983 zog Christa Nickels erstmals in den Bundestag ein.

Immer dann, wenn eine neue Partei auf die Bildfläche tritt, muss sie zuerst ihre Kinderkrankheiten besiegen. Die Piraten wissen das, sie sind ihnen erlegen. Auf einem besseren Weg, egal ob man ihr das gönnt oder nicht, scheint die AfD zu sein.

Und auch die Grünen mussten sich damals mit allerhand unerwünschten Auswüchsen herumschlagen: „Mit denen, die Päderastie gut fanden, diesen Vollpfosten“ beispielsweise. Und dann habe es auch noch unerwünschten Zulauf von Linksradikalen gegeben, von Mitgliedern „der alten K-Parteien“, die es beispielsweise für eine besonders gute Idee hielten, im Falle eines Atomkriegs die Amerikaner anzugreifen.

Nicht zuletzt, sagt Christa Nickels, sei es auch den Wertkonservativen wie ihr selbst zu verdanken gewesen, dass den Grünen das gelang, woran die Piraten gescheitert sind und woran die AfD noch arbeitet: Fundamentalisten und andere Spinner vor die Tür zu setzen und die Übrigen unter einen Hut zu bringen. „Es war wohl eine meiner Stärken, zwischen den verschiedenen Lagern, Strömungen und Milieus zu vermitteln.“

„Wir waren dreist“

Und nicht zuletzt hatten die politischen Neulinge viel auszuhalten. „Es wurde gepestet ohne Ende. Aber wir selbst waren ja auch nicht ohne. Wir waren dreist.“

Was ist geblieben? Die Grünen gehören zum Establishment, viele ihrer alten Ideen sind längst politischer Mainstream, von einigen wenigen haben sie sich verabschiedet – dem der bedingungslosen Gewaltfreiheit in außenpolitischen Fragen etwa. Und wenn die Geschichte der Partei eine besondere Pointe hat, dann wohl die, dass einstige vermeintliche Umstürzler sich heute Angriffen auf ihre vermeintliche Bürgerlichkeit ausgesetzt sehen.

Angela Merkel schaffte die Atomkraft ab und vollendete damit mal eben die Lebensaufgabe der Grünen, während diese wenig später wegen einer Albernheit wie dem Veggie-Day vom Wähler abgewatscht wurden – ein Treppenwitz der jüngeren politischen Geschichte der Bundesrepublik.

Mitleid mit ihren alten Weggefährten empfindet Nickels ebenso wenig wie Groll auf die politische Konkurrenz. „Dummheit muss bestraft werden“, sagt sie. „Hätte man den Veggie-Day an den fleischfreien Freitag für Katholiken gehängt, dann hätte ich gerne gesehen, wie die CDU das gegen uns verwendet.“ Und dass Merkel den Atomausstieg besiegelt hat, das sei im Endeffekt doch eine gute Sache und „kein Grund zu heulen“.

Trotz aller Kritik: Die Grünen, findet Nickels, seien noch immer eine lebendige Partei, in der Mitglieder nicht nur brav ihre Beiträge zahlen, sondern sich einbringen. Dennoch müssten neue Themen her. Und zwar so aufbereitet, dass der Wähler sie versteht, dass sie ihn packen. Die AfD sei auch deshalb so erfolgreich, weil sie dieses Prinzip sehr genau verstanden habe.

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