Die Flüchtlingskrise: Drei Bundespolizisten erzählen

Von: Jan Mönch
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Flüchtlinge erreichen im Oktober 2015 die deutsche Grenze bei Simbach. Zu der Zeit, als dieses Foto entstand, waren auch Dirk Conrads, Philipp Franke und Marcel Hodenius im Raum Passau eingesetzt. Foto: Markus Bienwald, imago/Argum
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Die Bundespolizisten Marcel Hodenius (links) und Dirk Conrads haben gemeinsam mit ihrem Kollegen Philipp Franke (nicht im Bild) ein Buch über ihre Erfahrungen an der deutsch-österreichischen Grenze geschrieben.

Übach-Palenberg. Die beiden Männer verstehen die Sprache des jeweils anderen nicht, aber irgendwie verständigt man sich dann doch. Der eine, ein deutscher Bundespolizist, macht dem anderen, einem Flüchtling, deutlich, dass er seiner Frau beim Tragen des Gepäcks helfen solle, sonst dürften beide nicht in die Schlange für die Registrierung. Widerwillig schnappt der Flüchtling sich nach einigem Hin und Her einen Koffer.

Als er dann in der Schlange steht, tritt er seine Frau mit aller Gewalt, beschimpft sie und wirft ihr das komplette Gepäck vor die Füße. Die Szene spielt sich im Herbst 2015 in der Nähe von Passau ab. Innenminister Thomas de Maizière hat kurz zuvor verkündet, dass Deutschland an der Grenze zu Österreich wieder Kontrollen einführt. Das Schengener Abkommen ist außer Kraft gesetzt, tausende Bundespolizisten werden nach Bayern beordert.

Unter ihnen sind Marcel Hodenius aus Übach-Palenberg und seine Kollegen Dirk Conrads und Philipp Franke, die beide aus dem Kölner Raum stammen. Keiner von ihnen ahnt, was ihnen bevorsteht. „Niemand, auch unsere Ausbildung nicht, hat uns auf die Ausnahmesituation vorbereitet“, heißt es in einem Buch, dass die drei ein Jahr später veröffentlicht haben.

Es heißt „Mittendrin! Drei Bundespolizisten berichten aus der Flüchtlingskrise“, auf 140 Seiten haben Conrads, Franke und Hodenius ihre Erfahrungen zusammengefasst. Erschienen ist das Buch im Selbstverlag, dafür aber gut redigiert. Als Beamten mussten sie es ihren Vorgesetzten vorlegen und auch in der Direktion in St. Augustin, wesentliche Einwände habe es aber nicht gegeben, beteuert Hodenius.

Über kein Thema ist in den vergangenen Jahren so viel berichtet, geschrieben und diskutiert worden wie über Flüchtlinge. Differenziert ging es dabei selten zu, entweder wurde die Geschichte von hilfsbedürftigen Kriegsopfern erzählt oder aber die von sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen oder gar Terroristen.

„Mittendrin!“ macht sich mit keiner der beiden Seiten gemein, die Erfahrungen der drei Bundespolizisten sind dazu geeignet, sowohl die Befürchtungen der einen Seite als auch die Sicht der anderen zu bestätigen. Ebenso wird aber keine von beiden als völlig falsch dargestellt.

Die oben beschriebene Anekdote von dem Mann, der seine Frau wie einen Packesel tritt, wird nicht ausgespart. Aber eben auch nicht die von dem 16-Jährigen, der mit einem an den Rollstuhl gefesselten, über 80 Jahre alten Verwandten ankommt. Er hat es geschafft, den Greis von Syrien aus quer durch Europa bis an die deutsch-österreichische Grenze zu schaffen, weiß der Himmel, wie.

Und dann sind da die Kinder, denen zur Beschäftigung Buntstifte und Papier ausgehändigt werden – und die damit beginnen, Körper zu malen, die in ihrem Blut daliegen. „Es ist schwer zu ertragen, dass die Kindheit dieser kleinen Menschen von solchen Erlebnissen überschattet wird“, heißt es in dem Buch.

Die Idee, ihre Erfahrungen aufzuschreiben, hatten die drei Kollegen, die längst gute Freunde sind, bei einem Feierabendbier in einer Hotelbar. Sie wollten die Öffentlichkeit an dem Erlebten teilhaben lassen, „hautnah“ und „aus erster Hand“, das war ihr Anspruch.

Dann schrieben sie auf, wie sie an einer Staumauer unmittelbar vor der Grenze bergeweise Ausweise und persönliche Dokumente fanden, die dort hinabgeworfen worden waren. Sie schrieben auf, wie sie unter den Flüchtlingen „hochgebildete und motivierte“ Ärzte, Anwälte und Architekten mit besten Fremdsprachenkenntnissen trafen. Ein syrischer Zahnarzt begutachtet sogar, nur halb im Scherz, spontan die Zähne von Marcel Hodenius, mit ihnen ist alles okay.

Sie schrieben auf, wie sie Messer und Elektroschocker beschlagnahmten und respektloses Verhalten gegenüber weiblichen Kollegen bezeugten. „Die, die wirklich Hilfe brauchten, waren aber die Masse“, stellt Hodenius klar. Viele Geschichten von unfassbarem Leid werden er und seine Kollegen nie wieder vergessen. Mitte März 2016 beruhigt die Situation sich, der Einsatz der drei im Raum Passau ist beendet.

Nicht jeder hält so lange durch. Eine Kollegin wird nach Hause geschickt, nachdem sie weinend zusammengebrochen ist. Das Geschehen treibt auch die drei Freunde aus Übach-Palenberg und dem Ruhrgebiet an ihre Grenzen. Zwölf Stunden pro Tag sind Conrads, Franke und Hodenius im Einsatz, immer neun Tage am Stück, dann geht es zurück nach Nordrhein-Westfalen in die Normalität. Das bedeutet: Einsätze bei Demonstrationen und Fußballspielen.

Nach 13 Tagen in NRW geht es dann wieder runter nach Bayern. Die Übersicht dort ist schwer zu wahren. Zwar werden Fingerabdrücke genommen und Dokumente kontrolliert, jedoch können die Beamten nicht vermeiden, dass einzelne mehrfach oder gar nicht registriert werden. „Wenn jemand uns konkret die Frage stellt: ‚Wer kommt da zu uns?‘, so ist die ehrliche Antwort, dass wir das in vielen Fällen gar nicht wissen.“

Unterfüttert und in Zusammenhang gestellt werden die Geschehnisse mit Gesetzestexten und dem, was auf der großen politischen Bühne geschieht, zum Beispiel dem berühmten Satz „Wir schaffen das!“ der Bundeskanzlerin. Jawohl, das Ansteigen der Flüchtlingszahlen im Spätsommer und Herbst könne „durchaus in einem Zusammenhang mit der sogenannten Einladung Angela Merkels betrachtet werden“, schreiben die Bundespolizisten.

Die Maßnahmen aus den „Asylpaketen I und II“, das machen sie deutlich, halten sie für richtig. „Ein Rechtsstaat kann es nicht zulassen, dass Personen unkontrolliert in sein Staatsgebiet einreisen, ohne dass erfasst wird, wer sie sind und wohin sie gehen. Gleichzeitig muss, um das Recht auf Asyl zu schützen, auch im Rahmen des Asylgesetzes abgeschoben werden.“

Wie umstritten das Thema bleibt, zeigt sich auch an den bisherigen Kundenbewertungen für „Mittendrin!“ bei Amazon. Die Leser vergaben bislang ausnahmslos entweder die bestmögliche Bewertung – oder die schlechteste.

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