Die, die kommen, sind Menschen, und das macht es kompliziert

Von: Heiner J. Coenen
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Geilenkirchen. Was ist im Zuge der Flüchtlingskrise richtig, was ist falsch? Man kommt am ehesten weiter, wenn man sich auf einen der Zuwanderer einlässt, glaubt unser Autor.

„Rendezvous mit der Globalisierung“ nennt der sonst nicht zu romantischen Gefühlsaufwallungen neigende Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble den Sachverhalt Zuwanderung, der im vergangenen Jahr das Topthema in Deutschland war und wohl auf absehbare Zeit auch bleiben wird.

Einige Monate nachdem die Bundeskanzlerin ihrem Gefühl Ausdruck gab mit dem Satz „Wir schaffen das!“, fragen sich viele, ob der Vorgang nicht uns schafft. Dabei ist es nicht nur die schiere Anzahl der Migranten, sondern vor allem die Art und Weise, in der das Ganze abläuft.

Mittlerweile ausgesprochen hitzige Debattenbeiträge vermitteln tagtäglich ein Bild davon, dass das Thema Zuwanderung aber auch gar niemanden mehr kalt lässt. Zum ausgesprochen komplexen Sachverhalt tritt noch hinzu, dass unterschiedslos von „Flüchtlingen“ gesprochen wird, was von der Begrifflichkeit her zumindest sehr unsauber ist. Viele der derzeitigen Zuwanderer haben das Merkmal „Flüchtling“, aber beileibe nicht alle. Menschen dagegen sind es immer, die kommen, und das macht die Sache kompliziert.

Relativ unstrittig ist, dass die nicht von Handlungsanweisungen unterfütterte Gefühlsäußerung der Bundeskanzlerin auf Bundes- und Länderebene zu einem „Organversagen“ geführt hat. Das heißt, viele Behörden sind materiell oder personell offensichtlich nicht so ausgestattet, dass sie die riesigen Erfassungs-, Ordnungs- und Integrationsaufgaben, die mit dieser in der Nachkriegsgeschichte beispiellosen Wanderungsbewegung einhergehen, angemessen angehen könnten.

Die Kommunen ächzen über die Aufgabenlast, die auf sie bei mangelhaften finanziellen und personellen Ressourcen einstürzt. Die Abwesenheit von Professionalität im Umgang mit den sich auftürmenden Aufgaben wird mittlerweile von einer Mehrheit der deutschen Bevölkerung als beunruhigend oder gar bedrohlich empfunden.

Die bisher immer hochgelobte EU versagt gänzlich: Die Konferenz-Tiger in Brüssel und in den Hauptstädten der EU-Mitgliedsstaaten scheinen absolut außerstande, auch mal nur einen solidarischen gemeinsamen Ansatz zu finden. Also: Die hoch bezahlten Politiker, die so gerne vor Fernsehkameras staatsmännisch oder- fraulich den teuren Staatskarossen entsteigen, haben offensichtlich kollektiv versagt, den Stresstest nicht bestanden. „Organversagen“ scheint vorzuliegen, Pessimisten sehen schon ein „Staatsversagen“.

Und gleichzeitig ereignet sich in Deutschland ein großes humanitäres Wunder: Männer und vor allem Frauen an der Basis, „Ehrenamtler“ genannt, warten nicht lange auf Regierungsebenen, Parteien oder Verwaltungen, sondern finden sich spontan zusammen, um unentgeltlich Hilfe bei Erstausstattungen zu leisten, bei Behördengängen zu helfen, Fahrdienste zu leisten und, und, und ...

In Geilenkirchen – die Aufzählung ist sicher nicht vollständig – sind da zum Beispiel die frühen kreativen Ansätze in Süggerath zu nennen, der Runde Tisch der Caritas, das Kleiderkarussell, der Ort der Begegnung in Lindern mit der erstmaligen Ausrichtung eines Cafés am 16. Januar im Jugendheim Lindern, das sechs, sieben Frauen mit viel Elan einfach mal initiiert hatten. Keiner wusste so richtig, wie es ging, aber worauf sollte man warten?

Ganz gewiss nicht auf die oben angesprochenen Organe. Mehr als 60 Besucherinnen und Besucher unter den Begleitumständen einer babylonischen Sprachverwirrung waren die Belohnung für eine großartige erste, zwei Stunden dauernde Begegnung. Der nächste Termin ist für den 13. Februar anberaumt.

Aber damit ist die Frage, mit was für einem Phänomen die gute alte Tante Europa denn da jetzt konfrontiert ist, auch noch nicht geklärt. Man weiß – abgesehen von globalen und nationalen Nachrichten-Allgemeinplätzen – nicht wirklich viel über die Menschen selbst, die so „plötzlich“ in so großer Zahl vor allem nach Deutschland wollen.

Da kommt man vielleicht nur weiter, wenn man sich traut, sich mal auf einen Zuwanderer wirklich einzulassen. Der Autor dieser Zeilen hat dies in den vergangenen Wochen getan. Das nachstehende Interview wurde in Englisch geführt, hier ist die deutsche Übersetzung des Berichtes aus dem Maschinenraum der Migration, da, wo sich Zuwanderer und Ehrenamtler direkt begegnen.

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