Diabetes: Peter Resch will raus aus dem Abwärtsstrudel

Von: Udo Stüßer
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Ob Fitnessstudio oder Diätkochbuch: Peter Resch hat schon viel versucht, um sein Gewicht in den Griff zu bekommen. Genützt hat nichts davon. Foto: Udo Stüßer
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Ob Fitnessstudio oder Diätkochbuch: Peter Resch hat schon viel versucht, um sein Gewicht in den Griff zu bekommen. Genützt hat nichts davon. Foto: Udo Stüßer
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Ob Fitnessstudio oder Diätkochbuch: Peter Resch hat schon viel versucht, um sein Gewicht in den Griff zu bekommen. Genützt hat nichts Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. „Du fettes Schwein!” Diese Worte knallen wie Peitschenhiebe. Wieder einmal diese Beleidigungen, diese unverschämte Anspielung auf sein Aussehen. Peter Resch hört solche Äußerungen nur zu oft. Manchmal ganz offen, manchmal hinter vorgehaltener Hand getuschelt.

Frauen, die ihm begegnen, schauen oft verlegen weg, um ihn nicht ansehen zu müssen. „Ich nenne sie die Kachelfrauen. Sie schauen sich lieber die Steine der Hausfassade als mich an“, sagt er mit traurigen Augen.

Der 55-jährige Geilenkirchener bringt mit seinen 1,82 Metern Körpergröße 175 Kilogramm auf die Waage. Sein Body-Mass-Index beläuft sich auf 53. Dabei treibt er regelmäßig Sport und ernährt sich sehr gesund. Mahlzeiten aus der Imbissbude sind ihm fremd, Fertigprodukte kommen für ihn nicht in Frage. Alles kommt frisch auf den Tisch. Alkohol trinkt er keinen. Trotzdem nimmt er nicht ab. Peter Resch ist krank. Er leidet schwer unter Diabetes.

Peter Resch war nicht immer dick, der gelernte Heizungsbauer war richtig fit. Als er im Rohrleitungsbau tätig war, hat er bis zu 7000 Kilokalorien am Tag verbrannt. „Nun ja, bei der harten körperlichen Arbeit habe ich natürlich auch gut gegessen. Meine 110 Kilogramm habe ich trotz eines kleinen Bierbäuchleins noch als mein Wohlfühlgewicht empfunden“, blickt er zurück.

1996 hatten Ärzte bei dem damals 35-Jährigen Diabetes festgestellt, der mit Medikamenten therapiert wurde. Aufgrund seiner Erkrankung empfahlen ihm Ärzte und die Landesversicherungsanstalt im Jahr 2000 eine Umschulung zum Bürokaufmann. Sein Arbeitsplatz war von nun an der Schreibtisch, sein Werkzeug ein Stift. „Aufgrund der Tätigkeit im Sitzen kam das eine oder andere Kilo dazu. Ich saß nur noch im Bürosessel und war das kräftigende Essen vom Bau gewohnt“, blickt er zurück.

Im Jahre 2005 reichte die medikamentöse Therapie gegen Diabetes nicht mehr aus, die Ärzte verordneten Insulin. Die Nadel auf seiner Waage ging auf die 140-Kilogramm-Marke zu und überschritt diese nach einer intensivierten Insulin-Therapie im Heinsberger Krankenhaus vergangenes Jahr.

„Während der Therapie musste ich zu jedem Essen 40 Einheiten spritzen, nachts 60. Das hatte dann 15 Kilo Gewichtszunahme zur Folge“, sagt der Mann, der normalerweise zehn bis 15 Einheiten spritzt. „Insulin ist ein Fettspeicherhormon. Je mehr Insulin gespritzt wird, desto mehr Fett wird gespeichert. Je mehr man dann wiegt, desto weniger schafft es die Bauchspeicheldrüse, den Körper zu versorgen. Man muss mehr spritzen. Ein Teufelskreis“, sagt Resch.

In jungen Jahren hat sich Peter Resch sportlich nie betätigt: „Bei der harten Arbeit auf den Baustellen brauchte ich das auch nicht. Als ich aber immer schwerer wurde, wollte ich Sport treiben und habe mich im Fitnessstudio des Sportparks Loherhof angemeldet.“ Bis zu fünf Mal in der Woche trainiert er dort: Zweimal in der Woche steht Spinning auf dem Programm, dreimal in der Woche Laufband, Crosstrainer und Krafttraining. „Natürlich alles nur mit der Geschwindigkeit, die meinem Körpergewicht entspricht.“ Dass Peter Resch fleißig und motiviert trainiert, bestätigt auch Studioleiter Sebastian Müller: „Bei dem Cardio- und Krafttraining, welches er hier absolviert, müsste er eigentlich abnehmen. Er hält eine Stunde Indoor-Cycling durch und verbrennt sicherlich 800 Kalorien. Das fällt manch anderem schwer.“

Peter Reusch kennt fast jede Diät: die „Low-Carb-Diäten“, die besten „Fett-weg-Tipps“ und die „Schlank-Geheimnisse“. Zehn Bücher von Weight Watchers stapeln sich neben anderen Kochbüchern auf seinem Schreibtisch. Für einen zehnmonatigen Abnehmkurs hat er 800 Euro auf den Tisch gelegt. „Jede Diät, die ich versucht habe, ist umgeschlagen. Keine brachte Erfolg. Im Gegenteil: Es wurden immer mehr Kilos.“

Viele rümpfen die Nase, wenn ein Dicker kommt, hat Peter Resch festgestellt. „Dick sein ist ein Stigma“, sagt er. Im Laufe der Zeit hat er sich deshalb zurückgezogen. Er leidet unter Depressionen. Oft verkriecht er sich in seiner kleinen Wohnung an der Konrad-Adenauer-Straße, verschanzt sich mit seinen Büchern.

In diesen Phasen hat er auch ein 7500 Teile umfassendes Puzzle zusammengebaut. Die Skyline von New York schmückt sein Wohnzimmer und lädt zum Träumen ein. Aus dem sozialen Leben hat er sich längst verabschiedet, nur im Fitnessstudio, wo man „den Peter“ seit Jahren kennt, fühlt er sich wohl.

An guten Tagen führt ihn sein Weg doch nach draußen. Dann spaziert er mit einem Buch zum Wurmauenpark und genießt die Sonnenstrahlen. Auch zwei Reha-Maßnahmen in Bad Kissingen und eine psychosomatische Reha-Maßnahme in Geldern haben nicht viel geholfen. „Wenn man die Krankheiten nicht in den Griff bekommt, ist der Abwärtsstrudel vorprogrammiert“, weiß Resch.

Seine Hoffnung ruht auf einer Magenoperation, die sein Hausarzt ebenso wie der Diabetologe empfohlen hat. Im Adipositaszentrum des St.-Antonius-Hospitals Eschweiler hat er sich den Chirurgen bereits vorgestellt. „Sie haben eine Magenoperation empfohlen, ich muss allerdings zunächst ein multimodales Therapiekonzept durchlaufen.

Dies schreiben die Krankenkassen vor einer Bezahlung der OP vor: Sechs Monate lang muss sich Resch nun einer Sporttherapie unterziehen, in diesen sechs Monaten muss er eine Ernährungsberaterin aufsuchen. Akribisch genau muss er niederschreiben, wann er sich auf welchem Gerät wie lange im Studio bewegt hat, welche Bewegung er ansonsten hatte und was er gegessen hat. In Bochum muss er an einem psychologischen Screening teilnehmen.

Auch muss er den Treffen der Adipositas-Selbsthilfegruppe in Eschweiler beiwohnen. „Beim letzten Meeting traf ich auf 118 weitere Betroffene“, sagt Resch. Gutachten von Ärzten, eine Aufstellung aller Diäten der vergangenen fünf Jahre und eine Flut an Formularen müssen vorgelegt werden.

„Ich hoffe sehr, dass die Krankenkasse diese Operation genehmigt. Dann kann ich ein neues Leben anfangen. Denn wenn ich es jetzt nicht hinbekomme, habe ich keine Chance mehr.“

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