Übach-Palenberg - Der Zirkus ruht nie, auch nicht im Winter

Der Zirkus ruht nie, auch nicht im Winter

Von: Markus Bienwald
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Weiß nicht, wie er die Tiere versorgen soll: Direktor Ludwig Neigert vom „Circus Amany“ bittet daher um Futterspenden für die Tiere im Scherpenseeler Winterquartier. Foto: Markus Bienwald

Übach-Palenberg. Reparaturen, Futter besorgen und neue Kunststücke einüben: Manuel Belli vom „Circus Belli Junior“ und Ludwig Neigert vom „Circus Amany“ haben in den Wintermonaten alle Hände voll zu tun. Denn auch wenn gerade keine Aufführungen auf dem Programm stehen, ist das Zirkusleben im vollen Gange. Besonders die Tierpflege bereitet Ludwig Neigert größere Sorgen.

Manuel Belli hat die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Während die tief hängenden Wolken wohl das Ende des trockenen schönen Wetters ankündigen, muss er ganz alleine ein 100 Quadratmeter großes Zelt aufbauen. Auf einer Wiese nahe der Boschelner Lindenschule schlägt er dazu große Nägel in den Boden, die das aufgerichtete Zirkuszelt halten sollen. Heringe sagen nur Camper dazu, kann man im Gespräch mit dem 31-Jährigen heraushören, der stolz darauf ist, das Zelt ganz alleine aufgebaut zu haben.

„Das geht doch ganz schnell“, sagt der sympathische Mann, „in einer Stunde bin ich fertig.“ 80 Leute werden hier morgen hineingehen, meist sind es Kinder, die Schule hatte sich das am Jahresende als Attraktion für ihre OGS-Kinder gewünscht. „Erwachsene sind natürlich auch herzlich willkommen“, sagt Manuel Belli, der mit Bruder Roberto den kleinen „Circus Belli Junior“ am Laufen hält. So gut es geht zumindest, denn just nach der Anreise über 300 Kilometer aus Amsterdam hat der Zirkus-Lkw den Geist aufgegeben. „Das kann schnell mal ein paar tausend Euro kosten“, sagt Manuel Belli schulterzuckend.

Geld, das bei einem kleinen Zirkus gerade im Winter – trotz Engagements an Schulen oder Kindergärten – irgendwo in der Kasse aufgetrieben werden muss.Vielleicht bringen die Vorstellungen bis einschließlich Sonntag in Boscheln noch Geld in die Kasse. „Zum Glück haben wir außer unserem dressierten Hund keine Tiere zu versorgen“, sagt Manuel Belli. Er selbst ist vor kurzem mit seinem Fuß umgeknickt, trägt eine Schiene und ist nicht zu 100 Prozent auftrittsfähig. „Da unser Programm fast ausschließlich aus Artistik besteht, müssen wir eben improvisieren“, sagt er. Improvisieren, Reparieren, schauen, was möglich ist, das ist auch etwas, das Ludwig Neigert nur zu gut aus seinem Zirkusleben kennt.

Beim Besuch im Winterquartier seines Familienzirkus „Amany“ auf dem Gelände des ehemaligen Betonwerkes Theves in Scherpenseel, wird beim ersten Blick klar, wo der Schuh drückt. „Die Tiere brauchen Futter“, sagt er, und er meint viel Futter. Wann sie welches bekommen, das hängt nicht nur davon ab, wieviel Geld zur Verfügung steht. „Gerade ist mein Lieferwagen kaputtgegangen, den ich immer zum Futterholen brauche“, erklärt Ludwig Neigert. Mit leicht öligen Fingern zeigt er auf einen blauen Transporter, der in der großen Halle steht, wo auch die Tiere untergebracht sind. Zugig ist die Halle, nicht überall mit dichtem Dach, und alt, aber zumindest haben die Tiere einen trockenen Platz, sagt Neigert.

Die Tiere sind sehr wichtig, nicht nur für den Zirkus, er hat auch ein Herz für die Tiere. Und so bittet er um Futterspenden für Pferde, Ponys, Lamas und Ziegen, die sich Besuchern gegenüber neugierig zeigen.

„Der hat was an der Spannrolle“, sagt Neigert, und geht wieder zurück an die Reparatur seines blauen Lieferwagens. Luxus, den gönnt er sich nicht, sagt er, die Fahrzeuge sind rollendes Kapital, müssen laufen, um Geld zu verdienen. „Darum mache ich auch viele Reparaturen selbst“, so der Zirkusdirektor weiter. 15 Leute und viele Wagen gehören zum Zirkus, aber keine wilden Tiere.

„Das sind eher Haustiere“, wie Chef Ludwig Neigert sagt. Und er erzählt noch von seiner Erkrankung, eine langwierige Sache mit der Neben- und Stirnhöhle, die ihn in diesem Jahr schon gut 100 Tage ins Krankenhaus zwang. Das Resultat dieser Erkrankung ist, dass die Zirkusleute in diesem Winter schon Ende August hier Quartier beziehen mussten, weil der Chef einfach nicht arbeiten konnte. „So eine lange Winterpause hatten wir noch nie“, meint er. Das zehrt nicht nur an den Finanzen, das zehrt auch an ihm persönlich. „Am Sonntag werde ich 56, und so langsam merke ich mein Alter“, berichtet er.

Wer übrigens glaubt, dass der Zirkus im Winter nur Pause macht, dem kann der erfahrene Zirkusmensch etwas erzählen. „Schließlich müssen wir und die Tiere auch im Winter trainieren und neue Nummern einstudieren“, weiß er. Und auch darum ist die Frage nach Futterspenden für ihn keine Bettelei, damit die meist vierbeinigen Mitglieder der Zirkusfamilie auch im Winter gut versorgt werden. „Wir brauchen Heu, Stroh, Hafer, Futtermöhren und mehr“, sagt der Zirkusdirektor. Er will nicht, dass die Menschen das Bild vom bettelnden Zirkusmann in der Fußgängerzone vor Augen haben. „Wenn ich für die Tiere um Futter bitte, dann tue ich das alleine“, sagt er mit fester Stimme.

Ausweisen kann er sich, dazu gibt es eine so genannte Reisegewerbekarte. Weil auch der Mann vom Zirkus weiß, dass sich die benötigten Mengen nicht mal eben in der Abstellkammer des Durchschnittshaushaltes finden, scheut er sich auch nicht, nach Geld zu fragen. „Das tun wir nicht, um uns selbst etwas zu gönnen“, unterstreicht Neigert, „wir kaufen damit größere Mengen zu einem niedrigeren Preis ein.“ So können er und seine Tiere, die einen wichtigen Teil des Erlebnisses Zirkus ausmachen, den Winter gut überstehen.

Bis März sind die Leute vom Circus Amany wahrscheinlich noch an ihrem Platz zu finden, denn danach geht es wieder auf die Reise, mit hoffentlich gut über den Winter gebrachten Tieren.

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