„Der stumme Zeuge“: Stadt möchte Zeichen gegen rechts setzen

Von: Daniela Martinak
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Der Übach-Palenberger Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch (l.) schaut dem Künstler Hermann Josef Mispelbaum bei den Vorbereitungen zu. Foto: Daniela Martinak

Übach-Palenberg. Ein Zeichen gegen rechts setzen. Damit zeigen, dass eine ganze Stadt sich gegen die nationalsozialistische Szene stellt und das öffentlich. Das dachte sich der Übach-Palenberger Bürgermeister, Wolfgang Jungnitsch.

„Vor einigen Jahren hatten wir im Ausschuss eine ausgiebige Diskussion zum Thema Stolpersteine. Obwohl viele Städte sich dafür ausgesprochen haben, haben wir uns bewusst dagegen entschieden, die Mahnmale in dieser Form zu errichten“, betont er.

Nicht, nur, dass in Übach-Palenberg nur wenige persönliche Schicksale aus der NS-Zeit aufgezeichnet seien und der eine oder andere Fall bereits aufgearbeitet worden wäre, „dieses Thema den jetzigen Hausbesitzern zuzumuten, finde ich nicht richtig“. Zudem er ein „persönliches emotionales Problem“ mit Stolpersteinen habe: „Man tritt sozusagen das Schicksal dieser Menschen mit Füßen.“

Alle waren sich einig

Eine andere Form des Mahnmals musste her, da waren sich laut Jungnitsch alle einig. Und da hatte der Bürgermeister auch gleich eine zündende Idee. Bei der Verleihung des Kunst- und Kulturpreises im vergangenen Jahr kam er mit dem Gewinner, Hermann Josef Mispelbaum, ins Gespräch und erklärte, was er vor hat: „Ich wollte eine Statue. Nicht irgendeine, sondern eine außergewöhnliche. Eine, die nicht unauffällig ist, eine, die die Masse anspricht und dennoch jedem Einzelnen etwas anderes erzählt.“

Mispelbaum war sofort begeistert. Dass ein Mahnmal in Übach-Palenberg stehen soll, habe nie zur Debatte gestanden. Ein Denkmal, welches das Leid und die Geschichte widerspiegelt, sei wichtig und soll zeigen, dass auch dort das Naziregime wütete und die Vergangenheit keineswegs geleugnet werde.

Manche Bürger fragen sich allerdings, warum wenige Meter neben der bald prunkvoll erscheinenden Statue die Straßen immer weiter aufreißen und die bürgerlichen Anträge auf Ausbesserung schlichtweg abgeschmettert werden – noch.

Doch Jungnitsch lässt sich durch solche Aussagen gar nicht beirren: „Das Mahnmal wird errichtet.“ Basta! Jungnitsch weiter: „Ich habe mich persönlich um die Finanzierung, die nun Sponsoren übernehmen, gekümmert. Fakt ist nun mal, dass etwa eine Sparkasse oder Westenergie nicht für Straßenschäden aufkommt und dafür wohl kaum Gelder locker macht.“

Weiter betont Übach-Palenbergs erster Bürger: „Mir ist sehr wohl bewusst, dass wir als Stadt nicht das Geld für die Umsetzung solch einer wichtigen Maßnahme haben, vor allem in der derzeitigen Schuldenlage nicht. Aber sollen die Leute doch mal anders denken: Trotz der Erledigung aller anderen Aufgaben habe ich auch noch Zeit gefunden, mich anderen Dingen für die Stadt und ihre Bürger zu widmen.“

In sicheren Tüchern

Sponsoren seien nun gefunden, beinahe sei die Finanzierung von 20.000 Euro in sicheren Tüchern, die Fertigstellung der Skulptur ist in den letzten Zügen. „Ich war mir von Anfang an sicher, dass wir das schaffen. Zwar mit fremder Hilfe, aber darauf sind wir nun einmal angewiesen“, unterstreicht der Bürgermeister und weist damit nochmals auf den Nothaushalt hin. Er habe mehreren möglichen Sponsoren einen Brief geschrieben, in denen er um Hilfe bei der Finanzierung bei dem Projekt bitte. Auch die Kanzlerin habe einen Brief erhalten. In dieser Betreffzeile stand allerdings „Nothaushalt“. „Ich muss zu so vielen Dingen ‚Nein‘ sagen, aber zu einem solchen Projekt muss man einfach ‚ja‘ sagen“, ist sich Jungnitsch sicher.

Der Künstler, Hermann Josef Mispelbaum, pflichtet ihm da bei. Es sei ja nicht irgendein Denkmal. Und wenn schon Schilder, auf denen die Worte „Wir haben keinen Platz für Rassismus“ stehen, die Ortseingänge zieren, dann sei es gerade wichtig, auch mitten in der Stadt ein Zeichen zu setzen. Mispelbaum: „Bei der Umsetzung muss ich zugeben, habe ich mich ein wenig schwer getan, viele Ideen spukten mir im Kopf herum, aber es ist ein brisantes Thema, das schnell unangenehm werden kann.“

Gequälte Gesichter oder verletzte Menschen wollte er keinesfalls zeigen. Mit dem letztendlichen Ergebnis sind laut Jungnitsch aber alle zufrieden.  „Wir haben uns im Rat zusammengesetzt und uns einstimmig für diese der insgesamt drei Versionen entschieden“, erklärt er. Im Januar soll das Werk enthüllt werden. Sobald der Vorhang fällt, wird dann auf dem Platz zwischen dem Schwimmbad und dem Rathaus „Der stumme Zeuge – Die Unschuldsbekennung“ zu sehen sein.

In Bronze gegossen und auf einem stattlichen Sockel mit einer Tafel, auf der ein prägendes Zitat „welches aber noch nicht verraten wird“, und einem weiteren Schriftzug, auf dem die Sponsoren vermerkt sind, soll das Abbild eines Mannes mit überdimensionalem Kopf, ein Zeichen gegen die rechte Szene und die NS-Zeit darstellen.

„Meine Figur verschränkt die Arme, in denen er ein Kind hält, vor der Brust. Aus seinen Oberarmen wachsen menschliche Figurationen,“ beschreibt Mispelbaum sein Werk. Dabei betont er stets: „Ich bin nicht der Kritische gegenüber der vergangenen Generation, sondern ein Künstler, der eine Skulptur entwickelt hat, die als Metapher und Zeichen innehalten lässt – eben gegen das Vergessene, denn meiner Meinung nach schwieg der eigentliche Zeuge viel zu lange.“

Geschwiegen wird zum Thema Haushaltslage nicht. Fakt sei: Bis 2016 soll der Haushalt wieder im Gleichgewicht sein. Bis 2020 versuche man sicherzustellen, auch ohne Fremdzuschüsse auszukommen.
Bis dahin werden der „Stumme Zeuge“ und seine Betrachter wohl noch auf beschädigte Straßen blicken.

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