Der Schnitzelmacher: Wie Jabed an eine Ausbildung kam

Von: Simone Thelen
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rollbraten
Rollbraten, Schnitzel und Kartoffelsalat: Die Zubereitung der klassisch deutschen Gerichte macht Jabed Walliulah besonderen Spaß. In Gangelt macht der Flüchtling aus Bangledesch eine Ausbildung zum Koch. Und seine Vorgesetzten sind voll des Lobes. Foto: Simone Thelen
Das Team in Gangelt
Team in Gangelt: Jabed Walliulah (Mitte) ist dankbar für die Hilfe von Sebastian Erfurth, Werner Zinken, Kerstin Ophoven und Martina Flügel. Foto: Simone Thelen

Gangelt. Was ist eigentlich typisch deutsch? Na klar: das Schnitzel. Viele Köche müssen sich daran messen lassen, wie saftig das Fleisch ist und wie knusprig die Panade. Seit neuestem gibt es nun einen neuen Anwärter auf den Schnitzel-Thron: Jabed Walliulah, 23-jähriger Nachwuchskoch und Flüchtling aus Bangladesch. In diesen Tagen beginnt er seine Ausblidung bei der Katharina Kasper ViaNobis GmbH in Gangelt.

„Als wir gesehen haben, in welchem Tempo und mit welcher Präzision er Schnitzel paniert, haben wir nur noch gestaunt“, erzählt Sebastian Erfurth von der DGKK Service GmbH, Tochternunternehmen der Katharina Kasper und zuständig für die Speisen-Versorgung in Gangelt. Ein bisschen ungläubig blickt er noch immer, wenn er sich erinnert, wie die Gangelter Köche den Flüchtling mit den damals nur sehr geringen Deutschkenntnissen beim Probetag einfach mal an die Schnitzel gelassen haben. „Ich weiß nicht, was der in Bangladesch schon alles paniert hat, aber eine so schnelle, akurate Arbeit habe ich noch nie gesehen.“

Jabed Walliulah ist seit 2015 in Deutschland. In seinem Heimatland wird er aufgrund seines Glaubens verfolgt. Als Schiite gehört er der islamischen Minderheit in Bangladesch an. „Meine Familie hat ihr ganzes Geld zusammengekratzt, um mir die Flucht nach Deutschland zu ermöglichen“, erzählt er, und seine sonst fröhlich leuchtenden Augen wirken traurig beim Gedanken an seine Eltern und seine beiden älteren Geschwister daheim.

„Das Geld reichte nur für einen“, meint er und erzählt von seiner dreimonatigen Flucht über Indien, Pakistan, den Iran und die Türkei, dann über den Seeweg nach Griechenland und zu Fuß und mit Autos von Schlepperbanden weiter über Serbien, Ungarn und Österreich, bis er schließlich in Deutschland angekommen ist. Angst hat er gehabt, vor allem auf der Fahrt im Schlauchboot nach Griechenland. Szenen, die man nur aus den Nachrichten kennt, hat Jabed selbst erlebt.

Zusammengepfercht mit 60 weiteren Flüchtlingen hat er für eine sichere Ankunft in Europa gebetet. Er wurde erhört. „Manchmal hatten wir unterwegs tagelang nichts zu essen. Aber mich hat die Hoffnung auf ein besseres Leben angetrieben. Darum bin ich gekommen. Und ich bin einfach nur froh.“

Jabed Walliulah hat großes Glück. Er kommt nach Gangelt und zieht in das Haus von Werner Zinken in Stahe ein. Dort lebt er mit 13 weiteren Flüchtlingen aus Pakistan und Syrien zusammen. In Werner Zinken hat er nicht nur einen Vermieter, sondern auch einen Freund gefunden. „Ich habe mich um ihn und um die anderen Flüchtlinge gekümmert“, erinnert sich Zinken. „Ich helfe bei Behördengängen, Arztterminen, Briefen und den sonstigen Dingen des täglichen Lebens.“ Darüber hinaus kümmert er sich darum, eine Beschäftigung für „seine Jungs“ zu finden. Mit Erfolg, muss man sagen, denn neun junge Männer haben bereits eine Arbeit gefunden, vier besuchen die Schule und bei einem ist Zinken gerade noch in Gesprächen.

Die Idee, Jabed in der Küche der ViaNobis unterzubringen, kam Zinken, als seine Frau eine kurze Zeit im Krankenhaus verbringen musste. Der Flüchtling hatte es sich dann nämlich zur Aufgabe gemacht, den 69-jährigen Rentner zu versorgen und für ihn zu kochen. „Beim ersten Mal war es etwas scharf“, lacht Zinken, „aber mittlerweile hat sich Jabed an den deutschen Geschmack gewöhnt.“

Werner Zinken wäre auch selbst in der Lage gewesen, sich sein Essen zuzubereiten, aber bei ihm in Stahe beweist sich, dass das Zusammenleben am besten funktioniert, wenn beide Seiten einen Beitrag leisten. Zinken: „Das, was man tut, bekommt man auch zurück. Ich bin davon überzeugt, dass sich dieses Engagement auch auszahlt.“

Bei der Frage, warum er sich einsetzt, muss er direkt an seine Eltern denken: „Die haben den Krieg mitgemacht und waren selbst auf der Flucht. Nur den Menschen, die sie damals aufgenommen haben, ist es zu verdanken, dass sie es geschafft haben. Dafür möchte ich mich nun revanchieren.“

Jabed hatte schon in Bangladesch in einer Großküche gearbeitet. Die Aufgaben dort unterschieden sich jedoch maßgeblich von den Anforderungen, die in Gangelt zu erfüllen sind.

Trotzdem hat er das dortige Kücheteam an seinem Probetag, den Werner Zinken für ihn organisiert hatte, so überzeugt, dass daraus fließend ein achtwöchiges Praktikum geworden ist. „In dieser Zeit haben wir die Einstiegsqualifizierung für eine Ausbildung zum Beikoch vorbereitet“, erklärt Sebastian Erfurth.

„Er muss einen Deutschkurs besuchen, damit er während der Ausbildung auch in der Berufsschule zurecht kommt.“ Wenn alles klappt, kann er nach der zweijährigen Lehre noch ein Jahr anhängen und ist dann Koch. „Und da machen wir uns auch überhaupt keine Sorgen.

Denn einen Mitarbeiter, der so interessisert ist, so freundlich, so geschickt und so hilfsbereit wie Jabed, habe ich in den letzten Jahren nicht erlebt.“ Auch die Kollegen in der Küche haben Jabed mittlerweile sinnbildlich adoptiert: „Der ist unser Bester“, sagt Hauswirtschafterin Kerstin Ophoven, zuständig für die Azubis und Praktikanten. „Er sieht, was getan werden muss, und bittet von sich aus um Arbeit. Das ist heute längst nicht mehr selbstverständlich.“

Rund 850 Essen werden in der Katharina Kasper ViaNobis täglich zubereitet. „Ich koche gerne Fisch, Fleisch und Salate“, sagt Jabed. Aber die deutschen Fleischgerichte wie eben Schnitzel oder auch der Rollbraten haben es ihm besonders angetan. Selbst probieren mag er allerdings nicht. Sein Glaube verbietet ihm den Genuss von Schweinefleisch.

Dafür ist er bei einem weiteren deutschen Klassiker, dem rheinischen Kartoffelsalat, auf den Geschmack gekommen. „Mayonnaise kannte ich gar nicht, bevor ich nach Deutschland kam, aber das schmeckt mir jetzt besonders gut.“ Die Bockwurst lässt Jabed dann einfach weg.

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