Der Schein trügt: Kriminalstatistik erklärt

Von: jpm
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Symbolbild Polizeiabsperrung Symbol Patrick Seeger/dpa
Zahlen zeigen nicht immer, was sie zu zeigen scheinen: Vier rein fiktive Beispiele für vier ganz reale Probleme bei der Deutung. Symbolbild: Patrick Seeger/dpa

Geilenkirchen. Bei Statistiken zur Kriminalität besteht das grundlegendste Missverständnis darin, dass sie keine Aussage über die Zahl der Straftaten treffen, sondern nur über die Zahl der Straftaten, die angezeigt werden. Was nach Haarspalterei klingt, macht einen gewaltigen Unterschied. Eine Graffiti-Schmiererei etwa zieht in Mindergangelt wesentlich leichter eine Anzeige nach sich als in Berlin-Kreuzberg.

Man sollte sich also hüten, ausschließlich anhand der Statistik eine Aussage darüber zu treffen, wo mehr geschmiert wird. Für schwerwiegende Delikte gilt oft das Gleiche, bestes Beispiel ist die häusliche Gewalt, die längst nicht immer angezeigt wird. Man spricht von der sogenannten Dunkelziffer. Die Kriminalitätsstatistik bildet also immer nur einen mehr oder weniger großen Ausschnitt der Realität ab. Doch es ist noch weit verzwickter, wie die folgenden vier frei erfundenen Beispiele zeigen.

Verbrechen ohne Opfer? Kevin aus Geilenkirchen will einen Sportauspuff mit Spoiler für seinen Opel Astra, mit dem er nachts durchs Parkhaus am Bahnhof heizt. Auch eine Lackierung in metallic-violett und die neongrüne Unterbodenbeleuchtung gefallen ihm. Um an Geld zu kommen, verkauft Kevin bei Ebay ein hochwertiges Paar Nike Air Max. Leider reicht das Geld nicht, weshalb er die Schuhe noch 100 weitere Male an Ebay-Kunden in ganz Deutschland verkauft. Wenig später hat er 100 Anzeigen am Hals, denn liefern kann er ja nicht. Obwohl die Verbrechen niemanden in Geilenkirchen betroffen haben, sind die Auswirkungen auf die hiesige Statistik enorm.

Prävention paradox: Wim ist Berufs-Einbrecher, zum Arbeiten fährt er gerne von Heerlen aus in die Gemeinde Selfkant. Heute will Wim bei Herrn S. einbrechen, der allerdings auf Anraten der Polizei einige Präventionsmaßnahmen getroffen hat. Wim hat drei Kinder zu ernähren und ist außerdem spielsüchtig, weshalb er es sich nicht leisten kann, leer auszugehen. Er versucht es deshalb ein Haus weiter bei Herrn M. Doch der hat es seinem Nachbarn nachgemacht, wieder scheitert Wim. Erst beim dritten Versuch hat er Erfolg: Er stiehlt der Familie S. Bargeld für den Spielautomaten und für seine Kinder eine Playstation.

Die kleine Tour zieht nun zwei Anzeigen wegen der versuchten Einbrüche nach sich und eine wegen des erfolgreichen Versuchs, fließt also in die Statistik dreifach unter „Einbruchskriminalität“ ein. Hätte die Polizei nicht für besseren Schutz vor Einbrechern geworben, hätte es nur eine Anzeige gegeben, was in der Statistik besser ausgesehen hätte.

Das Beispiel mag etwas konstruiert wirken, aus der Luft gegriffen ist es nicht: Der Anteil von versuchten Einbrüchen wird gegenüber den erfolgreichen Einbrüchen immer höher, sagt der Leiter der Direktion Kriminalität, Dieter Prosch.

Doppelt auf die Mütze: Es ist Samstagabend. Erkan und Marcel gehen unabhängig voneinander in eine Heinsberger Diskothek, beide sind sternhagelvoll und auf Krawall gebürstet. Vor der Diskothek machen sie miteinander Bekanntschaft und sind sich auf Anhieb unsympathisch. Dann gibt’s auf die Mütze. Hinterher zeigt Erkan Marcel an und Marcel Erkan. Es fließen zwei Fälle von Körperverletzung in die Statistik ein, dabei beziehen sich beide Anzeigen auf den gleichen Vorfall. Ebenfalls zu erwähnen ist, dass der Vorfall nun die Heinsberger Statistik belastet, obwohl Erkan aus Wegberg kommt und Marcel aus Waldfeucht, wo es keine Diskothek gibt. Diskotheken sind meist schlecht für die Kriminalitätsstatistik, sagt Dieter Prosch.

Politisierter Vandale: Marcel aus Waldfeucht geht nachts manchmal spazieren und zerkratzt mit einem Eispickel Autos. Das setzt natürlich jedes Mal Anzeigen gegen Unbekannt und fließt Jahr für Jahr in die Kriminalitätsstatistik ein. Seit einer Auseinandersetzung mit einem Türken vor einer Diskothek in Heinsberg ist Marcel allerdings überzeugter Nazi, weshalb er auf seinen nächtlichen Spaziergängen dazu übergegangen ist, Hakenkreuze in die Autos zu ritzen. Wegen der vielen Ecken ist das gar nicht so einfach, aber Marcel verleiht das ein wohliges Gefühl in der Magengegend: Er hat jetzt eine Botschaft. Und auch auf die allgemeine Kriminalitätsstatistik wirkt Marcels politisches Engagement sich positiv aus.

Wie das sein kann? Ganz einfach: Seit Marcel Hakenkreuze ritzt, fällt sein Treiben unter politisch motivierte Kriminalität. Das heißt, dass der Staatsschutz in Aachen ermittelt. Zwar führt auch der Statistiken, diese fließen aber nicht in die allgemeine Kriminalitätsstatistik ein. Selbst wenn Stefan doppelt so viele Autos zerkratzen würde wie früher, sieht Waldfeuchts Kriminalitätsstatistik in puncto Vandalismus nun also besser aus.

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