Geilenkirchen - Der Ort, an dem Julian Young Joyner starb: Ein Besuch nach 72 Jahren

Der Ort, an dem Julian Young Joyner starb: Ein Besuch nach 72 Jahren

Von: Heiner J. Coenen
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Heimatforscher Heiner Coenen mit Barry Tonning und dessen Ehefrau Kimberly.
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Diese Grabplatte erinnert in North Carolina, USA, an Julian Y. Joyner. Fotos/Abbildungen: Archiv Heiner Coenen (4), Kilian Coenen (1)

Geilenkirchen. Der Zweite Weltkrieg endete offiziell am 8. Mai 1945. In den Köpfen und Herzen betroffener Familien endet er nie. Der Schmerz über einen gewaltsam Getöteten in der Familie ist so brutal, dass man nie vergisst.

Es gab viele Mütter in vielen Ländern, die nach 1945 für den Rest ihres Lebens nur noch Schwarz trugen. Gesteigert werden kann dieser Horror eigentlich nur noch durch die Ungewissheit im Falle von Vermissten; Trauer braucht einen Platz. Nun kann man sich als jemand, der 30, 40 oder 50 Jahre nach diesem Krieg geboren wurde, fragen: Was geht mich das an?

Das Problem ist die Abstraktion, die zeitliche Entfernung zum Ablauf und die totale Zahl von 55 Millionen Toten, die die Zeit von 1939 bis 1945 gefordert hat. Das ist eine zu große Zahl, als dass man sie emotional wirklich verstehen könnte. Vielleicht ist das die Stunde der Lokalzeitung: Wir machen es jetzt hier kleiner, wir bringen es auf eine Ebene, die wir verstehen. Wir reden jetzt ganz konkret über einen damals 22-Jährigen, einen jungen Amerikaner, der wahrscheinlich ein erfülltes Leben mit Frau und Kindern in einem sehr schönen Land zu erwarten gehabt hätte – wenn er nicht am 1. Dezember 1944 in Geilenkirchen-Lindern gefallen wäre.

Die Vorgeschichte: Nach dem Angriff auf Pearl Harbor traten die Vereinigten Staaten am 8. Dezember 1941 mit der Kriegserklärung an Japan in den Zweiten Weltkrieg ein, am 1. Januar 1942 erfolgte der Beitritt in die Anti-Hitler-Koalition, der die Sowjetunion und Großbritannien angehörten. Nach einer auch heute noch mehr als beeindruckenden logistischen Vorbereitung, an der die gesamte amerikanische Wirtschaft beteiligt war, erschien in den frühen Morgenstunden des 6. Juni 1944, dem berühmten D-Day, eine Armada von Schiffen der westlichen Alliierten vor den Küsten der Normandie, wie sie die Welt bis dahin nicht gesehen hatte.

Die deutschen Soldaten verteidigten die von ihnen besetzten Stellungen verbissen und die Kämpfe in den folgenden Monaten waren ausgesprochen verlustreich für beide Seiten. Ein bekanntes Beispiel für die Härte dieser Kämpfe war die Schlacht im Hürtgenwald, in der Nähe von Aachen, in der alleine die amerikanischen Verluste nach übereinstimmenden Angaben etwa 32.000 Soldaten in der Zeit von September bis Dezember 1944 betrugen. 32.000 in acht bis zehn Wochen, für Geländegewinne von ein paar Kilometern!

„Killed in Action“: Die erste Information des 1955 geborenen Barry Tonning aus Mount Sterling, Kentucky, USA, lautete: „Mein Onkel war ein amerikanischer Soldat im 335. Infanterie-Regiment, 1. Bataillon, B-Kompanie. Diese Einheit war beteiligt an den Angriffen auf Lindern Ende November/Anfang Dezember 1944. Er fiel am 1. Dezember am westlichen Ortsrand auf dem Gelände der damaligen Ziegelei im Ort.“ Auf wesentlichen Teilen des damaligen Ziegeleigeländes in Lindern befinden sich heute die Straße und die Häuser „Am Park“.

Kontakt aufgenommen hatte Tonning über den aus Lindern stammenden Johannes Schnitzler, der heute in Hannover lebt, in den USA studiert hat und Mitglied in einem Internetforum ist, in dem man sich über historisch-kulturelle Fragen und Sachverhalte austauscht. Schnitzler wiederum ist mit dem Verfasser dieser Zeilen befreundet – und so führte eines zum anderen. Tonning besuchte Lindern am 8. Mai 2016.

„Railsplitter“ Julian: Julian Young Joyner, geboren 15. Juni 1922, wurde am 30. November 1942 in die 84. US-Division eingezogen, Kennern der Materie auch hier bekannt als die „Railsplitters“. Bei seinem Aufenthalt in England war er lebensbejahend und liebevoll, wie ein Postkartengruß an seine Schwester Lucille im frühen Herbst 1942 von England aus zeigt (siehe unten rechts). Am 18./19. September 1944 verließ Joyners Einheit New York auf Liberty-Schiffen und wurde über England nach Frankreich verlegt, wobei er mit seinen Kameraden am 1. November 1944 den Kanal überquerte und über den von der Invasion am 6. Juni 1944 berühmt-berüchtigten Küstenabschnitt Omaha Beach die Normandie erreichte.

Die Einheit durchquerte bereits am 5. und 6. November Frankreich und Belgien, um am 10. November den ihr zugewiesenen Einsatzraum bei Gulpen, Niederlande, zu erreichen. Ihre Aufgabe war, die von der Invasion im Juni ’44 und den darauf folgenden schweren Kämpfen in Frankreich erschöpften US-Divisionen zu entlasten.

Die Schlacht um Lindern: Julian Young Joyners Einheit, er selbst war mittlerweile Corporal (Unteroffizier), wurde dann sehr schnell in die Kämpfe um Aachen, Würselen und schließlich Geilenkirchen und Prummern verwickelt. Am 26. November gelangten die „Railsplitters“ von Immendorf-Apweiler aus kommend in den Raum Lindern. Die amerikanischen Soldaten bewegten sich entlang des „Gereonsweiler Wegs“ (K 6) Richtung Lindern. Zu der für alle immer lebensbedrohlichen Situation trug zusätzlich bei, dass wochenlanges Regenwetter im November 1944 in unserer Region die Gesamtumstände sich durchaus mit Weltuntergang in Verbindung bringen ließen.

Filme von den Kampfhandlungen in unserer Region zeigen, dass die Soldaten zusätzlich massiv unter dem ständigen Regen, Schlamm und Matsch litten. Die eigene Fortbewegung und die Logistik, aber vor allem die Versorgung der Verwundeten und die Bergung der Toten wurden unglaublich erschwert. Jeder Schritt war sehr, sehr mühsam.

Um Lindern wurde erbittert gekämpft. Nachdem die amerikanischen Einheiten sich am 30. November 1944 in Teilen des Ortes festsetzen konnten, starteten deutsche Einheiten am 1. Dezember um 6 Uhr morgens Gegenangriffe sowohl am östlichen wie auch am westlichen Dorfrand, zu dessen wesentlichen Gebäudekomplexen zu der Zeit der Linderner Bahnhof und die damalige Ziegelei zählten. Nach etwa einer Stunde waren die ausgesprochen harten Kämpfe, oft Mann gegen Mann, beendet. Zahlreiche Tote auf beiden Seiten waren die Folge.

Unter den Toten am frühen Morgen des 1. Dezember 1944 in Lindern war auch Julian Young Joyner.

Trauer: Wie man dem Nachruf entnehmen kann, trauern um ihn seine Eltern, die Großmutter mütterlicherseits, vier Schwestern sowie Bruder Boyd F., als Soldat in England, Bruder Roscoe L., als Soldat in Deutschland, und Arthur L., der als amerikanischer Soldat auf den Philippinen kämpfte. Auf dem Friedhof in Spring Hope, North Carolina, USA, ruht heute Julian Young Joyner, der als damals 22-Jähriger in Lindern gefallen ist.

Der Besuch: Der 1955 geborene Neffe war am 8. Mai 2016, dem Jahrestag des Kriegsendes 1945, mit seiner Frau in Geilenkirchen. Ausführlich wurden Spuren der letzten Tage des damals 22-jährigen Julian Young Joyner gemeinsam mit dem Verfasser dieser Zeilen nachgezeichnet. Dazu gehörte, dass die kleine Gruppe Hubertus Kreuz an der Kreisgrenze Heinsberg/Düren, vor Linnich, aufsuchte, wo auch das Divisionszeichen der „Railsplitters“ zwischen vielen anderen an den damaligen Kampfhandlungen 1944/45 beteiligten deutschen, englischen und amerikanischen Einheiten angebracht ist.

Aber auch begangene und mit Fahrrädern befahrene Wegstrecken von Lindern über Beeck nach Apweiler, Immendorf, Prummern und von Würm nach Lindern vermittelten den Besuchern unter – im Gegensatz zum November 1944! – wettermäßig wunderbaren Bedingungen bleibende Eindrücke von dieser schönen Landschaft in und um Geilenkirchen herum.

Pfarrer Norbert Kaluza lud spontan dazu ein, die Übersetzung eines vorab gesandten Grußes von Barry Tonning an die Geilenkirchener Bevölkerung während des Gottesdienstes am 8. Mai in Lindern vorlesen zu lassen.

Dass die amerikanischen Besucher dann nach der Heiligen Messe noch auf den fast 90-jährigen Peter Wacker aus Lindern trafen, der als ganz junger deutscher Soldat in den USA in Kriegsgefangenschaft gewesen war, und den Besuchern in gutem Englisch erklärte, dass es ihm dort nicht schlecht gegangen sei, war eine unerwartete und für alle Beteiligten höchst erfreuliche Begegnung, bei der man sich auch noch über Orte und Regionen in den USA austauschte, die Peter Wacker noch erstaunlich präsent sind.

Barry Tonning und seine Frau Kimberly legten auf dem Gelände der ehemaligen Ziegelei, jetzt „Am Park“ in Lindern, Blumen in Erinnerung an Julian Young Joyner nieder.

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