Der Kulturschock kommt im Westen

Von: Udo Stüßer
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Sie betreut die Freshman-Studenten auf dem Loherhof: Zhimeng Hong. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Sie kommen aus China und Iran, aus Vietnam und der Türkei. „Und hier erleben die meisten erst einmal einen Kulturschock”, sagt Zhimeng Hong. Die 28-Jährige hat ihn selbst erlebt, als sie aus der 18 Millionen-Einwohner-Metropole Shanghai nach Deutschland kam.

Hier betreut die junge Frau heute angehende Studenten, die das Freshman-Institute als Sprungbrett für ein Studium in Deutschland nutzen. Das Freshman Institute, eine zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Fachhochschule Aachen, bereitet ausländische Studienanwärter nach einem bestandenen Eignungstest im Heimatland ein Jahr lang auf ein Studium an der FH Aachen oder einer anderen Hochschule vor. 180 Studierende sind derzeit auf dem Loherhof untergebracht.

Sorgen und Nöte

Zhimeng Hong selbst ist in Shanghai, der bedeutendsten Industriestadt der Volksrepublik China, aufgewachsen. Hier studierte sie Biomedizinische Technik und schloss das Studium im Alter von 22 Jahren mit dem Bachelor ab. An der der Fremdsprachlichen Universität Shanghai lernte sie anschließend zehn Monate Deutsch. „Ich wollte Auslandserfahrung haben und in Deutschland den Master machen”, blickte sie zurück. An der Fachhochschule Aachen erhielt sie schließlich die Zulassung und studierte an der Abteilung Jülich Biomedizinische Technik in englischer Sprache.

„Meine Englischkenntnisse waren zu diesem Zeitpunkt etwas besser, weil wir in China Englischunterricht in den Schulen haben”, erklärt sie. Mit 26 Jahren beendete sie ihr Studium mit dem Master und wurde vom Freshman Institute als wissenschaftliche Mitarbeiterin angestellt.

Hier, in Geilenkirchen, ist sie auf dem Loherhof für die soziale Betreuung der angehenden Studenten zuständig, gibt Nachhilfeunterricht in Englisch und Deutsch und leitet in Linnich - in der ehemaligen Polizeischule sind ebenfalls Freshman-Studenten untergebracht - ein medizintechnisches Praktikum.

Aus eigener Erfahrung kennt sie die Sorgen und Nöten der jungen Menschen und begleitet sie zunächst durch den dichten Dschungel der Bürokratie: Beim Einwohnermeldeamt müssen sie registriert werden, ein Bankkonto muss eröffnet werden. Wie ist die Krankenversicherung geregelt? Wie sucht man einen Arzt auf? Diese und viele weitere Fragen haben sie auf dem Herzen. „Und dabei sind die Studenten oft einsam, viele tausend Kilometer von ihrer Heimat und ihren Familien entfernt. Sie fühlen sich isoliert”, sagt Zhimeng Hong. Und dann noch der Kulturschock: „In Shanghai sind die meisten Geschäfte rund um die Uhr geöffnet. Hier kann man sonntags ja noch nicht einmal einkaufen.”

Hong steht den jungen Leuten nicht nur mit Rat und Tat zur Seite, sondern sorgt auch für ein Freizeitprogramm: Sportmöglichkeiten haben die Freshman-Studenten auf dem Loherhof ausreichend, dazu werden Ausflüge nach Hamburg und Paris, Museumsbesuche in Aachen und Köln organisiert. Nach zwei bis drei Monaten entstehen zwischen den jungen Leuten dann oft echte Freundschaften und manchmal auch mehr. „Ein Junge aus China und ein Mädchen aus dem Iran haben sich hier schon ineinander verliebt und sind ein Paar”, lacht Zhimeng Hong.

Obwohl die meisten der Studenten im Alter zwischen 18 und 20 Jahren sind, gibt es auch Vorträge zum Thema „Aufklärung und Verhütung”. Denn: „In China werden Jugendliche von ihren Eltern nicht aufgeklärt. Das ist ein Thema, über das man nicht offen redet.” Deshalb hat das Freshman Institute auch „Pro Familia” mit ins Boot geholt.

Viel Freizeit bleibt den Studenten nicht: Von 8.30 Uhr bis 17 Uhr findet Unterricht statt. Dann sind Hausaufgaben und Lernen angesagt. „Denn nach einem Jahr müssen sie die Abschlussprüfung bestehen”, sagt Hong. Am frühen Abend muss noch eingekauft und gekocht werden. Und das Einkaufen ist ein Geilenkirchen für die Asiaten gar nicht so einfach. Denn die Studenten kochen chinesisch. An die deutsche Esskultur haben sie sich noch nicht gewöhnt.

„Wir essen normalerweise dreimal am Tag warm”, kann Zhimeng Hong gut auf belegte Brote verzichten. Drei warme Mahlzeuten am Tag sieht man den zierlichen Frauen aber nicht an: „Morgens gibt es Reistopf, mittags und abends Reis mit Gemüse, Fleisch oder Fisch. Ja, viel Fisch. Und besonders wir Frauen essen sehr kontrolliert, wenig und fettarm. Wir achten sehr auf unsere Figur.”

Auch das Einkaufen war für die jungen Leute zunächst gar nicht so einfach. So war schon manche Kassiererin im Supermarkt erstaunt, als ein Chinese ein wenige Euro teures Teil mit einem 500-Euro-Schein bezahlen wollte.

Zhimeng Hong will noch ein paar Jahre in Deutschland arbeiten. In Jülich hat sie nicht nur eine Wohnung, sondern auch Freunde gefunden. Ihre Freizeit verbringt sie mit vielen Büchern, auf dem Badminton-Feld oder im Kino, laute Disco-Musik ist ihr hingegen ein Gräuel, in den Ferien reist sie quer durch Europa. Aber in einigen Jahren will die junge Frau wieder in ihre Heimat zurück, zurück zu Mutter Tianshi Gu und Vater Zuwei Hong, und zu ihrem Freund Tin Zeng, den sie an der Uni in Deutschland kennengelernt hat. Zunächst freut sie sich auf Ostern. Dann wird sie ihre Eltern in die Arme schließen können, wenn sie auf dem Düsseldorfer Flugplatz zu einem Besuch landen.

Paten für Studenten gesucht

Das Freshman Institute sucht für die in Geilenkirchen untergebrachten Studenten noch Paten.

Weitere Informationen gibt die Pädagogische Leiterin Maria Schmidt, Telefon 0241/600953001.
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