Der Kampf um die Rurbrücke: 70 Jahre danach

Von: kalauz
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Nach erbittertem Kampf: Vor 70 Jahren überquerten alliierte Truppen die Rur und marschierten in Richtung Hückelhoven. Foto: kalauz
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Hans Rolfs hat die Geschichte der „Rurfront“ in Hilfarth in den Jahren 1944 und 1945 in seinem Buch eindrucksvoll beleuchtet. Foto/Repros: kalauz

Hückelhoven-Hilfarth. 52 Stunden hatte Johann G. aus Hilfarth lebend unter der Leiche seines Vaters im Trichterschutt gelegen, als man ihn entdeckte und ins Haus Hückelhoven brachte. Fünf Stunden später starb der Junge. Auch der gerade einmal acht Jahre alte Johann wurde nur wenige Wochen vor der bedingungslosen Kapitulation von Nazideutschland und dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Opfer der erbitterten Kämpfe um die Rurbrücke bei Hilfarth.

Die war strategisch von enormer Bedeutung für die alliierten Truppen auf ihrem Weg von der Rur zum Rhein. Deshalb wurde sie von der zurückweichenden Wehrmacht verbissen verteidigt: Die Rurbrücke bei Hilfarth war der einzige noch intakte Überweg über den Fluss.

Die Rur war nach Öffnung der Schleusen von Schwammenauel durch deutsche Truppen um mehr als 1,20 Meter gestiegen, der Fluss war reißend und kalt. Am 26. Februar 1945 stürmten US-Einheiten in einem Nachtangriff den Ort Hilfarth und eroberten die umkämpfte Brücke über die Rur. Gegen 17 Uhr hatten sie den Fluss auf ihrem Weg Richtung Doveren passiert. Das alles liegt 70 Jahre zurück. Will das heute noch jemand wissen? „Nur wenn du weißt, woher du kommst, weißt du, wohin du gehst“, sagt Hans Rolfs.

Er hat sich auch im Rahmen seines Engagements im Historischen Verein der Rurtal-Korbmacher, vor allen Dingen aber der steten Erinnerungen wegen, die er an die Tage vor 70 Jahren immer noch hat, aufgemacht, die wenigen noch lebenden Zeitzeugen zu befragen, die den Einmarsch der alliierten Truppen in seinem Heimatort damals miterlebt haben. „Und ich stieß auf eine Mauer des Schweigens“, sagt der heute 79-Jährige.

Mauer des Schweigens

„Die Kriegsjahre habe ich in Hilfarth als Schuljunge miterlebt“, sagt er. In den ersten Jahren der neuen Bundesrepublik waren Krieg und Nationalsozialismus kein Thema. Hans Rolfs fragte aber: „Meine Eltern und Verwandten und generell die älteren Leute hier im Dorf schwiegen oder wichen aus, wenn die Kinder entsprechende Fragen stellten.“

Persilscheine für die Wäsche der braunen Vergangenheit wurden von den Besatzern großzügig ausgegeben. Und für eine weiße Weste sorgten später bundesdeutsche Gerichte. Curt Horst zum Beispiel: Der trat 1930 der NSDAP bei und übernahm die NSDAP-Ortsgruppe Erkelenz; vom 1. September 1932 bis zum 26. Februar 1945 war er Kreisleiter, seit 1941 hauptamtlich. Von März 1936 bis zum Ende des Nazi-Terrors im Frühjahr 1945 saß Horst als Abgeordneter im noch immer so genannten Reichstag in Berlin, in dem er den Wahlkreis Köln-Aachen vertrat.

Horst sprach, so die Heinsberger Volkszeitung, die Hans Rolfs in seinem Buch zitiert, am 27. Mai 1944 über die Beisetzung der Opfer des Bombenangriffs der alliierten Truppen auf das heutige Stadtgebiet Hückelhovens vom 21. Mai 1944: „Packende Worte des Abschiedes für die durch die britischen Luftgangster mitten im friedlichen Hilfarth Dahingemordeten und Trostworte für die Angehörigen dieser Gefallenen. Weiter sprach der Kreisleiter über das unvermeidliche Opfer, welches auch die Heimat in diesem erbarmungslosen Völkerringen bringen müsse, und forderte alle auf, nun erst recht zusammenzustehen, auf dass den Briten bald das verbrecherische Handwerk gelegt werde.“

Curt Horst wurde im März 1948 vom Spruchgericht Recklinghausen wegen Zugehörigkeit zum Korps der politischen Leiter der NSDAP zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren verurteilt. Im Herbst 1948 fand vor dem Landgericht Mönchengladbach der Prozess gegen die Verantwortlichen des Erkelenzer Novemberpogroms von 1938 statt, einer der Angeklagten war Curt Horst. Das Gericht verurteilte ihn im Februar 1949 wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zu einer Haftstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten – unter Einbeziehung der vom Spruchgericht verhängten Gefängnisstrafe. Im Dezember 1950 wurde Curt Horst auf Bewährung freigelassen. Danach lebte er in Erkelenz.

Die Befragung der noch wenigen lebenden Zeitzeugen brachte den gebürtigen Hilfarther Hans Rolfs bei seinen Recherchen also nicht recht weiter. Und auch die Stadt Hückelhoven zeigte sich bei Anfrage nach Einsicht in das Stadtarchiv „zugeknöpft“. Dank Internet ist man heute aber auf die bis vor kurzem noch einzigen Informationsquellen nicht ausschließlich angewiesen. „In den Jahren 2005 bis 2008 wurden im Internet Chroniken und Berichte hauptsächlich der amerikanischen Militäreinheiten publiziert“, sagt Rolfs. Rolfs suchte und fand Hilfe für die Übersetzung der Texte aus dem Englischen. Und hatte die Informationen, die er für sein veritables Buch „Hilfarth in der Hauptkampflinie – Rurfront 1944 und 1945“ brauchte.

Captain Carl F. Maples schildert darin, wie die Brücke Sonntagnacht, 25. Februar, eingenommen wurde: „Die Brücke, auf die etwa 1200 Schuss Artilleriefeuer kleineren Kalibers abgefeuert wurden, wurde um 6 Uhr erobert, und 20 Deutsche, die die Brücke halten und sprengen sollten, wurden gefangen genommen.“

Soweit die Geschichte des militärischen Kampfes um die Hilfarther Rurbrücke vor 70 Jahren. Hans Rolfs ist bei den Recherchen zu seinem Buch auf ein anderes Kapitel der braunen Vergangenheit in Hückelhoven gestoßen: Auch in der Zechenstadt an der Rur gab es ein KZ. „Darauf bin ich in der Chronik der Volksschule Hilfarth für das Jahr 1944 gestoßen“, sagt Rolfs.

Darin heißt es: „Gegen Ende Oktober 1944 kommen russische Männer und Frauen – Zivilgefangene – in den Ort und nehmen Quartier in den Schulsälen. Als Wache fungiert sächsische SA. Wegen angeblicher Plünderung werden im Ort drei Russen verhaftet. Diese wurden auf der Rurbrücke vom Kommandanten des KZ-Lagers in Hückelhoven erschossen.“

„Die ehemalige Zechenstadt Alsdorf“, sagt Rolfs, „hat mit der RWTH Aachen im Jahr 2002 das Kapitel ,Arbeitserziehungslager‘ bearbeitet und die Existenz eines solchen Lagers auf dem Gelände der Grube Sophia-Jacoba in Hückelhoven bestätigt.“ Die Geschichte der Rur-Brücke in Hilfarth im Zweiten Weltkrieg ist hinreichend beleuchtet – die des KZ-Lagers in Hückelhoven liegt noch weitgehend im Dunkeln.

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