Gangelt - Der freundliche Politeur von nebenan

Der freundliche Politeur von nebenan

Von: Verena Müller
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Das wird teuer: Wer ohne Erlaubnis auf einem Behindertenparkplatz steht, zahlt 35 Euro. Da kennt Wolfgang Houben auch kein Pardon. Sonst belässt es der Mitarbeiter des Ordnungsamtes Gangelt auch schon mal bei einer mündlichen Verwarnung. Foto: Verena Müller

Gangelt. Die Scheibe eines Kleintransporters fährt runter. Ein Mann steckt den Kopf aus dem Fenster: „Biste wieder am kassieren? Aber kriege aber kein Knöllchen, ne?“ Wolfgang Houben lacht nur. Sprüche wie diese kennt er zur Genüge. Alle paar Meter wird der Mitarbeiter des Ordnungsamtes der Gemeinde Gangelt angesprochen, manche hupen im Vorbeifahren oder winken. Der 53-Jährige ist auf seiner täglichen Runde durch die Gemeinde. Nicht nur Parksünder hat er dabei im Blick.

Das historische Ortsschild am Kreisverkehr ist beschmiert, ein kurzer Blick nur, eine kurze Notiz im Gehen. „Das gebe ich gleich an die Kollegen vom Bauhof weiter“, sagt Houben. Vandalismus sei im Moment ein großes Problem in Gangelt. Die gelbe Wand an der Mercator-Schule ist besprüht, das Schild „Feuerwehr-Zufahrt“ an der Hauptschule ein paar Meter weiter ebenso.

Am Jugendheim waren Jalousien und die Backsteinwand beschmiert, ganz wegbekommen hat das der Bauhof nicht. Die Schatten sind noch zu erkennen. „Das ist eigentlich sehr schade“, findet der Gangelter. Denn das Jugendheim sei noch recht neu und würde auch gut angenommen. Und wenn sich von 25 Jugendlichen drei danebenbenähmen, hieße es wieder „die Jugendlichen“ hätten alles demoliert.

Wolfgang Houben ist der einzige Ordnungsamtsmitarbeiter im Außendienst. Politeur heißt wohl die männliche Form von Politesse. Er stammt aus Gangelt und so ist es auch nicht verwunderlich, dass er überall begrüßt wird – erstaunlich freundlich dazu. „Manche versuchen zwar, mit mir zu verhandeln, aber richtig unfreundlich oder sogar handgreiflich geworden ist noch keiner“, erzählt er.

Houben schlägt einen kleinen Bogen an der alten Synagoge vorbei, weil hier am Wochenende auch immer Stadtführungen stattfinden. „Das ist nicht schön, wenn dann hier in der Gasse überall leere Flaschen und Scherben rumliegen“, sagt Houben. Auf dem Parkplatz in der Nähe der Gangelter Einrichtungen Maria Hilf stehen erwartungsgemäß zwei Anhänger.

„Anwohner hatten sich schon telefonisch beschwert, dass die hier die Parkplätze blockieren“, erklärt Houben. Da rundherum, etwa am Markt, Autos nur für begrenzte Zeit abgestellt werden dürften, könne er den Ärger verstehen. Also notiert er sich die Kennzeichen der Anhänger. Die Halter werden angerufen, ein Bußgeld ist vorerst noch nicht fällig. „Hier geht alles recht human zu“, sagt Houben gelassen.

Seine Gelassenheit endet jäh in der Bruchstraße: Ein Kombi steht ohne entsprechende Berechtigung auf einem Behindertenparkplatz nahe der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA). Houben beginnt auf „Politess“ zu tippen: Straße, Uhrzeit, Art des Vergehens, Kennzeichen, Autotyp,... Das gerät schiebt seitlich einen Zettel raus, das Aktenzeichen ist ganz unten vermerkt. 35 Euro muss der Halter zahlen. Aus dem Augenwinkel beobachtet Houben einen schwarzen BMW, der Anstalten macht, zu halten. „Ja, stell dich ruhig da auf den Bürgersteig, dann kriegst du auch gleich ein Protokoll“, sagt Houben leise. Aber bis er den Zettel unter den Scheibenwischer geklemmt hat, ist der BMW schon wieder weg.

30 bis 35 Bußgeldbescheide verteilt der 53-Jährige pro Tag an Spitzenzeiten. Kollegen aus anderen Kommunen würden ihn da nur auslachen, wenn sie das hörten, erzählt Houben. „Ich war mal mit Kollegen aus Düren auf einem Lehrgang. Die sind mit 16 Leuten in mehreren Schichten unterwegs. Pro Mann und Schicht machen die an die 90 Protokolle.“ Ganz andere Dimensionen eben.

Gangelt selbst läuft Houben in der schwarzen Jacke mit dem weißen Aufnäher „Gemeinde Gangelt – Ordnungsamt“, Jeans und festen Schuhen ab. Für die Außenbezirke setzt er sich ins Auto. Auch wenn Anwohner nicht erreicht werden können, wenn etwa Behördenschreiben unbeantwortet bleiben, fährt er raus.

Dann klingelt er, fragt Nachbarn, ob sie wüssten, wo die Leute hin sind. Ein Wegzug muss nicht mehr gemeldet werden, deshalb sind die Behörden nicht immer über die neue Anschrift informiert. Das steht zwar erst später auf dem Programm, den Zettel mit den Adressen für die sogenannten örtlichen Ermittlungen hat Houben aber schon in der Tasche.

„Denken Sie an die Parkscheibe?“, ruft er einem Mann zu, der gerade aus seinem Wagen steigt. „Ist drin!“ antwortet dieser. Ohne Parkscheibe müsste er sonst fünf Euro zahlen, wenn er die Parkdauer länger als anderthalb Stunden überzogen hat, 15 Euro. Ab 1. April steigen übrigens die Preise: Eine fehlende Parkscheibe kostet den Halter dann schon das Doppelte.

Houben biegt um die Ecke, läuft über den Kirchhof und am Alten Rathaus vorbei. Die Klinke des Törchens an der Kirche war kaputt, das hat er sich auch für später notiert.

Auf dem Weg zur Stadtverwaltung macht er noch einen Abstecher über den Spielplatz, schon wieder liegen dort Scherben. Im Sommer seien es an die 80 Flaschen, die man dort wegräumen müsse, viele seien absichtlich zerschlagen worden. „Und hier spielen ja kleine Kinder“, sagt Houben. Er verstehe das nicht.

Abends, wenn er privat spazieren gehe, spreche er die Jugendlichen an, sie mögen die Flaschen doch bitte in den Mülleimer werfen. Zwecklos.

Nur Hälfte der Zeit verbringt Houben draußen, der Rest besteht beispielsweise aus dem Übertragen der Daten aus dem Protokollgerät und dem Erstellen von Auftragslisten für den Bauhof.

Inzwischen ist es 16 Uhr, Feierabend hat Wolfgang Houben aber noch nicht. Bis 17.30 Uhr dauert heute sein Dienst.

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