Deportation von 6000 Selfkant-Bürgern: Reise zur Gedenkstätte

Von: Jan Mönch
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Aus dem einstigen Konzentrationslager ist eine Gedenkstätte geworden: So sieht Baracke 1B in Kamp Vught heute aus. Foto: dpa
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Diese drei Gangelter blickten von Kamp Vught aus in eine ungewisse Zukunft.

Gangelt/Selfkant. Mucksmäuschenstill war es, nur vereinzeltes Schluchzen war zu hören. Pastor Schleyer hatte gerade die Zwangsräumung verkündet. Schon vor diesem 12. November 1944 hatte das Gerücht die Runde gemacht, dass die Bevölkerung von Gangelt und Selfkant ihre Heimat verlassen muss, nun war es offiziell. Der Befehl stammte von dem englischen Kommandanten Major Raitz.

Die deutsche Bevölkerung sollte aus der Hauptkampflinie verschwinden, die sich in jenen Tagen von Westen her immer wieder stockend, aber doch unaufhaltsam in Richtung Berlin verschob. 6000 Einwohner wurden evakuiert, 187 von ihnen sollten ihre Heimat nie wiedersehen. Wohin sie gebracht würden, wussten die Menschen an jenem Tage noch nicht.

Der Krieg ist ein zynisches Geschäft, und die Bevölkerung des Selfkant bekam Ende 1944 seine ganze Boshaftigkeit zu spüren. Die Besatzungsmacht hatte entschieden, die Deutschen nach ’s-Hertogenbosch zu bringen, wo eines von fünf deutschen Konzentrationslagern auf niederländischem Boden gestanden hatte. Nun wurden die Deutschen dort interniert, wo nur Wochen zuvor noch Juden, Homosexuelle und politische Gegner der Nazis gedarbt hatten und gestorben waren. Der Vorgang war in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs weitgehend einzigartig. Er hat den Selfkant und ’s-Hertogenbosch miteinander verknüpft. Bis zum heutigen Tag.

Am 13. Juni werden die Bürger des Selfkant nach Kamp Vught zurückkehren, so heißt das Lager im Niederländischen. Organisiert vom Geschichtskreis Birgden findet dann eine Tagesfahrt in das einstige Konzentrationslager, das heute eine Gedenkstätte mit Museum ist, zurück. Die wenigen Überlebenden, die es noch gibt, sind eingeladen, deren Nachkommen gleichermaßen und natürlich auch jeder andere geschichtsinteressierte Bürger. Auch am Soldatenfriedhof Ysselsteyn wird Halt gemacht. Dort wurden in den letzten Kriegsmonaten diejenigen beerdigt, die die Strapazen in Kamp Vught nicht überlebten. 187 Tote waren zu beklagen. Während die einen später von ihren Angehörigen in die Heimat zurückgeholt wurden, fristen andere dort bis heute ihre letzte Ruhe.

Dabei sein werden Wolfgang Heinrichs, der Vorsitzende des Geschichtskreises, sowie Paul Vallen. Beide kennen sich mit der Geschichte von Kamp Vught bestens aus. Heinrichs, Jahrgang 1948, aus langjähriger Recherche heraus, Paul Vallen, Jahrgang 1935, weil er selbst dabei war. Als neunjähriger Knirps.

Heute sind die gut 100 Kilometer zwischen dem Selfkant und ’s-Hertogenbosch mit dem Reisebus in kaum zwei Stunden zu bewältigen. Damals ging es in Lastwagen über gewaltige Umwege und zerstörte Straßen. Um 10 Uhr brachen der junge Paul Vallen und seine Familie auf – 25 Personen pro Lkw, 25 Kilo Gepäck pro Person – erst nach Einbruch der Dunkelheit sagte der Wachmann: „Wir sind jetzt in Kamp Vught.“ Dann ging es in die Baracken. Am nächsten Tag wurden die Internierten zwecks Desinfektion mit DDT-Pulver „eingepufft“. Ein Asthmakranker erstickte jämmerlich. „Und ich nehme an, dass auch der Engländer, der die Desinfektionen vorgenommen hat, nicht sonderlich alt geworden ist“, sagt Vallen. Denn DDT ist hochgiftig.

Morgens gab es von nun an Tee, mittags Suppe aus Dörrgemüse oder Reis, es fiel auch ein Mal eine Büchse Corned Beef ab. Peinlichst genau teilte Vallens Vater das Büchsenfleisch in Scheiben auf. Trotz allen Elends bot Kamp Vught wohl so etwas wie eine relative Sicherheit, jedenfalls ist Vallen kein Fluchtversuch bekannt.

Vallen hat seine Erinnerungen und die Ergebnisse weiterer Recherchen in einer umfangreichen Schrift zusammengetragen, die bereits 1992 in erster Auflage veröffentlicht worden ist. Schon die Fahrt überlebte nicht jeder, ist da zu lesen, einer der Lkw kollidierte mit einem entgegenkommenden Panzer, dessen Geschütz bohrte sich durch die Planen des Lkw, ein Junge starb. Dessen verletzte, schwangere Mutter wurde nach Hasselt zur Entbindung gebracht, der Sohn, den sie dort gebar, lebt nach Vallens Kenntnis heute noch.

Nicht alle der Internierten waren Selfkänter und nicht alle waren gebürtige Deutsche. Auch Bombenflüchtlinge aus den Großstädten hielten sich im Selfkant auf, als der Räumungsbefehl erging. Und schon damals lebten dort viele niederländische Landsleute, unter ihnen Vallen und seine Familie. Die Niederländer, erinnert er sich, wurden in einer separaten Baracke untergebracht und nach sechs Wochen in ein Gebäude der Philips-Werke in Eindhoven verlegt. Dort donnerten die V1-Marschflugkörper über seinen Kopf gen England, die sogenannte Wunderwaffe Hitlers. „Das Essen in Eindhoven war nicht besser als in Vught“, erinnert sich Vallen. „Die Holländer hatten ja selbst nichts zu fressen.“

Die übrigen Selfkänter mussten bis zum Sommer in Kamp Vught bleiben, Pfingsten ’45 erreichten die ersten Heimkehrer ihre Heimat, die letzten kamen am 7. Juli. Viele standen vor den sprichwörtlichen Trümmern ihrer Existenz. Die Häuser waren durch die Kämpfe beschädigt, manche durch die Streitkräfte absichtlich gesprengt worden, um mit den Steinen Krater in den Straßen zu füllen. So konnten die Militärfahrzeuge ins Gefecht rollen. „Es gab kein Haus, das nicht beschädigt worden war“, sagt Vallen.

Aus dem Knaben von einst ist ein alter Mann geworden, aus den Trümmern des Krieges der schöne Selfkant. Viel Zeit ist verronnen – sieben Jahrzehnte. Die Wunden sind verheilt. In Vergessenheit geraten sollen sie nicht.

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