Das Brotmesser, Gabriel Jansens Spezialwerkzeug

Von: Verena Müller
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O + K nennen Niederländer den Zustand des 30 Jahre alten Baggers laut Gabriel Jansen: oud en krom. Wenn Schrottautos platzsparender dimensioniert werden müssen, leistet er aber noch gute Dienste. Foto: V. Müller
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Der 65-Jährige Gabriel Jansenaus Windhausen ist mit Leib und Seele Schrotthändler – auch wenn das Hauptgeschäft inzwischen der Containerverleih ist. Foto: Verena Müller

Übach-Palenberg. Die Kurbel des Fensterhebers will nicht. Eigentlich hatte Gabriel Jansen für dieses Bauteil eines seiner Spezialwerkzeuge im Werkzeugkasten, aber irgendwie ist der Draht verschwunden. Also versucht er es mit zwei Schraubenziehern und der Hebelwirkung. „Bei älteren Modellen ging das noch leichter, die hatten hier einfach eine Schraube“, erklärt der Schrotthändler. Aber bei dem Golf II ist die Kurbel mit einer Klammer einmontiert. Und an die kommt man von außen schlecht dran.

Es ist zwei Uhr nachmittags bei Containerverleih und Autoverwertung Jansen und weil es regnet, hat sich der alte Chef des Windhausener Unternehmens unters Dach zurückgezogen. Theoretisch könnte er das Auto auch in einer Stunde ausschlachten, aber weil er eh nicht ins Freie will, lässt er sich etwas mehr Zeit und arbeitet materialschonender. Meistens.

Mit etwas Gewalt lässt sich die Kurbel dann doch noch lösen. „Wunderbar“, sagt Jansen, jetzt kann er auch die Innenverkleidung der Beifahrertür lösen. „Schön, für sein das Alter“, sagt Jansen, während er den Kunststoff hin- und herdreht. „Gar nicht so schlecht.“

Früher hätte Jansen jedes dieser Teile von verwahrt. Hunderte Fensterkurbeln hatte er zeitweise gelagert, um sie für fünf Mark das Stück weiterzuverkaufen. Aber das lohnt sich nicht mehr, außerdem sind die Lagerkapazitäten schnell erschöpft.

Vor 65 Jahren hatte Michael Jansen, der Vater von Gabriel Jansen, den Handel gegründet, Anfang 1977 hatte der Sohn ihn dann übernommen. „Mein ganzes Herzblut ist Schrott“, sagt er, während er die Folie, die wie eine dünne Haut zwischen der Verkleidung und der Tür gespannt war, zusammenfaltet und beiseite legt. „Mit Containern und Altstoffen wollte ich nie was machen. Aber als wir dann zum leichteren Abtransport Container angeschafft hatten, kamen schnell die ersten fragen: ,Können wir den auch mal haben?‘ Damals waren wir die ersten im Kreis Heinsberg mit Absatzcontainern, acht Tage später kamen andere dazu“, erzählt Jansen.

Das Auto knarrt, als er aufsteht und auf die Fahrerseite wechselt. Die Autotür schnappt mit ihrem noch sounddesignfreien Klang zu, als würden ein paar mit Dreck verklumpte Gummisohlen aneinandergeschlagen werden. In ölverschmierter Daunenjacke, alter Jeans und ausgebleichter, vermutlich ehemals dunkelblauer Kappe setzt sich Jansen seitlich auf den Sitz. Schraubenzieher? „Nee, am liebsten mit dem Akkuschrauber“, sagt er. Geht viel schneller.

„Das Wichtigste ist das Werkzeug. Und zu wissen, wo es ist“, sagt Jansen und lacht. Gleiches Spiel wie auf der anderen Seite: Spiegel ab, Kurbel ab, Verkleidung runter. Warum? Je mehr sogenannte Störstoffe – Flüssigkeiten, Verkleidung, Reifen – drin- und dranbleiben, desto teurer ist die Entsorgung und desto weniger Geld bekommt Jansen beim Recycler in Helmond.

Jansens erstes Auto – wie sollte es anders sein – stammte vom Schrottplatz seines Vaters. Drei Fiat 500 standen auf dem Hof. „Klar, kannste haben. Aber die Verschrottung bezahlst du“, meinte Michael Jansen zum Sohn. Ein Freund des Juniors war gerade in der Malerausbildung, das mit dem Umlackieren sollte also kein Problem sein – dachte Gabriel Jansen. Also holte er Beige, die Dose kostete 60 Mark. Das Abkleben hatte perfekt geklappt, die Lackierung sah super aus, also erst mal rein ins Warme und einen Kaffee trinken. Nach ihrer Rückkehr trauten die Jungs ihren Augen kaum: Der Lack lief nicht, er rutschte in breiten Bahnen runter. „Vermutlich war‘s zu kalt“, sagt Jansen. Also Verdünnung geholt, Lack runter, alles noch mal abschmirgeln und dann das billige Rot aus dem Supermarkt drüber.

„Schwefeldöschen“ hätten die Holländerin das Auto genannt, wenn er mit ihm hinter der Grenze unterwegs war. Jansen muss noch heute lachen. Die Heckklappe ist dran. Wieder sucht Jansens nach „Spezialwerkzeug“, diesmal wird er auch fündig. Mit einem Brotmesser durchtrennt er die Leitungen für die Scheibenwischanlage. Bevor er die Klappe löst, klemmt er einen Besenstiel senkrecht in den Kofferraum. Sicher ist sicher. Die Gummidichtungen sind nicht mehr zu gebrauchen, mit einer Tonne Folie könnte Jansen aber bis zu 700 Euro verdienen. Große Gewinnspannen sind so oder so nicht zu erwarten, an einem Auto, das Jansen für 100 Euro angekauft hat, verdient er am Ende unterm Strich vielleicht 80 Euro.

Der Schrotthändler lässt seinen Blick über das Gelände schweifen, 6500 Quadratmeter sind, es, auf denen nicht nur Container und Autos stehen, sondern auch allerhand Kleinkram: Rasenmäher- und Waschmaschinenteile, Reste von Rechnern, Stoßdämpfer, Elektroschrott in Metallgitterboxen.

„Heute morgen habe ich einen Gabelstapler abgeholt“, erzählt Jansen, „ich weiß auch schon, an wen ich den verkaufen kann“. Er grinst verschmitzt. „Der ist ganz heiß auf alte Gabelstapler.“ Was der Kunde damit anfange, wisse er auch nicht.

Jansens „Chefin“ schaut vorbei. „Einer von uns müsste gleich auch noch mal rausfahren ...“, setzt Anneliese Jansen an. Ihr Mann grummelt was in seinen Bart, das man als Zusage, auslegen kann, sich gleich auf den Weg zu machen. Viel lieber würde er weiter schrauben. Oder an seinen Schrottskulpturen arbeiten, die sogar schon ausgestellt wurden. Geht aber nicht. Immer kommt was dazwischen.

Zu Spitzenzeiten sind alle 80 Container überwiegend an Handwerker vermietet, müssen angeliefert, abgeholt und geleert werden. Dann läuft die Autoverwertung nur nebenbei. Gut planen kann man das nicht. „Seit 45 Jahren versuche ich, für meine drei Mitarbeiter und mich so etwas wie einen Dienstplan aufzustellen“, sagt Jansen.

„Aber jedes Mal, wenn ich mit ein Blatt Papier genommen habe, spätestens um zehn nach acht, geht das Telefon: ‚Öh, Chef? mir ist der Hydraulikschlauch geplatzt, und die Fassade des Neubaus ist, äh, voller Öl...‘. Dann war‘s das schon wieder mit dem Dienstplan.“ Der Golf müsste jetzt eigentlich auf eine Hebebühne, um die unteren Schrauben des Motors zu lösen, aber so was braucht Jansen nicht. „Mit dem Gabelstapler geht das am besten“, sagt er. Aber das muss verschoben werden. Die Kundschaft wartet.

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