Gangelt-Kreuzrath - Das blaue Kind und die Fluten der Nordsee

Das blaue Kind und die Fluten der Nordsee

Von: Barbara Hamacher
Letzte Aktualisierung:
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Andreas Joerißen fertigte im Rahmen einer Kunstaktion 100 dieser 20 Kilogramm schweren blauen Kinder aus Beton um sie an den verschiedensten Orten und Plätzen aufzustellen. Sein Ziel ist es, auf die Macht der Kinder aufmerksam zu machen. Foto: Barbara Hamacher

Gangelt-Kreuzrath. Als drei Muschelsucher im Wattenmeer der Nordsee eine Skulptur in Form eines blauen Kindes entdeckten, war die Verwirrung zunächst groß. Man vermutete, dass das Kunstwerk von einem Schiff gefallen sein muss. Mithilfe von Bürgermeister und Presse versuchten die drei Finder den Besitzer und Künstler der Statue zu finden.

Ein Journalist startete sogar über Ebay und Facebook einen Aufruf um die Suche voranzutreiben. Dabei stellte er fest: Das blaue Kind hat eine Facebook-Seite. Diese Geschichte ist im Moment wohl keine einmalige, da sich Andreas Joerißen, Künstler aus dem Gangelter Ortsteil Kreuzrath, im Rahmen eines Kunstprojektes zum Ziel gesetzt hat, 100 dieser Kinder an den verschiedensten Plätzen aufzustellen.

Dabei entscheidet sich Joerißen spontan und intuitiv, an welcher Stelle er die Kinder platziert, um dann die Reaktionen der Passanten zu beobachten und mit einer Kamera festzuhalten. Nach einer gewissen Zeit zieht er sich dann jedoch zurück, weil er nicht als der Künstler erkannt werden möchte und zunächst auch nicht wissen will, wer die Figuren an sich nimmt.

Joerißens Ziel ist dabei, sich für Kinder stark zu machen: „Kinder haben keine Lobby. Kinder haben keine Macht. Das sollte sich ändern.“ Joerißen betont, wie wichtig es sei, dass Kinder so früh wie möglich eigene Entscheidungen treffen und selbstbestimmt handeln können: „Wir sollten den Kindern mehr Macht geben, denn glückliche Erwachsene sind doch in der Regel die, die auch schon in ihrer Kindheit frei entscheiden durften.“

Trotzdem soll jeder Finder die Kunstaktion auf seine eigene Weise interpretieren. Auf einem kleinen Schild, das am Arm der Kinder angebracht ist, steht neben der Nummer des Kindes in deutscher und in englischer Sprache: „Sage nein! Say no!“ Für Joerißen bedeutet das einen Aufruf an die Kinder: „Lass dir nichts gefallen! Mach nicht bei allem mit! Hinterfrage Dinge! Triff eigene Entscheidungen!“ Für die blaue Farbe hat sich der Künstler entschieden, da blau für ihn Freiheit repräsentiert und durch die intensive Farbe stechen die Figuren stark aus ihrer Umgebung hervor und fallen somit umso mehr auf.

Möglichst große Aufmerksamkeit

Unter anderem auf der Domplatte in Köln, am Grand Place in Brüssel, der Fußgängerzone in Oldenburg, dem Herzog-Wilhelm-Platz in Duisburg und dem Rembrandtplatz in Amsterdam zog jeweils ein blaues Kind die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich. Das Kind im Wattenmeer war aber auch für Joerißen etwas ganz besonderes: „Es war so faszinierend zu sehen, wie das Kind durch die Flut im Meer verschwindet, aber gleichzeitig zu wissen, dass es immer noch da ist.“

Joerißen wählt dabei jedoch in der Regel gezielt belebte Plätze, an denen viele Menschen zusammenkommen, damit das Kind eine möglichst große Aufmerksamkeit auf sich zieht. „Die Orte und die Menschen an diesen Orten sind dabei sehr verschieden.

Einige reagieren sehr herzlich, andere interessiert, wieder andere distanziert. In Köln auf der Domplatte fand das Kind sehr wenig Beachtung. Die Menschen schauten es an und gingen ohne Reaktion weiter. Das Kind im Wattenmeer hingegen hat eine sehr große Aufmerksamkeit erfahren“, beschreibt der Künstler die gesammelten Eindrücke.

Dass Kunst dabei auch zur Ordnungswidrigkeit werden kann, zeigte sich, als Joerißen in ein Rathaus unserer Region bestellt wurde, um eine der Figuren abzuholen. Nach langer Recherche habe man ihn als den Besitzer ausfindig gemacht und wollte ihn nun darauf aufmerksam machen, dass es nicht erlaubt sei, die Skulptur einfach mitten in der Stadt abzustellen.

Joerißen fühlte sich aber durch sein Recht auf Kunstfreiheit sehr wohl befugt und weigerte sich, das Kind wieder mit zunehmen. Das Kind sollte der Person gehören, die es gefunden hat. Die Finderin, die gleichzeitig beim entsprechenden Rathaus angestellt war, konnte sich nur kurz freuen, da es ihr nicht erlaubt wurde, als Angestellte des Rathauses „Geschenke“ anzunehmen.

Kontakt zu den Findern

Im weiteren Verlauf des Kunstprojekts möchte Joerißen einen Aufruf starten: Finden sich 15 oder mehr Menschen, die nun im Besitz eines der blauen Kinder sind, will er den Kontakt zu diesen Findern herstellen, einen Raum anmieten und dort ein Wochenende eine Ausstellung mit allen blauen Kindern, die sich finden lassen, veranstalten.

Der Weg vom Schreiner zum Bildhauer

Andreas Joerißen wurde 1965 in Breberen geboren. Schon als Kind ist die Werkstatt des Vaters sein Paradies, hier entstanden erste Figuren. Da war die Schreinerlehre vorprogrammiert.

Ihr folgten zahlreiche Weiterbildungen in diesem Fach. So langsam wurde Möbeldesign sein Spezialgebiet. Als selbst komponierender Liedermacher mit einer wunderbaren Stimme faszinierte er sein Publikum über den Kreis Heinsberg hinaus. Die beiden CDs, die in dieser Zeit entstanden, sind heute für ihn nur noch Erinnerungen auf dem Weg hin zum Bildhauer.

Ab 2004 folgte ein radikaler Berufswechsel vom kreativen Handwerker hin zum Systemischen Familientherapeuten. Hier betreut er unter anderem Menschen mit psychischer Erkrankung. Die Psyche des Menschen spielt nun auch in den Arbeiten an seinen Skulpturen eine wichtige Rolle.

In seinem ersten eigenen Atelier entstehen ab 2009 Projekte wie „After Dinner“, die Skulpturenreihe „Schamanen“ und seine Beschäftigung mit überdimensionalen Fischgerippen, die er schon damals frei in der Landschaft aufstellte. Zahlreichen weiteren Projekten und Ausstellungen folgte 2014 das „Blaue Kind“ das nicht nur in ganz Deutschland immer wieder für Furore sorgt. Aktuell kann man Joerißen in seinem Atelier in Gillrath an der Skulptur “Der Vogelbote” (nach H. Bosch 1450-1516) oder dem Triptychon- „Die Versuchung des hl Antonius“ arbeiten sehen.

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