„Dafür sorgen, dass die Erde nicht zur Hölle wird”

Von: Karl-Heinz Hamacher
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Alljährlich finden sich auf dem jüdischen Friedhof in Gangelt an der B56 zum 9. November Bürger ein, um der Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken. Foto: Karl-Heinz Hamacher

Gangelt. 71 Jahre ist es her, dass während der Reichspogromnacht in Deutschland die Synagogen brannten. Es folgte eine in der Welt beispiellose, vom Rassenwahn geprägte industrielle Massenvernichtung von Menschen - vornehmlich derer jüdischen Glaubens.

Bis in die letzten Winkel Deutschlands ging die Jagd auf diese Menschen, auch Gangelt blieb davon nicht verschont. Seit vielen Jahren laden die katholische und die evangelische Kirchengemeinde am 9. November zu einer Gedenkfeier auf dem jüdischen Friedhof ein. Diesmal waren erfreulich viele Bürger dieser Einladung gefolgt.

Der evangelische Pfarrer Mathias Schoenen erinnerte daran, dass die Lehren dieser Ideologie heute noch in den Köpfen alter und neuer Nazis wirkt. Er erinnerte an die Gründung des Bündnisses gegen Rechts im Kreis Heinsberg und den Beschluss der evangelischen Kirchengemeinde, diesem Bündnis beizutreten .„Wir laden Sie ein, Gleiches zu tun”, warb er, den „bösen Anfängen zu wehren”. Denn auch heute noch, so Pfarrer Schoenen, werden Friedhöfe geschändet, Menschen eingeschüchtert und bedroht.

Harry Seipolt, Lehrer an der Realschule Gangelt, nahm mit einigen Schülern an der Gedenkfeier teil. Er erinnerte mit erschreckenden Zahlen an die Opfer der Reichspogromnacht. „Da wurde Menschen das Existenzrecht abgesprochen, weil sie dem Menschenbild einer Ideologie nicht entsprachen.” Eine abstrakte Millionenzahl beziffert die, die diesem Wahn zum Opfer fielen. Das Schicksal des siebenjährigen Karl Joseph aus Gangelt, der im Juni 1942 in der Hölle von Auschwitz starb, war ein Gesicht in dieser Masse.

„Ich musste sterben, ehe ich gelebt habe”, lautete eine Zeile in einem Gedicht, das ein Kind an seine Mutter schrieb, bevor es in der Gaskammer starb. Bedrückend war der Vortrag der Realschüler hierzu. „Wir können aus der Erde keinen Himmel machen”, schloss Harry Seipolt, „aber wir können dafür sorgen, dass die Erde nicht zur Hölle wird”, rief er zu Mut und Handeln auf.

Eine weitere Geschichte, die des Leo Schornstein aus Dresden, las Pfarrer Rolf Hannig vor. Verrat und Demütigung erlebte er rund um seine Arbeitsstelle im jüdischen Gemeindeamt. Anders als viele andere, gelang ihm die Flucht nach Palästina. Und während der Lindwurm der Autos auf der B56 mit seinen Scheinwerfern die mächtige Eiche auf dem jüdischen Friedhof immer wieder in ein gespenstisches Licht tauchte, betete man: „Lehre uns Ehrfurcht vor Dir und dem Leben”, und für einen Frieden zwischen Israel und Palästina.

Im Anschluss an die Feierstunde waren die Teilnehmer zu einer Tasse Tee ins evangelische Gemeindezentrum eingeladen.
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