D-Day: Normandie überstanden, in Tripsrath verwundet

Von: Ulrich Pfaff
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Wenige Tage vor der Verwundung bei Tripsrath: Cecil Newton vorne links, vor dem Panzer des Trupp-Corporals. Die Hölle an der Küste der Normandie, genauer gesagt dem Abschnitt mit dem Codenamen „Gold Beach“, hatte er zuvor unbeschadet hinter sich gebracht. Repro: U. Pfaff
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Von Ulrich Pfaff Tripsrath/Aldbourne. Die aktive Teilnahme von Cecil Newton an den Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs endete in der Hauptstraße von Tripsrath am 19. November 1944. Begonnen hatte sie kein halbes Jahr zuvor: Der damals 20-Jährige la

Tripsrath/Aldbourne. Die aktive Teilnahme von Cecil Newton an den Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs endete in der Hauptstraße von Tripsrath am 19. November 1944. Begonnen hatte sie kein halbes Jahr zuvor.

Der damals 20-Jährige landete als einer von Zehntausenden alliierter Soldaten am 6. Juni an der Küste der Normandie, um gegen das Dritte Reich zu kämpfen. Trotz einer Pistolenkugel in der Brust ist Newton mittlerweile 90 Jahre alt – und er hält das Andenken an seine Kameraden weiter aufrecht.

Etwas zerbrechlich wirkt Cecil Newton manchmal, wenn er an den Jahrestagen der alliierten Landung vom 6. Juni 1944 die kleine Parade anführt, mit der ehemalige Angehörige seines Regiments, Verwandte und Freunde zu den Erinnerungsstätten marschieren, um der Gefallenen und Verwundeten zu gedenken. Gleichzeitig wirkt der heute 90-Jährige so präsent, dass sich seiner stillen Autorität sogar jüngere, ehemalige Offiziere fügen: Unbestritten ist Cecil Newton eine Ausnahmeerscheinung unter den britischen D-Day-Veteranen, die dafür sorgen, dass die Lehre aus sechs Jahren Krieg nicht vergessen wird, dass die Namen der Toten in Erinnerung bleiben, um das Leben späterer Generationen zu bewahren.

Erstes Ziel: „Gold Beach“

„Es war ein grauer, trüber Morgen“, erinnert sich der untersetzte, fast zierliche Mann an den 6. Juni 1944, als er sich an Bord eines britischen Landungsbootes mit Ziel Normandie-Küste befand. „Gold Beach“ nennt sich der Landungsstrand, an dem die 4th/7th Royal Dragoon Guards, ein Panzerregiment mit traditionsreichen Wurzeln in der Kavallerie des Vereinigten Königreiches, Hitlers Atlantikwall angreifen sollten. „Wir waren alle bestens ausgebildet und waren sehr angespannt, was uns da erwarten würde“ berichtet Newton, „aber Angst hatten wir keine. Man darf ja nicht vergessen, dass wir alle sehr jung waren…“

Sein erster Kontakt mit dem Feind sollte an einem deutschen Stützpunkt mit der Bezeichnung „Widerstandsnest 35“ mitten in einem unbewohnten Uferstreifen zwischen den Ortschaften Asnelles und Ver erfolgen: Als Funker in einem zum Schwimmpanzer umgerüsteten Sherman-Panzer war es seine Aufgabe, sowohl das Bordgeschütz zu laden als auch den Funkverkehr mit den anderen Panzern des vierten Trupps der B-Schwadron zu koordinieren. Die Schwimmpanzer waren wegen des hohen Seegangs aber erst direkt am Strand ausgeladen worden, und Newtons Sherman rollte in einen tiefen Granattrichter unterhalb der Wasserlinie und fuhr sich fest.

„Der Trupp erfüllte seinen Auftrag ohne uns, eroberte die deutsche Stellung, unser Leutnant bekam das Military Cross und unser Sergeant die Military Medal“, erzählt Newton. Es dauerte eine Woche, bis der vierte Trupp einen Ersatzpanzer bekam – rechtzeitig zu einem Gefecht, etwa 20 Kilometer landeinwärts südlich von Bayeux, bei dem die vier Panzer einen Angriff über die Felder zur Umgehung eines kleinen Dörfchens unterstützen sollten. Heute steht eine Gedenkplatte an der Weggabelung von Verrières, von wo aus die Shermans starteten – und wo neun der 20 Soldaten im Feuer gut getarnter deutscher Panzerabwehrkanonen ihr Leben verloren. „Der Tod unserer Kameraden war tragisch und hinterließ eine riesige Lücke in unserer Gemeinschaft. Wir hatten schließlich drei Jahre zusammen verbracht“, betont Cecil Newton.

Jedes Jahr organisiert er für den 7. Juni dort eine kleine offizielle Gedenkfeier zu Ehren dieser Kameraden, der eine weitere Zeremonie mit Vertretern anderer beteiligter Truppenteile der Royal Army an der einst blutig umkämpften Kirche im benachbarten Dorf Lingèvres folgt. Bis dahin haben die Teilnehmer an der „Pilgerfahrt“, wie die Veteranen traditionell ihre Reise in die Normandie bezeichnen, bereits an mehreren Orten der Gefallenen und Verwundeten der 4th/7th Royal Dragoon Guards gedacht: Am Morgen des 6. Juni in Ver-sur-Mer, dem kleinen Ort, der sich nach dem Krieg an der Küste von „Gold Beach“ ausgebreitet hat, und in Creully, einer typisch normannischen Kleinstadt.

Über die Seine

Heute steht in Creully am Fuße der mächtigen Burg aus dem 13. Jahrhundert das Denkmal für die 4th/7th Royal Dragoon Guards, eines der größten für einen einzelnen britischen Verband in der gesamten Normandie. Hier verliest Cecil Newton Jahr für Jahr die Namen von 160 Gefallenen seines Regiments, und immer wieder glaubt man, seine Stimme würde gleich vor Trauer versagen. Und stets schließt er diesen Vortrag mit einem Vers des britischen Dichters Alfred Baron Tennyson: „Beim Untergang der Sonne und am Morgen – wir werden uns an sie erinnern.“

Stolz auf „das Regiment” ist es, was Cecil Newton wie viele seiner ehemaligen Kameraden bis heute erfüllt. Teilgenommen zu haben an dem, was der damalige alliierte Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower den „großen Kreuzzug zur Befreiung Europas“ nannte.

Die 4th/7th Royal Dragoon Guards waren bei diesem Kreuzzug, der sie von der Normandieküste über Nordfrankreich, Südbelgien, in Richtung Aachen und später durch die Norddeutsche Tiefebene bis nach Bremerhaven führen sollte, immer in der Angriffsspitze. „Das Regiment“ setzte im August 1944 als erster britischer Panzer-Verband über die Seine, dicht auf den Fersen der sich zurückziehenden Deutschen. Cecil Newton war einer der ersten alliierten Soldaten, die in der nordfranzösischen Millionenstadt Lille einrückten, und sein Panzer der erste nicht-deutsche überhaupt, den die ihre Befreiung frenetisch bejubelnden Menschen dort seit 1940 zu Gesicht bekamen.

Und die 4th/7th Royal Dragoon Guards waren die Unterstützungseinheit, die am nächsten an die britische Fallschirmjäger-Division in Arnheim herankam, die – getrennt durch den Rhein – bei dem tragisch gescheiterten Luftlandeunternehmen „Market Garden“ Ende September nahezu komplett aufgerieben wurde. Über alle diese Dinge spricht Cecil Newton nur, wenn man ihn danach fragt – seine Kriegserlebnisse hat er, distanziert, und mit viel Blick auf das Menschliche, manchmal auch augenzwinkernd, in einem kleinen Buch niedergeschrieben: „A Trooper’s Tale“, „Die Erzählung eines Soldaten“.

Auch der Tag, der seine vielversprechende militärische Laufbahn beendete, ist darin beschrieben: der 19. November 1944, der Tag des alliierten Vorstoßes auf Geilenkirchen und Aachen, zwei Tage bevor der 20-jährige Panzersoldat Newton nach England abkommandiert werden sollte, um einen Offizierslehrgang zu besuchen.

Der vierte Trupp, nach den Gefechten der vergangenen Tage nur noch zwei Panzer stark, sollte in Tripsrath eine Infanterie-Einheit unterstützen und geriet dabei in einen deutschen Hinterhalt – beide Panzer wurden abgeschossen, ein Soldat getötet, vier verwundet. Newton war einer von ihnen. „Als ich durch das Turmluk nach draußen kletterte, merkte ich, dass mein linkes Bein zuckte wie ein Kaninchen, das man an den Ohren gepackt hat“, beschreibt er die dramatische Situation. Als Newton vom Panzer springen wollte, traf ihn ein Schuss aus der Pistole eines deutschen Soldaten. Sein Kamerad Buster zog ihn schwer verwundet in einen Hauseingang und versorgte die Wunden notdürftig.

Während des ganzen Tages wurde in Tripsrath gekämpft – und Newton konnte erst am Abend evakuiert werden, als der Bataillonspfarrer mit einem kleinen Transportpanzer und Rot-Kreuz-Flagge mitten ins Kampfgetümmel fuhr und die Verwundeten einsammelte. Newton wurde in Holland im Lazarett behandelt und nach England transportiert, Buster statt seiner auf den Offizierslehrgang geschickt. „Ich verdanke ihm mein Leben“, sagt Newton. Weniger Glück hatte sein Bruder Frederic: Er wurde Anfang April 1945, vier Wochen vor Kriegsende, in der Lüneburger Heide von zwei SS-Soldaten hinterrücks erschossen, die sich zuvor ergeben hatten. Er liegt in Becklingen auf einem britischen Militärfriedhof begraben. Es ist einer der wenigen Orte, die Cecil Newton meidet: Jedes Jahr zum Todestag seines Bruders lässt er dort einen Kranz niederlegen, aber selbst das Grab zu besuchen, ist für ihn emotional zu viel. „Ich hatte ein geschäftiges und erfülltes Leben“, betont Newton, „und gerade das zeigt, welche Tragödie es ist, dass mein Bruder und viele meiner Freunde dies nicht erleben durften.“

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