Geilenkirchen - Cybermobbing: Wenn der Terror aus dem Internet kommt

Cybermobbing: Wenn der Terror aus dem Internet kommt

Von: Renate Kolodzey
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Besonders aggressive Formen des Mobbings im Internet können die Opfer zur Verzweiflung und in besonders schweren Fällen sogar zum Selbstmord treiben. Foto: dpa
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Nach dem Theaterstück sollen die jugendlichen Zuhörer mit farbigen Karten anzeigen, wie sie in Situationen, die die Experten ihnen geschildert haben, handeln würden. Foto: Kolodzey

Geilenkirchen. „Hier ist ein flotter Fummel – komm, zieh ihn an und mach ‘ne Pose wie bei Germanys Next Topmodel! Dann mach ich ein Foto!“, überredet eine Mitschülerin ihre Klassenkameradin Lisa. „So steh’n auch die Jungs mehr auf dich!“ Lisa kann nicht widerstehen, findet es witzig und lässt ein Foto von sich machen.

Jonas, ein anderer Schüler, hat sich im Bus in die Hose gemacht, weil er nicht mehr einhalten konnte. Er schämt sich, doch ein Mitschüler macht unter vehementem Protest ein Foto von ihm. Tags drauf sieht er es im Chat und liest: „Jonas möchte im Kinderparadies abgeholt werden – er hat sich bepinkelt!“

Auch Lisas Foto wird im Interent veröffentlicht. Kurz darauf sieht sie einen Kommentar dazu: „Diese Schlampe besorgt’s euch richtig. Telefon 0800-123456.“ Lisa ist entsetzt: „Was hat der mit meinem Bild gemacht?“

Die Lehrer bemerken Veränderungen bei Jonas und Lisa. Beide beteiligen sich kaum noch am Unterricht, ihre Noten sacken ab. Auf Fragen antworten sie nicht, sie verlieren ihre Freunde, verstecken sich in den Pausen in den Toilettenräumen, sind verzweifelt, denken sogar an Selbstmord.

Hilfe für Jugendliche

Mobbing gibt es in allen Schulen. Obige Szenen stammen jedoch aus dem Theaterstück „Cybermobbing“, das die Dürener Theatergruppe „Alles kaputt“ in der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule für die sechsten und siebten Klassen aufführte.

Die Darsteller Jan Savelsberg und Dagmar Rösch sowie Moderator Philipp Maurer sind studierte Theaterpädagogen und versuchen mit ihrem Stück Kindern und Jugendlichen in ähnlichen Situationen Hilfe zu geben und vor allem auch sie von Mobbing abzuhalten.

Im Anschluss an die Aufführung startete eine Fragerunde mit dem Moderator, an der sich die Schüler rege beteiligten. Sie sollten sich auch mit Hilfe von roten und grünen Karten, die die Theaterleute mitgebracht hatten, äußern. An wen würden sie sich um Hilfe wenden? An Eltern, Geschwister, Freunde, Verwandte, Vertrauenslehrer, Klassensprecher, Psychologen, die Polizei? „Wäre dies petzen?“, fragten die Pädagogen. „Nein!“, lautete die deutliche Antwort. Wie fühlen sich diejenigen, die gemobbt werden? Ein Schüler sagt: „Sie werden immer mehr kaputt gemacht, bis ihre Seele durch den Druck zerplatzt.“

Das Ziel sind mündige Schüler

Fachlich fundierte Auskunft bekamen die Jugendlichen zudem von Kriminal-Oberkommissarin Alexandra Grates von der Kreispolizei Heinsberg, Abteilung Kriminalprävention und Opferschutz, und Susanne Brockhoven, Psychologin der schulpsychologischen Beratungsstelle in Heinsberg. Brockhoven wies darauf hin, dass es in vielen Klassen Kummerkästen gebe, dort könne man sich auch äußern.

„Wer von euch hat schon mal ein Foto verschickt?“, fragt der Moderator. Viele zeigen auf. „An wen?“ „An Leute, denen man vertrauen kann!“ Ist das wirklich eine gute Idee? Eine Schülerin sagt: „Ich habe mein Gesicht unkenntlich gemacht!“ Die Kriminalbeamtin rät: „Man darf euch überhaupt nicht auf den Fotos erkennen. Nicht nur das Gesicht, auch die Haare müssen unkenntlich gemacht werden. Und Fotos von anderen Leuten darf man nur verschicken, wenn man das schriftliche Einverständnis der Personen hat!“ Ein Satz wie „Die hatte mit dem was!“ sei schon eine Beleidigung, die man anzeigen könne, erklärt die Kriminalbeamtin. Ab 14 Jahren sei man strafmündig, doch auch Jüngere könnten angezeigt werden. Oft komme das Jugendamt nach Hause.

Sie rät den Jugendlichen, zur Polizei zu gehen, die Erfahrung zeige, dass dies die Mobber einschüchtere und sie sich dann eher zurückhielten. Schulleiter Uwe Böken ist der festen Überzeugung: „Als Schule muss man sich mit Cybermobbing auseinandersetzen. Die Schüler sind oft sehr leichtsinnig, man muss ihnen die damit verbundenen Risiken klarmachen. Wir wollen mündige Schüler!“

 

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