Carolus-Magnus-Schüler kämpfen um Büchereimitarbeiterin

Von: Jan Mönch
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Frau C. wollte sich lieber nicht fotografieren lassen. So sähe ihr Arbeitsplatz ohne sie aus. Foto: Jan Mönch

Übach-Palenberg. Es gibt einen Neuzugang in der Schülerbücherei. Er ist klein, rot und stand bis vor einigen Wochen mit hunderten weiteren Figuren Karls des Großen auf dem Marktplatz in Aachen. Dem Carolus Magnus Gymnasium gelang es, nach Ende der Aktion eine der Skulpturen ihres Namenspatrons zu ergattern.

Nun steht er da und sieht den Schülern beim Lernen zu und den anderen beim Arbeiten. Neben vielen ehrenamtlichen Helfern zählt dazu die Büchereiangestelle Frau C., im Moment noch. Es sieht so aus, als ob es in der Bibliothek bald einen Abgang geben wird: Frau C.

Die Schüler des Gymnasiums allerdings wollen das nicht hinnehmen – die Schülervertretung (SV) sammelt Unterschriften, trommelt auf Facebook für den Erhalt der Stelle und wandte sich mit einem Schreiben an unsere Redaktion. „Frau C. gibt diesem Raum und unserer Schule ein Herz und eine Seele“, steht darin.

Frau C. findet es rührend, wie die Schüler sich für sie einsetzen. „Da könnte ich heulen“, gibt sie zu. Insgesamt ist sie aber ein wenig hin- und hergerissen. Der Trubel ist ihr unangenehm, sie legt Wert darauf, ihren Namen nicht in der Zeitung lesen zu müssen. Denn um sie gehe es ja auch gar nicht. „Mir geht es darum, dass die Bibliothek erhalten bleiben muss“, stellt sie fest. „Ob mit mir oder ohne mich.“ Denn die Bibliothek mit ihren rund 2500 Medien ist nicht nur Bibliothek, sondern auch und vor allem Selbstlernzentrum und damit ein „Alleinstellungsmerkmal“ der Schule – so drückt es Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch aus.

Frau C.s Weg ans Carolus Magnus Gymnasium war ein ungewöhnlicher, er führte über Vivento. Dabei handelt es sich um einen Personaldienstleister der Telekom. Vivento dient dem Zweck, verbeamtete Mitarbeiter des einstigen Staatskonzerns, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr gebraucht werden, auf dem Arbeitsmarkt weiterzuvermitteln. Frau C. schied vor vielen Jahren aus ihrem regulären Dienst aus, weil sie in den Mutterschutz ging.

Irgendwann begann sie, sich in der Bibliothek zu engagieren, und so führte eins zum anderen: Das Gymnasium kam an eine Büchereiangestellte. Seinen Anteil an deren Gehalt, das die Telekom natürlich nicht allein bestreiten möchte, brachte es aus Landesmitteln auf. „Jetzt haben wir eine Finanzierungslücke“, sagt SV-Lehrer Christoph Schlagenhof. Denn Vivento könne Frau C. nicht mehr zu den bisherigen Konditionen hergeben.

Frau C. steht in der Bibliothek, die auch wegen ihr zu einem Alleinstellungsmerkmal geworden ist. Sie erklärt die Aufteilung, zieht einzelne Bücher aus den Regalen, deutet auf einen Stoß Ordner, wo die Lehrer für die Schüler Übungsaufgaben hinterlegen. In einem der hinteren Räume sitzen die Schüler über ihre Aufgaben vertieft und lernen. Die Regale leuchten rot, die Wände sind in einem satten, warmen Gelb gestrichen, von Frau C. selbst, während der Ferien.

In den Minuten, in denen Frau C. über die Notwendigkeit der Bibliothek referiert, es ginge ja nicht um sie, staut sich eine Schlange an Schülern, die ungeduldig warten, dass ihnen ihre Übungsaufgaben abgestempelt werden. Zwischendurch kommt ein älterer Schüler herein, der Frau C. von seiner mündlichen Abiprüfung berichten will. Gut ist es gelaufen, viel besser als erwartet, und das beim Herrn Soundso, Frau C. gratuliert überschwänglich. „Das hier ist mein Traumjob“, sagt sie.

Das Problem an der ganzen Geschichte, so ironisch das klingt, ist, dass Frau C. ihren Job ziemlich gut macht. Und vor allem macht sie mehr als nur ihren Job. Ein Mal fanden junge Schüler einen toten Vogel auf dem Schulhof. Frau C. war da. In der Nähe der Schule kam es zu einem Unfall, ein Rollerfahrer flog in hohem Bogen durch die Luft, einige Kinder standen unter Schock. Frau C. war da. Neulich erst klappte eine Oberstufenschülerin zusammen, der Kreislauf. Frau C. war da. „Sie nimmt eine gewisse Mama-Rolle ein“, steht in dem Brief der Schülervertretung. Dazu gehört Fürsorglichkeit, aber auch eine gesunde Autorität.

Dass sehr viele Schüler Frau C als ihre Ansprechpartnerin für beinahe alles betrachten, hat außerdem einen ganz basalen Grund: Während man bei Lehrern nie ganz genau weiß, wo sie sich gerade aufhalten, ist dies bei Frau C. einfacher: Sie ist fast immer in der Bibliothek. Man kann sagen, dass viele Schüler mit Frau C. nicht einer Meinung sind, wenn sie feststellt, dass es nicht um ihre Person gehe. Diese Schüler behaupten: Ohne Frau C. werden die Bibliothek und vielleicht sogar die ganze Schule nicht mehr dieselbe sein. Wie auch? Sie sei ja Herz und Seele.

Bei der Telekom war Frau C. früher im Beschwerdemanagement. Das ist ganz bestimmt kein einfacher Job und erfordert viel Menschenkenntnis, genau wie auch die aktuelle Tätigkeit. „Aber hier bekomme ich Liebe zurück“, sagt sie.

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