Übach-Palenberg/Nederweert - Bronzeskulptur als „Denk-Mal“ des Anstoßes

Bronzeskulptur als „Denk-Mal“ des Anstoßes

Von: Markus Bienwald
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Die Reste der Gussformen sind sorgfältig abgelöst wurden, sie würden auch noch ein zweites Produkt hergeben. Foto: Markus Bienwald
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In der Werkstatt von Bronzegießer Jos Boerekamps (l.) im niederländischen Nederweert nehmen der Gießer, des Künstlers Vetter Norbert Frensch (M.) und der Schöpfer Hermann-Josef Mispelbaum die Skulptur zum ersten Mal in Augenschein. Foto: Markus Bienwald

Übach-Palenberg/Nederweert. Rund 60 Minuten Fahrt sind es von der Stadt mit dem Bindestrich ins niederländische Nederweert. 60 mal 60 Sekunden Zeit für den Übach-Palenberger Künstler Hermann-Josef Mispelbaum, sich noch ein letztes Mal Gedanken darüber zu machen, ob sein neuestes Kunstwerk „Der Stumme Zeuge“ auch wirklich seinen hoch gesteckten Erwartungen entspricht.

Ein wenig nervös steigt er aus dem Auto, öffnet gleich an der Seite die Werkstatt von Bronzegießer Jos Boerekamps die Tür. Vorbei an der vorsichtig entfernten Gießform, die auch einen zweiten Guss hergeben würde, nimmt der Künstler den Weg zu seinem neuesten Werk. Sitzend kauert dort das künftige Kernstück der Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in Übach-Palenberg.

Die kompakte, vielschichtige Skulptur glänzt verführerisch in der durch die großen Oberlichter einfallenden Sonne. „Es hat Power genug“, sagt Mispelbaum nur kurz, und später, nachdem er sich ein ausgiebiges Bild von der Arbeit des niederländischen Bronzekünstlers gemacht hat, hellt sich seine Miene immer mehr auf. „Ich bin sehr zufrieden“, lächelt er.

Noch wenige Tage zuvor war er nicht wirklich entspannt, glich mehr einem hungrigen Tiger im Käfig. Gut geschlafen habe er nicht, gibt Hermann-Josef Mispelbaum zu. „Schließlich weiß ich erst nach dem Gießen, ob ich die Skulptur noch bemalen muss“, sagte er im Vorfeld. Er muss nicht, denn schon im nicht patinierten Zustand ist der Schöpfer mit seinem Werk hochzufrieden. Und glücklich darüber, dass er nicht nochmal mit dem Pinsel ran muss.

Er erzählt etwas von Ausstrahlung, wirft einen Blick auf die Haltbarkeit von ein wenig Farbe auf einem Trumm von insgesamt 150 Kilogramm Bronze. Und er ist glücklich, dass die von ihm modellierte Form durch die Kunst von Jos Boerekamps sich im heißen Metall so verewigt hat, wie er es schon früher geplant hat. „Ich sehe die Notwendigkeit nicht, es zu bemalen“, schließt Mispelbaum nach dem prüfenden Blick, „dafür muss ich nun über die passende Patina nachdenken.“ Denn erst diese abschließende Behandlung gibt dem „Stummen Zeugen“ den letzten Schliff, ehe er in Übach an der Dammstraße, in der Nähe zum Ü-Bad, zum Anlaufpunkt auf seinen Sockel darf.

Finanziert wird das mit dem Untertitel „Die Unschuldsbeteuerung“ versehene 20.000-Euro-Werk übrigens durch eine Liste prominenter Geldgeber. Den Standort findet Mispelbaum auch gut gewählt, denn auf dem kleinen Hügel zwischen Kreisverkehr und Übach wird das Denkmal nicht versteckt, steht aber auch nicht im Mittelpunkt des Geschehens, ist durch die soziale Kontrolle des Umfelds geschützt vor Unbilden Unwissender, Vandalismus oder krimineller Energie.

Viel länger zurück als die Präsentation im Frühjahr vorigen Jahres, mitten in einem dicken Regenschauer, liegt allerdings die Auswahl des endgültigen Stücks. „Ich bin erst seit ein paar Jahren bei den Skulpturen angelangt“, sagt der passionierte Maler Mispelbaum. Aus einem Oeuvre von rund hundert Stücken hat er bewusst dieses ausgewählt: eine sitzende, große Figur mit übergroßen Händen, die verschränkt liegen und einem überproportional großen Kopf ohne Gesicht. „Es beschreibt die Sprachlosigkeit dieser Zeit, die Empfindsamkeit der Nachkriegszeit, das Schweigen dieser Generation“, sagt Mispelbaum.

Dass er die Skulptur nicht eigens für den Zweck als Denkmal geschaffen hat, ist für ihn ein Vorteil, „denn ich wollte mich nicht verbiegen, um mit aller Gewalt etwas zu schaffen.“ Ihm war die Schwierigkeit einer solchen Thematik von Anfang an deutlich, er wählte aber bewusst keine Illustration von Leid und Qual. „Sie soll nicht anklagen, vielmehr geht es darum, zu zeigen, dass es eine Zeit des Schweigens gab“, so der Künstler. Für ihn ist es gleichzeitig ein Stück persönlicher Geschichte, denn er als Kind der so genannten „68er“ empfand das Schweigen der Menschen aus der Kriegsgeneration als verbohrt. „Erst allmählich entwickelte sich eine Gegenbewegung gegen dieses Schweigen“, weiß er.

Gleichzeitig hat Mispelbaum, Kulturpreisträger seiner Heimatstadt, kein Problem damit, sperrige und herausfordernde Kunst zu schaffen. „Als Künstler habe ich schließlich nur eine Position, und das ist meine“, ist er überzeugt. Alle Grautöne dazwischen überlässt er seinem Werk, das nun endlich zur Zufriedenheit des Meisters dasteht. „Es soll ein Denk-Mal des Anstoßes sein, denn das Ziel der Auseinandersetzung damit ist, sich schrittweise dem Thema zu nähern“, schließt der Künstler.

Und auf dem Rückweg seufzt er ein ums andere Mal zufrieden, lässt sich während der wiederum 60 mal 60 Sekunden die ein oder andere Zigarette schmecken und weiß, dass es nun gut ist – und „Der Stumme Zeuge“ bald auf seinem Sockel stehen darf.

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