Brandschutzmängel am Gymnasium: Bekannt seit 2009

Von: Jan Mönch
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Die Treppentürme sind mittlerweile am Carolus-Magnus-Gymnasium montiert – dort, wo man auf dem Foto das Baugerüst erkennt. Foto: Markus Bienwald

Übach-Palenberg. Die Schüler hatten es fast schon ins Wochenende geschafft, als am Carolus-Magnus-Gymnasium Feueralarm ausgelöst wurde. Es war der 22. März 2013, ein Freitag, und weil es gar kein Feuer gab, es sich also um einen Fehlalarm handelte, hätte die Sache schnell wieder vergessen sein können.

Die Feuerwehr kam gar nicht erst, sie hatte von dem Vorfall nichts mitbekommen – denn die notwendige technische Vorrichtung für eine direkte Alarmierung existierte nicht. Alles verlief merkwürdig ruhig. Zu ruhig.

Anschließend machte man sich an der Schule so seine Gedanken. Was wäre eigentlich gewesen, wenn es wirklich gebrannt hätte? Wie und wann wäre die Feuerwehr dann informiert worden? Und wie lange hätte es gedauert, bis sie vor Ort gewesen wäre? Man war beunruhigt. Und nahm nun den gesamten Brandschutz unter die Lupe.

Die Treppe: Das ist fast drei Jahre her, und mittlerweile werden am Carolus-Magnus-Gymnasium Maßnahmen getroffen. Am auffälligsten: Zwei Feuertreppen, die links und rechts am Sekundargebäude stehen und über die man nun im Notfall ins Freie gelangt.

Vorangegangen ist ein Jahre andauerndes Ringen zwischen dem Gymnasium und der Stadt als Schulträger, einbezogen wurden mehrere übergeordnete Behörden: der Kreis Heinsberg, die Bezirksregierung, sogar das Schulministerium. Dies geht aus Unterlagen hervor, die unserer Zeitung vorliegen. Beteiligt waren außerdem sämtliche übrigen städtischen Schulen. Nicht nur am Gymnasium machte man sich in jenem Frühjahr Sorgen.

Die Suche nach Antworten: Fahrt nahm das Thema auf, nachdem es auf der Konferenz der städtischen Schulleiter zur Sprache gebracht worden war. Im Herbst und im Winter 2013 nahmen die Rektoren mit gemeinsamen Anschreiben zunächst Kontakt zur Unfallkasse NRW und zur Kreispolizei auf, später auch zum Kreis Heinsberg und zur Bezirksregierung.

Man suchte um Rat und bat um Überprüfungen der Schulgebäude. Denn einerseits trauten die Schulleiter sich nicht zu, selbst zu beurteilen, ob die Brandschutzmaßnahmen ausreichend seien. Sie konnten sich aber nicht vorstellen, dass dem so ist. Man wollte verbindliche Antworten, denn die Rektoren sahen sich in der Verantwortung für Schüler und Kollegen. Der Einschätzung der Stadt, dass schon alles in Ordnung sei, so legten die Schulleiter es dar, traute man nicht. Ganz im Gegenteil: „Wir halten die Sicherheitsvorkehrungen in weiten Teilen für nicht zeitgemäß“, schrieben sie damals.

Die möglichen Mängel: Was das Gymnasium betrifft, ging es nicht nur um die fehlende Aufschaltung zur Feuerwehr. Die naturwissenschaftlichen Räume hätten trotz erhöhten Unfallrisikos keinerlei Brandmeldevorrichtung. Der Fahrstuhlalarm sei kaum zu hören. Bestimmte vorgesehene Maßnahmen für den Fall eines Amoklaufs ließen sich technisch nicht umsetzen.

Am erschreckendsten: Die einzige Feuermeldeeinheit befinde sich im Zimmer des Schulleiters, zu dem kein uneingeschränkter Zutritt bestehe. Man muss sich den Katastrophenfall also so vorstellen, dass eine Lehrkraft durchs gesamte Gebäude hetzen müsste, um dann beim Rektor womöglich vor verschlossene Türen zu rennen.

Die Bedenken betrafen an jeder Schule unterschiedliche Details. Fest steht nur, dass offenbar kein Schulleiter der Meinung war, der Brandschutz an seiner Schule sei definitiv ausreichend: Am Gymnasium nicht, an der Realschule nicht, an der Hauptschule nicht, an der Förderschule nicht, an der Gesamtschule nicht und auch nicht an den fünf Grundschulen.

Die Aufsichtsbehörde: Dass der Brandschutz zumindest am Gymnasium überholungsbedürftig ist, ist den Behörden schon seit Jahren bekannt. Dies ergab im Zuge der Recherche zu diesem Bericht eine Anfrage beim Kreis Heinsberg. Bereits 2009, teilt Sprecher Ulrich Hollwitz fest, habe der Kreis als Aufsichtsbehörde Mängel festgestellt, die Beseitigung durch die Stadt verlaufe „schleppend“. Sie sei „bis zum heutigen Tag mit der Vorlage einiger Prüfberichte und mit der Mängelbeseitigung in Verzug.

Zuletzt wurde im Februar 2016 die Behebung festgestellter Mängel angemahnt“, so Hollwitz weiter. Als Beispiele nennt er fehlende TÜV-Abnahmen für Sicherheitsbeleuchtung und elektrische Vorrichtungen, unzureichende Fluchtwege sowie den Zustand zahlreicher Türen. Mittlerweile liege der Bauantrag für ein Brandschutzkonzept vor, das Beteiligungsverfahren laufe.

Vor der Wahl: Eltern pflegen Sicherheit für ihre Kinder als Selbstverständlichkeit zu betrachten, erst recht in öffentlichen Gebäuden, die mit ihren Steuergeldern finanziert werden. Ein sensibleres Thema als Brandschutzmaßnahmen an Schulen gibt es deshalb nicht. Dahinter verbirgt sich schließlich die hässliche Frage, wie hoch die Chance für die Kinder im Falle einer Katastrophe ist, nicht verbrennen zu müssen.

Da war es ungünstig, dass zum Jahreswechsel 2013/2014, als die Sorgen der Schulleiter immer größere Kreise zogen, die Kommunalwahlen vor der Tür standen. Die Beteiligten waren sich darüber einig, dass das Thema nicht im Wahlkampf ausgeschlachtet werden sollte, die Schulleiter sahen das so und die Stadt natürlich erst recht.

Um zu verhindern, dass jemand auf die Idee kommt, an die Öffentlichkeit zu gehen, war Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch (CDU) gut damit beraten, Willen zum Handeln zu demonstrieren. Ein wichtiger Termin war die Schulpflegschaftssitzung am 11. März 2014, an der er teilnahm. Im Anschluss wurde von Schulleitungen, Schulpflegschaften sowie Bürgermeister ein gemeinsamer Brief an Bezirksregierung und Schulministerium geschickt. Er endet mit den Worten: „Wir alle, Bürgermeister, Schulleiter und gewählte Elternvertreter, sind nämlich keine Fachleute auf dem Gebiet der Gebäudesicherheit, können aber [...] nicht glauben, dass alles in Ordnung ist.“ Die Schulen wähnten den Bürgermeister an ihrer Seite und sich auf einem guten Weg.

Nach der Wahl: Auf dem Boden der Tatsachen fanden sie sich am 26. Mai 2014 wieder. Es war der Tag nach der Kommunalwahl, durch die Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch im Amt bestätigt worden war. Und keine 24 Stunden, nachdem die letzten Stimmen ausgezählt worden waren, schrieb der Erste Beigeordnete der Stadt, Helmut Mainz, eine E-Mail an sämtliche beteiligten Behörden und Schulen.

„Irrtümlich“ sei der Eindruck vermittelt worden, dass Jungnitsch „Vorwürfe gegen andere Behörden erhoben“ habe, was aber nicht stimme. Die Zweifel an der Rechtskonformität sei „sehr bedauerlich“. Aus dem gemeinsamen Brief an Bezirksregierung und Ministerium wurde ein „angeblich“ gemeinsamer Brief. Offenbar wollte man sich des lästigen Themas rasch entledigen. Doch wieso?

Das Geld: Die Antwort könnte mit Geld zu tun haben. Es war nie ein Hehl daraus gemacht worden, dass die Umsetzung der Brandschutzmaßnahmen teuer würde. Auch der Kreis Heinsberg sagt, dass die Stadt mangelnde Finanzmittel sowie mangelndes Personal als Grund dafür genannt habe, dass sie über Jahre nicht so gehandelt hat, wie sie hätte handeln müssen.

Wie der unserer Zeitung vorliegende Schriftverkehr vielfach aufzeigt, ging es für die Stadt nie darum, was sie an Sicherheit bieten kann, sondern darum, worauf sie verzichten darf, ohne gegen die Vorschriften zu verstoßen. Die Schulleiter hingegen interessierte weniger die Rechtslage als die ganz praktische Frage, was im Katastrophenfall geschieht. Man redete aneinander vorbei. Eine klassische Kommunikationsstörung.

Die Wut-Mail: Das Thema war jedenfalls nicht mehr totzukriegen. Im September 2014 platzte dem Ersten Beigeordneten Helmut Mainz der Kragen, sein Zorn konzentrierte sich auf Dr. Hans Münstermann, den Leiter des Carolus-Magnus-Gymnasiums. Der hatte sich als Wortführer der Schulen hervorgetan und musste sich dafür nun von seinem Schuldezernenten verspotten lassen.

In einer bemerkenswerten E-Mail drohte Mainz Münstermann mit der Staatsanwaltschaft und bezeichnete den Schulleiter als die „wirkliche Sicherheitslücke“ am Gymnasium. Münstermann gehe es lediglich um „Selbstdarstellung“, dazu habe er sogar die Eltern an seiner Schule instrumentalisiert. Die Sicherheitsdiskussion sei „inszeniert und ausgeufert“ und eine „Provinzposse“.

Er hoffe sehr, dass die Dienstaufsicht dem „exzentrischen Drang“ des Hans Münstermann bald ein Ende setzen werde, schrieb Mainz. Als Empfänger der Mail trug er mehr als ein Dutzend Behördenadressen ein, außerdem sämtliche Schulen und noch den Philologenverband. Schließlich drückte er auf „Senden“. Auch diese E-Mail liegt unserer Redaktion vor.

Hans Münstermann hat sich zu der ganzen Angelegenheit gegenüber unserer Zeitung nicht geäußert. Doch es ist naheliegend, dass er die E-Mail als zutiefst ehrverletzend empfunden haben dürfte. Dazu passt, dass Münstermann versucht hat, zum kommenden Schuljahr ans Stolberger Ritzefeld-Gymnasium zu wechseln. Aus Stolberg ist zu hören, dass der Wirbel um den Brandschutz am Carolus-Magnus-Gymnasium bei Münstermanns Wunsch nach beruflicher Veränderung eine zentrale Rolle gespielt haben soll. Das Verhältnis zwischen ihm und der Stadt Übach-Palenberg sei zerstört.

Aus der neuen Stelle wurde jedoch nichts. Münstermann wird bis auf Weiteres in Übach-Palenberg bleiben. Und dabei zusehen, wie seine Schule mit Brandschutzmaßnahmen versehen wird. Denn bei den beiden Treppentürmen wird es nicht bleiben. Die Stadt teilt auf Anfrage mit, dass weitere Umbauten folgen werden. Es stehe aber noch nicht fest, welche genau dies sind. Es seien auch freiwillige Maßnahmen dabei. Die Kostenkalkulation sei noch nicht abgeschlossen. Die Installation der beiden Treppentürme habe jedenfalls 230.000 Euro gekostet.

Die Fragen: Am Ende dieser Geschichte bleiben Fragen offen, beispielsweise die, was die Einsicht herbeigeführt hat, dass doch etwas getan werden muss. Achim Vogelheim, Leiter des Fachbereichs Hoch- und Tiefbau bei der Stadt Übach-Palenberg, sagt dazu, dass ihm selbst aufgefallen sei, „dass an vielen Stellen die tatsächliche Nutzung nicht mit den Auflagen der alten Brandschutzkonzepte konform läuft“.

Der Begriff „Mangel“ sei aber „irreführend“ und werde hier „falsch genutzt“. Wie diese Darstellung zur Aussage des Kreises Heinsberg passt, schon vor sieben Jahren „Mängel“ festgestellt zu haben, bleibt unklar. Unklar bleibt auch, wie die Umsetzung der Maßnahmen sich mit dem Bild vereinbaren lässt, Schulleiter Hans Münstermann sei es lediglich um Selbstdarstellung gegangen.

Vor allen Dingen bleibt die Frage offen, ob auch an anderen städtischen Schulen Mängel vorliegen, Achim Vogelheims Antwort fällt wenig konkret aus: „In den kommenden Jahren werden alle städtischen Sonderbauten [...] von Sachverständigen überprüft und da, wo es nötig ist, baulich in der Art verändert, so dass sich die Nutzer dort auch in Zukunft sicher fühlen können“, sagt er.

Bedeutet das nun Nein oder bedeutet es doch eher Ja?

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