Black Box: Blinde Menschen sehen mit allen Sinnen

Von: Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
13821770.jpg
Heinz Wolf zeigt, wie der blinde Mensch sein Wasserglas füllt. Er hat immer einen Finger im Glas, so dass er spürt, wann es voll ist. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. Die Uhr an der Wand kann Heinz Wolf gerade so noch sehen. Die Uhrzeit kann er nicht mehr ablesen. Seine Gesprächspartner sieht er nur schemenhaft, Gesichter erkennt er nicht. Heinz Wolf ist hochgradig sehbehindert. Das Restsehvermögen des 80-Jährigen beträgt nur noch drei Prozent. Die Geilenkirchener kennen Heinz Wolf noch als agilen Geschäftsmann, der zehn Jahre den Aktionskreis geleitet hat.

Seit seinem 50. Lebensjahr leidet er an Diabetes, im Alter von 64 Jahren erkrankte er dann an diabetischer Retinopathie. Die durch Zuckerkrankheit verursachte Schädigung der Netzhaut führte fast bis zur kompletten Erblindung.

Seit drei Jahren ist Heinz Wolf Vorsitzender des 70 Mitglieder zählenden Blinden- und Sehbehindertenvereins des Kreises Heinsberg. Trotz seiner Erkrankung denkt Wolf immer positiv: „Die Krankheit darf mich nicht beherrschen, ich muss die Krankheit beherrschen“, sagt er. Und: „Ich tue so, als sei ich top-gesund.“

Wie die Welt der Blinden aussieht, wie Menschen in kompletter Dunkelheit leben und wie sie sich im Alltag zurecht finden, will Jürgen Benden, Vorsitzender des Bürgertreffs, nun gemeinsam mit dem Blindenverein interessierten Gästen näher bringen.

„Black Box – Sehen mit allen Sinnen“ ist ein Abend im Bürgertreff am Mittwoch, 8. Februar, 19 Uhr, überschrieben. 35 Besucher sind eingeladen, sich bei völliger Dunkelheit bei kühlen und heißen Getränken und Knabbereien mit Mitgliedern des Blindenvereins zu unterhalten. „Es soll ein geselliger und unterhaltsamer Abend werden, an dem alle Spaß haben“, erklärt Benden. Lange Vorträge sind an diesem Abend nicht geplant.

Der Bürgertreff wird an diesem Abend komplett abgedunkelt, schwarze Folien sollen jeden Lichteinfall vermeiden. Die Gäste werden gebeten, die Handys auszuschalten, auch das beleuchtete Zifferblatt der Armbanduhr wird nicht gerne gesehen.

Haben die 35 Gäste an den Tischen Platz genommen, kann die muntere Unterhaltung mit den blinden Menschen losgehen.

Spannend ist dann sicherlich die Frage, ob jeder Gast das Getränk seiner Wahl trifft? Und fraglich ist auch, wieviel Cola im Glas und wieviel auf der Hose landet. Greift der Gast in kompletter Dunkelheit zu seinem Glas? Oder hat er das des Tischnachbarn erwischt? Blinde Menschen geben an diesem Abend gerne wertvolle Tipps. „Der Blinde ertastet sich seine Welt. Durch das fehlende Augenlicht werden andere Sinnersorgane geschärft“, erklärt Wolf.

Noch spannender wird sicherlich der Gang zur Toilette bei kompletter Dunkelheit. Die Ehrenamtler des Bürgertreffs, die sich hier bestens auskennen, sind gerne beim Aufsuchen der gekachelten Räumlichkeiten behilflich. Im Toilettenraum selbst leuchtet zur Erleichterung ein winziges Licht. Das ist allerdings so schwach, dass Benden auch die Herren bittet, die Harnblase sitzend zu entleeren. Größere Urinseen auf dem Boden möchte er gerne vermeiden.

Derweil freut sich Wolf nicht nur auf das Gespräch mit den Gästen, sondern fordert bei der Gelegenheit auch seine Leidensgenossen auf, „nach draußen zu gehen und nicht in der Stube zu hocken und sich mit seiner Krankheit zu beschäftigen“. „Da draußen“, wie er sagt, erfährt er oft Hilfe von fremden Menschen, auch von jungen Leuten, die ihm Türen öffnen oder in den Zug helfen. „Man muss als Blinder erkennbar sein und darf seine Krankheit nicht verbergen.“

Sicherlich, so weiß er auch aus eigener Erfahrung, fällt der Erkrankte zunächst „in ein tiefes Loch“. Diesen Menschen steht der Blindenverein mit Rat und Tat, aber auch mit vielen geselligen Veranstaltungen, Ausflügen und Fahrten zur Seite.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert