Bildungspaket gegen soziale Ausgrenzung

Von: Udo Stüßer
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Von Armut betroffene Kinder: D
Von Armut betroffene Kinder: Der Bildungsstand ist meist niedriger, es mangelt an Gesundheit und sozialen Kontakten, die Wohnsituation ist schlecht. Dies wirkt sich auf die Entwicklungschancen aus. Foto: imago

Geilenkirchen. Stefanie Nießen kennt so manche Sorgen und Nöte in den Familien: Der Vater in therapeutischer Behandlung, die Mutter Alleinverdienende. Die Leiterin des Teverener Familienzentrums kennt die Menschen, die nach Trennung, Scheidung oder Misserfolgen im Beruf aus dem Gleichgewicht geraten sind.

Finanziell und psychologisch. Und sie kennt auch die Konsequenzen für die Kinder: „Die Armutsbetroffenheit in unserer Kindertagesstätte liegt bei einem Schätzwert von 14 Prozent.” In absoluten Zahlen heißt das: Durchschnittlich drei Kinder pro Gruppe sind in der Teverener Kindertagesstätte von Armut betroffen. Tendenz steigend.

„Die Dunkelziffer ist mit Sicherheit höher. Aus Scham und Unkenntnis nehmen viele Eltern keine oder nur wenig Hilfe in Anspruch, so dass ich davon ausgehe, dass diese Zahl nicht das tatsächliche Armutsausmaß widerspiegelt”, sagt die Heilpädagogin und Erzieherin.

100 Kinder im Alter von vier Monaten bis sechs Jahren besuchen das Familienzentrum in Teveren. Darunter gibt es einige, die kein Essen mitbringen. Manche kommen nur mit der Chipstüte in der Hand. Und wieder andere fallen durch schlechte Kleidung auf.

Stefanie Nießen kennt die Ursache: Alleinerziehende Elternteile, eingeschränkt und nicht erwerbstätige Eltern, befristete Beschäftigungsverhältnisse, Niedriglöhne, kinderreiche Familien.

„Unter anderem verursachen die Arbeitsmarktbedingungen und familiären Verhältnisse Kinderarmut”, bedauert sie. Dabei beschränkt sie Kinderarmut nicht nur auf fehlende finanzielle Mittel. Die Kindertagesstätten-Leiterin nennt in dem Zusammenhang auch die Bildungsarmut, mangelnde Gesundheitsfürsorge und mangelnde soziale Kontakte.

„Das macht psychisch krank. Wir wollen diese Kinder stärken, damit sie nicht abrutschen und am Leben teilhaben”, sagt Nießen. Sie kennt auch die Eltern, die am Existenzminimum leben, deren Kinder aber teures Essen mit in die Kita bringen.

„Armutslagen in Elternhäusern prägen nicht alle Kinder gleichermaßen negativ. Viele Eltern sind bemüht, in ihrem finanziellen Rahmen unter schwierigen Lebensbedingungen ihre Kinder am Leben teilhaben zu lassen und sind dankbar für unterstützende Hilfsangebote.”

Es ist oft nicht einfach, Kinderarmut zu entdecken: „Wir müssen die Kinder beobachten, für die Familiengeschichte sensibel werden und diesen Familien Hilfestellung leisten oder vermitteln”, erläutert die Leiterin des Familienzentrums. Denn sie kennt nur zu gut die Folgen für Kinder, die in Armut aufwachsen: Neben der materiellen Versorgung fehlt oft die kulturelle Versorgung.

Kognitive und sprachliche Kompetenzen sind weniger ausgeprägt, als bei anderen Kindern, der Bildungsstand ist niedriger. Es mangelt an Gesundheit und sozialen Kontakten, die Wohnsituation ist schlecht. „Armut wirkt sich auf Gestaltungsspielräume und Entwicklungschancen aus”, so Nießen, die mit einem Netzwerk Defizite ausgleichen will.

So arbeitet das Familienzentrum eng mit der Schuldnerberatung zusammen, die Geilenkirchener Juristin Dr. Rita Freches-Heinrichs bietet in der Kita für Eltern ehrenamtlich Rechtsberatung an, die Geilenkirchener Ärztin Brigitte Mundt steht den Eltern für medizinische und psychologische Beratung zur Seite.

Stefanie Nießen und ihr Team arbeiten mit Therapeuten zusammen, mit der Musikschule, mit der Stadtbücherei und mit den Grundschulen. „Ein sensibler Übergang zur Grundschule soll Ausgrenzung vermeiden.” Eines steht für Stefanie Nießen ganz klar fest: „Bildung darf nichts kosten.”

Dem stimmt auch Wilfried Schulz, Leiter des städtischen Jugend- und Sozialamtes zu: „Meist gehen die Eltern verantwortungsvoll mit Geld um. Aber eine ausschließliche Erhöhung der finanziellen Leistungen würde nicht in allen Fällen zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse der Kinder führen. Geld alleine macht nicht glücklich”, sagt er und unterstreicht damit die Bedeutung des Bildungs- und Teilhabepaketes des Bundes.

„Damit werden Kinder zusätzlich zu den anderen Leistungen unterstützt. Mit diesem Leistungskatalog wird der sozialen Ausgrenzung entgegengewirkt, und die Bildungschancen werden erhöht”, erklärt Schulz.

Angesprochen mit dem Angebot sind in der Stadt Geilenkirchen unter anderem 1000 Kinder, deren Eltern Wohngeldempfänger sind oder einen Kindergeldzuschlag erhalten.

Seit März erhalten in Geilenkirchen etwa 700 Kinder von Hartz IV-Empfängern Leistungen aus dem Bildungspaket über das Job-Center. „Aber für Wohngeld-Empfänger und Empfänger von Kindergeldzuschlag gab es bis vor zwei Wochen keine zuständige Behörde und deshalb auch kein Geld. Es gab noch kein entsprechendes Landesgesetz. Seit Ende Juli ist der Kreis Heinsberg zuständig”, freut sich Wilfried Schulz, dass die Zuständigkeit nun endlich geregelt ist.

Anträge auf Leistungen können im Sozialamt der Stadt Geilenkirchen gestellt werden, wo den Antragstellern auch unbürokratisch geholfen wird. „Bis Juli haben von den 1000 berechtigten Familien lediglich 100 einen Antrag gestellt. Nachdem nun die Zuständigkeit geregelt ist, gingen weitere Anträge bei uns ein.”

Der Jugend- und Sozialamtsleiter hofft, dass jetzt alle anderen Berechtigten einen Antrag stellen. Denn: „Wir kennen die möglichen Folgen von sozialer Ausgrenzung und schlechten Bildungschancen, wie schulische Probleme, Drogen, Kriminalität, soziale und emotionale Defizite. Diese wollen wir vermeiden und begrüßen deshalb die neuen Leistungen.”

Dies haben mittlerweile auch etliche Privatpersonen und Organisationen erkannt. „Sie stellen Spendenmittel bereit, um die Lebensverhältnisse und Chancen von Kindern zu verbessern. Sie wollen dort unbürokratisch helfen, wo der Staat nicht hilft”, sagt Schulz mit Blick auf Aktionen des Lions-Clubs, der Albert-Jansen-Stiftung, des Aktionskreises, der kanadischen Streitkräfte und der CDU. Denn auch sie kennen so manche Sorgen und Nöte in den Familien.

Folgende Leistungen für Bildung und Teilhabe können beim Kreis Heinsberg beantragt werden: für einen eintägigen Ausflug der Schule oder Kindertageseinrichtung, für eine mehrtägige Klassenfahrt, 100 Euro pro Jahr und Kind für eine Ausstattung mit persönlichem Schulbedarf, für Schülerbeförderung, für angemessene ergänzende Lernförderung, für gemeinschaftliche Mittagsverpflegung in der Schule oder in der Kindertageseinrichtung.

Zehn Euro pro Monat zur Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben in der Gemeinschaft (beispielsweise Vereinsmitgliedschaft).

Leistungen - mit Ausnahme der Leistungen zur Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben, die nur bis zum 18. Lebensjahr bezahlt wird - können für Schüler beantragt werden, wenn diese eine allgemein- oder berufsbildende Schule besuchen und keine Ausbildungsvergütung erhalten, sowie für Kinder, die eine Kita besuchen.

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