Besuch in Auschwitz: Mahnung für kommende Generationen

Von: Udo Stüßer
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Geilenkirchen. „Ich kann euch keine Schuld geben. Ihr seid meine jungen Freunde.” Diese bewegenden Worte stimmen die Geilenkirchener Gesamtschüler auch heute noch nachdenklich. Denn der 93-jährige Pole, der die Bedeutung der deutsch-polnischen Freundschaft betont, ist ein Überlebender des Holocaust.

Vier Jahre lang war Wilhelm Brasse Häftling in Auschwitz, im größten deutschen Vernichtungslager während der NS-Zeit, in dem über eine Million Menschen ermordet wurden. Brasse war hier als Lagerfotograf ein sogenannter Funktionshäftling. Unter anderem wurde er gezwungen, die grausamen und menschenverachtenden Experimente des Arztes Dr. Josef Mengele, bekannt als Todesengel von Auschwitz, zu dokumentieren.

Als die Nazis ihr Ende kommen sahen, sollte Brasse die Fotos und Negative vernichten. Doch die Negative von 40000 Fotos, Dokumente der Gräueltaten, konnte er für die Nachwelt retten. Vor 120 Schülern der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule berichtet Brasse in Auschwitz vom Leben und Sterben in dem Vernichtungslager. „Man kennt das nur aus Büchern oder aus dem Fernseher. Da ist es schwierig, sich das alles vorzustellen. Wenn man selbst in Auschwitz war hat man eine ganz andere Sichtweise”, erklärt Chris Ditter, Schüler der Jahrgangsstufe 9 der Gesamtschule.

Seine Klassenkameradin Frauke Kukla ergänzt: „Man sollte alle Völker so akzeptieren, wie sie sind. In jedem Volk gibt es gute und schlechte Menschen. Man sollte nicht ein ganzes Volk für etwas verantwortlich machen.” Auch Chantal Münchs hat aus dieser Begegnung gelernt. „Wir haben gelernt, wie wichtig es ist, wie man mit Menschen umgeht.” Derweil hat sich Schulleiter Uwe Böken große Ziele gesetzt: „Wir möchten es schaffen, dass kein Schüler die Schule verlässt, ohne Auschwitz gesehen zu haben.” Auf Initiative seiner Kollegen Adalbert Wolynski, dessen Wurzeln übrigens zurück bis in die polnische Königsfamilie führen, Stefan Holl und Daniel Bani-Shoraka wurde ein Kontakt zur Düsseldorfer Stiftung „Erinnern ermöglichen” hergestellt, die Fahrten nach Auschwitz finanziell fördert.

Kaum in Worte zu fassen

Nachdem die 120 Schüler der Jahrgangsstufe neun in Religion- und Gesellschaftslehre auf die Fahrt vorbereitet worden waren, ging es für drei Tage mit drei Reisebussen ins etwa 1150 Kilometer entfernte Krakau. Hier besichtigten sie die Altstadt, sahen den Wawelhügel mit Schloss und Kathedrale und Oskar Schindlers Fabrik. Am nächsten Tag ging es dann nach Auschwitz. „Was man dort sieht, kann man kaum in Worte fassen”, sagt Uwe Böken meint damit „die Berge von kleinen Kinderschuhen, die Berge von Menschenhaaren und die Berge von Koffern, Gepäckstücke der Deportierten”. Und Uwe Böken erklärt weiter: „Wenn man mit Schülern durch die Gaskammer gegangen ist, kommt man als ein anderer Mensch zurück. Die Dimensionen dort sind unvorstellbar. Man kann sich nicht vorstellen, mit welcher Akribie und deutscher Perfektion dort vernichtet wurde.” Uwe Böken erklärt auch, warum künftig alle neunten Klassen nach Auschwitz fahren sollen: „Unsere Schüler und wir sind für das, was geschehen ist, nicht verantwortlich. Wir haben keine Schuld. Aber wir tragen die Verantwortung dafür, dass wir die nachfolgenden Generationen eindringlich ermahnen, dass man dafür eintreten muss, dass sich ähnliche Geschehnisse niemals wiederholen.” Adalbert Wolynski, der den Zeitzeugen Wilhelm Brasse in der 200 Kilometer von Auschwitz entfernten Stadt Zywiec ausfindig gemacht hat, erklärt seine Gefühle: „Es ist eine Mischung aus Unbegreiflichkeit, tiefster Trauer und Schmerzen, aber auch der Bewunderung für einen Mann, der es als einer der wenigen geschafft hat, diesen Ort lebend zu verlassen.”

Nach dieser Fahrt erwartet die Schüler und die beteiligten Lehrer noch viel Arbeit. „Die Stiftung erwartet eine Dokumentation”, erklärt Stefan Holl. Arbeitsgruppen wurden gebildet zu Themen wie „Der Weg des Mordens”, „Überlebende und Zeitzeugen”, „Musik und Kunst in und nach Auschwitz” und „Rechtsradikalismus”. Die Ergebnisse werden am Samstag beim Schulfest von 11 bis 15 Uhr präsentiert.

Schulfest mit Unterhaltung und Informationen

Die Anita-Lichtenstein-Gesamtschule Geilenkirchen feiert am Samstag, 16. Juli, ihr 20-jähriges Bestehen. Nach einem offiziellen Festakt für geladene Gäste wird von 11 bis 15 Uhr ein Schulfest für alle Interessenten gefeiert.

Hier werden auch die Ergebnisse einer derzeit stattfindenden Projektwoche gezeigt. Neben Musik, Kunst, Theater und Unterhaltung gibt es jede Menge Informationen.

Auch die Ausstellung „Demokratie stärken - Rechtsextremismus bekämpfen” der Friedrich-Ebert-Stiftung ist ab diesem Samstag zu sehen. Bis zum 21. Juli ist die Ausstellung täglich außer am Sonntag für alle Interessierten von 9 bis 13 Uhr zugänglich.
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