Besuch in Auschwitz: Eine Studienfahrt gegen das Vergessen

Von: Annika Wunsch
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Ein Anblick, der einen nicht mehr loslässt: Seit sieben Jahren besuchen Schüler der Anita-Lichtenstein Gesamtschule Geilenkirchen das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau in Polen. Foto: Imago/Pixsell
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Vor dem Bild einer Schülerin, entstanden nach dem Besuch in Auschwitz, empfangen Schulleiter Uwe Böken (l.) und Projektleiter Adalbert Wolynski (r.) das Spendengeld von „Geilenkirchen bewegen“, übergeben von Theresia Hensen und Leonhard Kuhn.

Geilenkirchen. Seit Schulleiter Uwe Böken 2011 zum ersten Mal mit einer Schülergruppe durch das Tor des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau getreten war, ließ ihn der Anblick nicht mehr los – Gaskammern, verfallene Baracken, eine endlos wirkende Fläche, zahlreiche Koffer und zwei Tonnen Haare. Auch die Schüler seien von der Situation mitgenommen gewesen, erinnert sich Böken.

Er und Adalbert Wolynski, Projektleiter und Lehrer für Deutsch und Religion, mussten noch bis vier Uhr morgens mit den Schülern über das Erlebte sprechen. Sie hatten nicht nur einen Ort der Verbrechen des Holocausts in der Realität und die letzten Erinnerungen an diese Zeit gesehen, sondern auch Wilhelm Brasse, einen ehemaligen Häftling und „Lagerfotografen“ in Auschwitz, getroffen.

In der Neunten nach Krakau

Seit dieser eindrucksvollen ersten Studienfahrt des neunten Jahrgangs der Anita-Lichtenstein-Gesamtschule Geilenkirchen sind bis heute jedes Jahr die Schüler der neunten Klasse nach Krakau gefahren, um das Lager Auschwitz zu besuchen und den Spuren der jüdischen Bevölkerung in Krakau zu folgen.

Doch dieses Programm kostet pro Schüler ungefähr 300 Euro. Eine Summe, die nicht jede Familie aufbringen kann, so Böken. In den ersten Jahren griff eine Stiftung der Schule unter die Arme, doch diese Unterstützung fiel dann weg. Damit das Projekt nicht ganz gestrichen werden musste, suchte der Schulleiter nach neuen Spendern. Viele Firmen habe er angerufen, und die meisten seien von dem Projekt zwar begeistert gewesen, aber als es dann um eine finanzielle Unterstützung ging, hätten alle sofort abgeblockt, erzählte der Schulleiter.

Doch mitten in den Abiturprüfungen im Frühjahr sei die Rettung für die Auschwitz-Fahrt gekommen in Form eines Anruf des Vereins „Geilenkirchen bewegen“. „Wir haben nicht mehr als zwei Minuten gebraucht, die Entscheidung zu fällen. Es waren keine Diskussionen nötig“, erklärt die Vorsitzende Theresia Hensen. Es war schnell klar, dass der Verein die Fahrt mit 1000 Euro fördern wird. Mit dieser Spende will der Verein auch für Andere ein Beispiel sein, dass man dieses Projekt auch weiterhin unterstützen muss. „Nachahmer erwünscht!“, meint deshalb auch Leonhard Kuhn, Mitglied von „Geilenkirchen bewegen“ und stellvertretender Bürgermeister. Solange es noch Leute gebe, die den Holocaust leugnen, müsse man so etwas unterstützen, findet er.

Auch Theresia Hensen hofft, dass die Schülerinnen und Schüler die Erfahrungen, die sie auf der Fahrt machen, anderen weitergeben werden. Und selbst, wenn sie später erwachsen sind, sollen sie nicht vergessen, sondern versuchen, solche Verbrechen zu verhindern. „Völkermorde finden auch heute noch statt“, mahnt Hensen.

Für Lehrer Adalbert Wolynski ist es wichtig, dass es nicht darum gehe, deutschen Schülern eine Erbschuld aufzuladen, sondern dass sie sich als Menschen mit der Geschichte der Menschheit auseinandersetzen, um daraus für die Zukunft zu lernen. „Wer die Geschichte vergisst, muss sie noch einmal durchleben“, stehe deshalb in Auschwitz geschrieben.

Frieden nicht selbstverständlich

Wolynski hofft, dass genau das bei seinen Schülern nicht passieren wird. Daher ist auch die Auseinandersetzung mit der modernen und internationalen Stadt Krakau ein wichtiger Teil der Studienfahrt. Die Jugendlichen sollen verstehen, dass der europäische Frieden keine Selbstverständlichkeit ist und dass man sich bewusst für ihn einsetzen muss.

Die Gesamtschüler aus Geilenkirchen werden von der fünften Klasse an immer wieder an das Holocaust-Thema herangeführt. Benannt nach Anita Lichtenstein, die 1941 als jüdisches Mädchen aus Geilenkirchen deportiert und im Konzentrationslager Maydankek umgebracht wurde, ist der pädagogische Aufbau ganz auf der Aufarbeitung der deutschen Geschichte während des Nationalsozialismus aufgebaut. Für den 10. November ist ein Besuch von Raymond Ley, dem Regisseur des Fernsehfilms „Meine Tochter Anne Frank“ geplant, der von seiner Recherche zu dem Film erzählen wird und den Schülern für Fragen zur Verfügung steht. Auch das gehöre zur Nachbearbeitung der Auschwitz-Fahrt, so Schulleiter Uwe Böken.

Dass der Eindruck des Ortes die Schüler auch nach der Fahrt nicht mehr loslässt, kann man in der Schule sehen. Vor dem Eingang des Sekretariats hängt das Gemälde einer Schülerin, entstanden nach ihrer Fahrt nach Auschwitz im vergangenen Jahr. Es zeigt einen Jungen in Sträflingskleidung hinter einem hohen Stacheldrahtzaun, Luftballons ziehen ihn in die Höhe. Aber ob er damit den Zaun überwinden kann, verrät das Bild nicht.

Schüler sammeln Spenden

Dieses Jahr seien auch die Schüler selbst aktiv geworden, um die Fahrt am Leben zu erhalten, erzählt Adalbert Wolynski stolz. Die Neuntklässler organisierten einen Sponsorenlauf, und eine Klasse verkaufte selbst gemachten Kuchen. Die Einnahmen sind allein für die Auschwitz-Fahrt bestimmt. Dazu kamen noch Spendengelder durch den Lions Club Geilenkirchen. Aber auch private Spender finden sich immer wieder, die mit kleineren Geldbeträgen das Projekt unterstützen wollen.

Auch in Zukunft hofft die Schulleitung, dass sich Vereine, Unternehmen und Privatpersonen begeistern lassen. In diesem Jahr findet die Studienfahrt nach erstmals in Kooperation mit dem Bischöflichen Gymnasium Sankt Ursula statt. Eigentlich hätte das Spendengeld geteilt werden sollen, jedoch verzichtete das Gymnasium. Denn dessen 30 Schülerinnen und Schüler nehmen alle freiwillig an der Reise teil, für die Gesamtschüler ist die Studienfahrt aber Pflicht. „Als dieser Anruf kam, bin ich fast vom Stuhl gefallen“, freut sich Uwe Böken über diese Solidarität.

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