Berufskolleg backt Weckmänner für Flüchtlinge

Von: Renate Kolodzey
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Keiner geht leer aus: Hardy Hausmann vom DRK beim Verteilen der Weckmänner an drei der jüngsten Flüchtlingskinder, die in Geilenkirchen untergebracht sind. Foto: Renate Kolodzey
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Von den Schülern des Berufskollegs im Kunstunterricht selbst gestaltet: Geschenktüten mit Süßigkeiten und Spielsachen für die Flüchtlinge.

Geilenkirchen-Niederheid. „Wir sind geflohen wegen des Krieges und der schlechten Verhältnisse in unserem Land. Man konnte nicht auf die Straße gehen, ohne Angst zu haben, getötet zu werden. Ich habe selbst gesehen, wie jemandem der Kopf abgetrennt wurde“, erzählte der 47-jährige syrische Familienvater Ismail Ali aufgewühlt und deutete die schreckliche Tat mit einer Handbewegung unter seinen Hals von links nach rechts an.

„Hier gefällt es uns gut. Wir sind dankbar, dass wir Unterkunft, Kleidung und Essen bekommen. Seit 50 Tagen sind wir jetzt hier. Wenn sich die Lage in Syrien bessert, möchten wir zurück, denn vor allem meine Frau und unsere sechs Kinder vermissen ihre Heimat und ihre Schule“, fährt er fort, „ansonsten würden wir gerne in Deutschland bleiben und wie Deutsche leben.“ Er erzählte dies auf Türkisch einer Schülerin des Geilenkirchener Berufskollegs für Ernährung, Sozialwesen, Technik, die ebenfalls die türkische Sprache beherrscht und es übersetzte.

Sie war mit sechs weiteren angehenden Erzieherinnen und zwei Bäcker-Auszubildenden des Berufskollegs sowie Volker Willems und Hubert Küppers, Lehrer der dortigen Fachklassen für Bäcker, am Martinstag in das Flüchtlingsheim nach Niederheid gekommen, um den Kindern eine Überraschung vorbeizubringen: Die Schüler und Lehrer des Kollegs wollten den Flüchtlingen zeigen, dass sie willkommen sind, und das Martinsfest bot dafür einen geeigneten Anlass.

Kleine Geschenktüten

Also beschlossen sie kurzerhand, in den Bäcker-Fachklassen Weckmänner zu backen und im Kunstunterricht kleine Geschenktüten zu gestalten und sie mit Süßigkeiten und Spielzeug zu füllen.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) betreut die ehemalige Selfkantkaserne, in der die Flüchtlinge untergebracht sind, und Hardy Hausmann, Leiter der Einsatzdienste des DRK, begrüßte die Gäste an der Pforte zum Gelände. „Ein Teil des Geländes der Kasernen wurde abgegrenzt und ein Gebäude dem Kreis Heinsberg für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt“, erklärte er, „wir haben hier 15 hauptamtliche und 40 ehrenamtliche Mitarbeiter sowie drei Dolmetscher.“

Carsten Kohnen, organisatorischer Leiter der drei Camps des DRK in Erkelenz, Heinsberg und Niederheid, gesellte sich hinzu und informierte: „ Derzeit sind 110 Flüchtlinge mit zirka 35 Kindern hier, meist aus Syrien, aber auch aus Afghanistan und dem Irak.“

Zusammenleben ist friedlich

Im Wohnhaus mit Acht-Bett-Zimmern gebe es unter anderem ein Büro für die Aufenthaltsgenehmigungen, ein Zimmer für ärztliche Untersuchungen, einen Gebetsraum und einen Aufenthaltsraum mit Spielecke für die Kinder, der auch für den Deutschunterricht genutzt werde. Die Flüchtlinge blieben bis zur Registrierung eine Woche bis einige Monate. Sie fühlten sich hier gut untergebracht, und man habe keinerlei Probleme mit ihnen. Das Zusammenleben sei friedlich, sie würden beim Abwasch helfen und beim Sauberhalten der Anlage und sagen, sie würden auch in der Stadt von der Bevölkerung gut aufgenommen. Viele Syrer sprächen Englisch, einige Französisch oder Türkisch, die meisten Arabisch.

Auf dem Gelände konnte man Kinder verschiedenen Alters beim Herumtollen beobachten, einige fuhren mit Fahrrädern, was ihnen sichtlich Spaß machte. Hazan (9), Hazel (9), Salah (10), Hadi (12) und Muhammed (12) lachten und antworteten auf die auf Englisch gestellte Frage, was ihnen im Camp gut gefiele, dass ihnen die Hähnchen-Mahlzeiten gut schmeckten: „Chicken is good!“, jedoch konnte die Fahrräder nichts toppen, denn sie wiesen auf die Drahtesel und riefen strahlend wie aus einem Munde: „Best!“

200 Weckmänner und 60 Tüten

Als die Kinder die buntbeklebten Geschenktüten und Behälter mit den Weckmännern sahen, wurden ihre Augen groß, und die Schüler und Lehrer des Berufskollegs verteilten mit sichtlicher Freude 200 Weckmänner und 60 Tüten an Kinder und Erwachsene.

Besonders die Kleinsten konnten ihr Glück kaum fassen und knabberten sogleich an dem braunen, verführerisch duftenden Hefegebäck oder schauten neugierig in die Tüten. Auch ihren Eltern gefiel die Aktion. „Wir haben unter anderem eine Bildergeschichte ohne Schrift über Sankt Martin in die Tüten gesteckt, in der der Aspekt des Teilens im Vordergrund steht“, erläuterte Willems, „kein edler Ritter und kein unterwürfiger Bettler kommen darin vor. Wir möchten den Flüchtlingen unsere Kultur näherbringen ohne gesellschaftliches Schichtdenken.“

„Die Zutaten für die Weckmänner hat uns dankenswerterweise die Bäckerinnung zur Verfügung gestellt“, ergänzte er, „und parallel werden auch die Flüchtlingsheime in Heinsberg und Erkelenz an diesem Tag bedacht. Dort backen ortsansässige Bäckereien für sie.“

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