B221n: Bauern fürchten um ihre Existenz

Von: Markus Bienwald
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Sie bangen bei einem Bau der Umgehungsstraße um ihre Existenz (v.l.): Heinz-Josef Zaunbrecher, Ingrid Gerards, Norbert Schmitz und Norbert Zaunbrecher. Foto: Markus Bienwald, Harald Krömer

Übach-Palenberg. Der Informations- und Diskussionsabend zur Ortsumgehung Scherpenseel gab eine große Zahl von Antworten auf teils schon oft gestellte Fragen. Aber erstmals ließen die ortsansässigen Landwirte ihre Kritik hören. Und auch sie hörten Antworten wie die von Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch: „Ein Landwirt braucht keine Sorgen zu haben, dass er nicht entsprechend bedient wird, wir haben Ausgleichsflächen gekauft.“

Gestellt hat die Frage nach den Ausgleichsflächen für beim Bau wegfallendes Ackerland Ingrid Gerards, die gemeinsam mit Norbert Schmitz, Norbert Zaunbrecher, Heinz-Josef Zaunbrecher und Gerd l’Orteye zu den Vertretern der noch in Scherpenseel verbliebenen Gruppe von Landwirten zählt. Sie sehen die Ausgleichsflächen – die zum Teil übrigens auf dem Stadtgebiet von Hückelhoven liegen sollen – als irrelevant an. Sie stellen aber auch nicht infrage, dass Scherpenseel eine Entlastung braucht. Vielmehr stellen sie sich verzweifelt gegen die aktuelle Planung.

„Kommt einer Enteignung gleich“

Drei Schlagworte könnten dabei aus ihrer Sicht ein Ende der bisherigen Landwirtschaft vor Ort bedeuten: Flurbereinigung, Flächenverbrauch und Ausgleichsflächen. „Eine Flurbereinigung kommt einer Enteignung gleich“, sagt Norbert Zaunbrecher. Laut denkt er darüber nach, warum die jetzigen Planflächen für die Wunschtrasse der Ortsumgehung Scherpenseel nicht schon 1982, bei der letzten Flurbereinigung, mit einbezogen wurden. Und er macht klar, dass eine Flurbereinigung immer mit Flächenverlust für einen landwirtschaftlichen Betrieb einhergeht. Zehn oder 20 Prozent könnten es sein, er selbst hat es vor Jahrzehnten im elterlichen Betrieb erlebt.

„Wenn die Straße so kommt wie geplant, sind manche wertvollen Ackerflächen nur noch Schrott“, sagt Norbert Schmitz. Denn wenn die sechs Kilometer lange Streckenführung sich durch die Felder an die Anschlussstelle auf Geilenkirchener Gebiet schlängelt, werde nicht nur wertvolles Ackerland zerschnitten. Die verbleibenden Stücke Land seien dann mit modernem Gerät nicht mehr wirtschaftlich sinnvoll zu bearbeiten. „Und warum läuft die Trasse nicht über weniger fruchtbare Flächen, zum Beispiel die Sandgebiete?“, fragt Gerards.

Derweil rollt Norbert Schmitz die weiteren drei möglichen Trassen auf, die mit Streckenlängen zwischen 1,7 und 4,9 Kilometern einen wesentlich geringeren Flächenverbrauch hätten. „Die von der Stadt Übach-Palenberg und den Niederländern vorgelegte Planung dürfte gut 40 Hektar an Fläche kosten“, rechnet Schmitz hoch. Das liege auch an der von der Verwaltung hochgelobten Tieflage der Straße. „Sie sehen sie nicht, und Sie hören sie nicht“, hatte Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch gesagt, und dabei das Beispiel der Ortsumgehung Boscheln hinter der Schokoladen- und Brotfabrik gebracht.

#„Der Landschaftsverbrauch bei Tieflagen ist aber enorm, mit Böschungen und Absperrungen landet man schnell bei 40 Metern Gesamtbreite“, sagt Norbert Schmitz. Hinzu komme, dass mit jeder Bautätigkeit Ausgleichsflächen geschaffen werden müssten, was, so befürchten die Landwirte, den effektiven Verbrauch an bislang landwirtschaftlich genutzter Fläche nochmal erhöhen wird.

„Das alles allein ist schon existenzbedrohend“, sagt Heinz-Josef Zaunbrecher, aber aus Sicht der Landwirte kann es sogar noch schlimmer kommen. So gibt es ein Schreiben der Stadt, in dem Landbesitzern – die Landwirte sind meist keine Eigentümer, sondern pachten das Ackerland, um es zu nutzen – ein Angebot gemacht wird. Gesucht wird Tauschland, das im Schreiben von Mitte Februar dieses Jahres „für einen relativ kurzen Zeitraum“ zu Preisen angekauft werden soll, „die weit über dem üblichen Preisniveau liegen“.

Bis zu zehn Euro pro Quadratmeter werden geboten, bei guten Bonitäten „ist sogar dieser Preis noch ein Stück weit nach oben verhandelbar“, heißt es in dem Schreiben der Stadt Übach-Palenberg, das unserer Zeitung vorliegt. Auch ein Tausch Ackerflächen gegen Bauland „mit entsprechend zu Ihren Gunsten erhöhtem Gegenwert in einem sehr attraktiven Neubaugebiet“ sei möglich. Der Verkäufer könne mit der Veräußerung seines Ackerlands schließlich neben den attraktiven Renditeaussichten, „auch einen entscheidenden Beitrag zur wirtschaftlichen Gesundung unserer Stadt leisten“.

Für ihre Landwirtschaft könnte dieser Verkauf von bisherigem Ackerland allerdings das Ende bedeuten, befürchten die Bauern. „Wenn die Stadt die Flächen kauft, dann werden wir keine Flächen bekommen“, sagt Norbert Schmitz. „Wenn das so kommt, gibt es in Scherpenseel keine Landwirtschaft mehr“, fügt Norbert Zaunbrecher hinzu. Ein Stoßgebet dürfte dann vielleicht auch nicht mehr helfen.

Denn wie aus den üblicherweise gut unterrichteten Kreisen zu hören ist, wurden gut 20 Hektar Kirchenland, darunter auch Ackerland, schon veräußert, im Tausch gegen künftiges Bauland. Da klang das vom CDU-Ortsverbandsvorsitzenden in Scherpenseel, Dietmar Lux, eingangs verlesene Grußwort von Pfarrer Stephan Rüssel schon wie Hohn in den Ohren der Bauern. Dem Straßenbau wurde dort „viel Erfolg und Gottes Segen“ gewünscht.

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